Militarisierung – Christine Buchholz https://christinebuchholz.de Wed, 20 Feb 2013 13:18:47 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.0.12 Die "neue" Bundeswehr. Werbung und Wirklichkeit – eine Ausstellung der LINKEN https://christinebuchholz.de/2013/02/20/neue-ausstellung-der-linken-die-neue-bundeswehr-werbung-und-wirklichkeit/ Wed, 20 Feb 2013 13:18:47 +0000 http://christinebuchholz.de/?p=4054
Chrsitine & Enrico.web01
Christine Buchholz und Enrico H.

In Leipzig eröffnete ich am 8. Februar die Ausstellung der LINKEN „Die „neue“ Bundeswehr. Werbung und Wirklichkeit“. Unser Gast Enrico H., früherer Bundeswehrsoldat, erzählte dem interessierten Publikum  seine Geschichte als Betroffener des Posttraumatischen Belastungssyndroms, kurz PTBS.
Die Ausstellung kann bei der Linksfraktion im Bundestag (heinrich.eckhoff@linksfraktion.de) bestellt werden.
Die Ausstellung thematisiert das Agieren und die Rekrutierung der Bundeswehr im öffentlichen Raum und die Militarisierung des Alltags.
Schlussfolgerungen aus der Veranstaltung in Leipzig war: Soldatsein ist kein normaler Beruf. Keine Gewöhnung an Krieg als Mittel der Politik!
Weitere Bilder aus Leipzig.
Eröffnung der Ausstellung durch Christine Buchholz, Thomas Kachel und Enrico H.web
von li. nach re.: Enrico H., ehemaliger Bundeswehrsoldat; Christine Buchholz; Thomas Kachel, Referent für Sicherheitspolitik in der Bundestagsfraktion

Chrsitine bei der Vorstellung der Motive.webChrsitine & Enrico.web

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Antiimperialistische Unterstützung für Gaddafi? https://christinebuchholz.de/2011/03/07/antiimperialistische-unterstutzung-fur-gaddafi/ Mon, 07 Mar 2011 14:23:29 +0000 http://christinebuchholz.de/?p=1944 Ich halte es für einen Fehler des venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez, des Kubaner Fidel Castro und des nikaraguanischen Präsidenten Daniel Ortega, den libyschen Staatspräsidenten Gaddafi statt die libysche Bewegung von unten zu unterstützen. Ich möchte zwei Artikel zum Thema empfehlen: Mike Gonzalez, „Der Feind meines Feindes“, erschienen im Freitag am. 2.3.2011 und eine Analyse der Informationsstelle Militarisierung von Jürgen Wagner, „Libyen: Intervention im Namen des Volkes?, vom 3.3.2011.

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Gegen die Militarisierung der deutschen Politik https://christinebuchholz.de/2010/08/30/gegen-die-militarisierung-der-deutschen-politik-2/ Mon, 30 Aug 2010 15:23:56 +0000 http://christinebuchholz.de/?p=1417 Hier dokumentiere ich einen Beitrag von mir zur Programmdebatte der Partei DIE LINKE in der Zeitung Neues Deutschland vom 23.08.2010:

Die deutsche Außen- und Sicherheitspolitik hat seit 1990/1991 einen deutlichen Paradigmenwechsel durchgemacht. Will DIE LINKE. ihre Aufgabe als Anti-Kriegs-Partei erfüllen, muss sie sich mit dieser Entwicklung auseinandersetzen – auch im friedenspolitischen Teil des Parteiprogramms. Denn nur dann werden wir angemessen auf die Vorstöße der Bundesregierung wie den sechsmonatigen Wehrdienst, die Rüstungsprojekte oder die immer häufigeren Einsätze im Rahmen von EU- oder UN-Missionen in aller Welt reagieren können.

Die westdeutsche herrschende Klasse hat seit ihrer Niederlage im Zweiten Weltkrieg immer versucht, ihren politischen Spielraum auszudehnen, um ihre ökonomischen Interessen effektiver vertreten zu können. Unter den damaligen Bedingungen bedeutete das vor allem Westintegration, Wiederbewaffnung und NATO-Beitritt. Dabei haben alle Bundesregierungen versucht, eine eigenständige Rolle – durchaus auch im Konflikt mit den Verbündeten – zu spielen, sei es bei der Unterstützung der Nuklearprogramme in Südafrika und Brasilien, bei der Rüstungsexportpolitik oder bei der Währungspolitik.

Mit dem Ende der Blockkonfrontation und damit einhergehend der deutschen Vereinigung haben sich die globalen und regionalen Rahmenbedingungen geändert. Der Golfkrieg von 1991 bildete eine Zäsur. Er hat aufgezeigt, wie begrenzt der Einfluss des deutschen Kapitals international ist, solange Deutschland sich der direkten Kriegsbeteiligung verweigert. Die Bundesregierung zahlte, blieb aber ohne Einfluss auf die Nachkriegsordnung.

Seitdem sind die deutschen Regierungen bestrebt, systematisch die Fähigkeit zu erweitern, ihr wirtschaftliches Gewicht international auch durch den Einsatz von Waffengewalt zu flankieren. 1992 stand zum ersten Mal im Weißbuch der Bundeswehr, was Horst Köhler kürzlich auf den Punkt gebracht und wofür er viel Kritik geerntet hat: die Bundeswehr soll auch zur Sicherung und Durchsetzung wirtschaftlicher Interessen eingesetzt werden.

In dem Maße, wie die Zahl der Verlierer des globalen Kapitalismus, des Klimawandels und der Wirtschaftskrise einerseits und die Verteilungskonflikte zwischen den Industriestaaten um die verbleibenden Ressourcen andererseits zunehmen, wird auch die Bedeutung von Krieg und Militär wachsen. Um Handelswege abzusichern und rohstoffreiche Gebiete und strategisch bedeutende Regionen zu kontrollieren, werden die Herrschenden noch mehr als bisher auf die Bundeswehr zurückgreifen wollen. Neben Afghanistan können wir das bereits heute auch vor Somalia und im Sudan beobachten. Im Sudan heizen die Industriemächte, allen voran die USA und China, einen Bürgerkrieg um die Kontrolle des ölreichen Südsudan an, indem sie verschiedene Seiten unterstützen. In Somalia kämpfen die Industriestaaten, zumindest zum Teil, um die Absicherung der Route durch den Suezkanal. Und überall ist die Bundeswehr mit dabei.

Salamitaktik

Wesentliches Hindernis für eine Militarisierung der Außenpolitik war die tief verwurzelte Ablehnung jeglicher militärischer Gewalt in der deutschen Bevölkerung nach den Verwüstungen und Toten des Zweiten Weltkrieges. Deswegen entwickelte die Bundesregierung Anfang der 90er Jahre eine »Salamitaktik« (Verteidigungsminister Volker Rühe), um Deutschland wieder kriegsfähig zu machen: Schrittweise Umstrukturierung der Bundeswehr zu einer »Armee im Einsatz« und sukzessive Gewöhnung der Bevölkerung »an Krieg, Tod und Verwundung«, wie Generalinspekteur der Bundeswehr Wellershof es 1991 formulierte.

Auslandseinsätze begannen scheinbar harmlos mit einzelnen Sanitätern der Bundeswehr in Kambodscha und einem kleinen Kontingent in Somalia 1992 und 1993. Aber Schritt für Schritt wurden die Einsätze größer und gewalttätiger, bis zur ersten bundesdeutschen Beteiligung an einem Angriffskrieg gegen Jugoslawien 1999. Es ist symptomatisch, dass es einer SPD/Grünen-Regierung bedurfte, das auch innenpolitisch durchzusetzen. Die moralische Legitimation und der Verweis auf Menschenrechte, Demokratie und der geschichtsrevisionistische Vergleich mit Auschwitz haben Krieg wieder gesellschaftsfähig gemacht.

So bleibt bis heute der »Menschenrechtsimperialismus« wesentlich zur Legitimierung von Kriegen. Die öffentliche Erwähnung der simplen Tatsache, dass Kriege aus geopolitischen und letztlich ökonomischen Interessen heraus geführt werden, kostete Bundespräsident Köhler das Amt. Jedenfalls entdecken die Medien und die Politik überall dort, wo die »nationalen Interessen« einen Militäreinsatz erfordern, eine humanitäre Krise, Menschenrechtsverletzungen, Diktaturen, Bedrohungen für die Nachbarn oder gar einen »neuen Hitler«, um einen Militäreinsatz als legitim darstellen zu können. Vergleichbare Missstände, die die Interessen der westlichen herrschenden Klassen nicht tangieren, gelangen derweil kaum ins öffentliche Bewusstsein. Fakt ist, westliche Militärinterventionen finden statt, wenn sich die so genannten nationalen Interessen der beteiligten Staaten durch diesen Einsatz fördern lassen.

Nicht in unserem Namen

Die Menschen, in deren Interesse die Einsätze angeblich durchgeführt werden, zahlen einen hohen Preis. Der Kosovo ist Protektorat der EU, serbische Bevölkerung wurde größtenteils aus dem Kosovo vertrieben, verbleibende serbische Bevölkerung befindet sich in einem Dauerkonflikt mit albanischen Nationalisten. Der Irak ist ein besetztes Land. Abgereichertes Uran von westlichen Waffen hat Landstriche verseucht, das Öffentliche ist privatisiert. Hunderttausende im Irak sind gestorben, um eine neoliberale, pro-westliche Besatzung durchzusetzen. In Afghanistan hält die NATO in einem anhaltenden und blutigen Krieg eine korrupte und unbeliebte Regierung an der Macht, die sich in den Provinzen auf die alten Kriegsherren und Drogenbarone stützt.

Aber auch die große Mehrheit der deutschen Bevölkerung profitiert nicht von den Kriegen. Wenn von »unseren« oder »nationalen Interessen« die Rede ist, sind damit immer jene der Konzerne und ihrer Eigentümer gemeint. Sie brauchen den Zugang zu Rohstoffen und Märkten, sie ernten die Profite, es ist in ihrem Sinne, wenn weltweit Ausbeutungs- und Unterdrückungsverhältnisse aufrecht erhalten werden. Die große Mehrheit – auch in Deutschland – bekommt lediglich die Rechnung präsentiert.

Während die Bundesregierung bei arbeitslosen Eltern sparen will, veranschlagt der Bundeshaushalt für den Afghanistaneinsatz dieses Jahr 1,2 Milliarden Euro. Laut einer kürzlich veröffentlichten Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) wird dieser Krieg bis 2014, sollte die Bundeswehr bis dahin abgezogen sein, insgesamt 34 Milliarden Euro gekostet haben (inklusive vom DIW berechneten Nebenkosten). Das alles bezahlen wir mit unseren Steuergeldern.

Militarisierung der Gesellschaft

Neben den unmittelbaren Kosten der Einsätze und der Rüstung wird die Gesellschaft auch noch durch die zunehmende Militarisierung des öffentlichen Lebens belastet. Wir erleben in den letzten Jahren eine wahre Schwemme an öffentlichkeitswirksamen Veranstaltungen der Bundeswehr in Deutschland. Dabei sind öffentliche Gelöbnisse nur die Spitze des Eisberges. Jugendoffiziere haben im vergangenen Jahr 115 000 Schülerinnen und Schüler erreicht. Wehrdienstberater konnten in den Schulen gar vor 281 000 Jugendlichen auftreten. Die Zahl der Lehramtsanwärter, die Ausbildungsangebote der Bundeswehr nutzen, ist seit dem Jahr 2003 von 50 auf nunmehr 1073 hochgeschnellt. Weitere 3266 Lehrkräfte haben im vergangenen Jahr Fortbildungen beim Militär besucht.

Auf Initiative der Bundeswehr haben in den letzten zwei Jahren fünf Landesregierungen Kooperationsvereinbarungen im Bildungsbereich mit ihr abgeschlossen – in Nordrhein-Westfalen, Saarland, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz sowie jüngst in Mecklenburg-Vorpommern. In Hessen steht die Unterzeichnung kurz bevor. Ziel der Abkommen ist es, die Nachfrage nach Jugendoffizieren an den Schulen zu erhöhen. Darüber hinaus arbeitet die Abteilung Öffentlichkeitsarbeit der Bundeswehr daran, die Verankerung der Bundeswehr in der Bevölkerung zu verbessern durch Präsenz und logistische Unterstützung auf Volksfesten und Messen, Zusammenarbeit und Partnerschaften mit Kommunen, Kooperation mit Vereinen. Im hessischen Stadtallendorf hat die Division Spezielle Operationen (DSO) beispielsweise eine Sporthalle und ein Schwimmbad gebaut, die örtliche Vereine gegen ein geringes Entgelt nutzen können.

All das dient der Legitimierung der heutigen Bundeswehr. Die Einsätze selbst sind unbeliebt, wie die Umfragen zur deutschen Beteiligung in Afghanistan belegen. Laut ARD Deutschlandtrend schwankt die Ablehnung in den letzten drei Jahren zwischen 54 Prozent und 72 Prozent – mit einer Tendenz zu mehr Ablehnung. Die Bundeswehr hingegen ist, auch als Ergebnis dieser Kampagnen, heute angesehener als noch vor 20 Jahren. Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Allensbach vom Mai 2010 haben 51 Prozent der Deutschen »sehr viel« oder »ziemlich viel« Zutrauen in die Bundeswehr, der Bundestag kommt nur auf 34 Prozent, die Kirchen auf 39 Prozent. Die Zustimmung ist bei jungen Menschen (15 bis 35 Jahre) überdurchschnittlich hoch, was sicherlich ein Ergebnis der Anstrengungen der Öffentlichkeitsarbeit der Bundeswehr ist und dazu beiträgt, frische Rekruten für die Bundeswehr zu gewinnen.

Außerdem sehen wir, wie die Bundeswehr sich die immer trüberen Aussichten der jungen Menschen auf einen Arbeitsplatz zunutze macht, um die »Armee im Einsatz« als vielversprechenden Arbeitgeber zu profilieren. Ein überproportionaler Anteil der neuen Rekruten und Freiwilligen kommt aus strukturschwachen Regionen, insbesondere aus Ostdeutschland. Viele der Soldaten in den Auslandseinsätzen geben offen zu, dass sie des Geldes wegen ihr Leben riskieren und an den neuen Feldzügen der deutschen Armee teilnehmen. So sieht angebliche Freiwilligkeit im Kapitalismus aus.

Friedenspolitische Forderungen

Das neue Programm der LINKEN muss diese Entwicklungen der Militarisierung der deutschen Politik in ihre Überlegungen einbeziehen und die programmatischen Forderungen entsprechend konkretisieren und zuspitzen.

Militäreinsätze lösen keine Probleme. Im Gegenteil, meist verschärfen sie die Probleme und schaffen neue Konflikte, um so mehr, als sie immer Teil der deutschen Interessenpolitik sind. Deswegen muss das Programm konsequent jeden Militäreinsatz ablehnen.

Für die neue Interventionspolitik der deutschen Herrschenden ist die Frage Wehrpflicht ja oder nein völlig irrelevant. Die »Armee im Einsatz« setzt bisher ausschließlich auf Zeit- und Berufssoldaten, ebenso wie die britische und die US-Armee. Die Forderung nach der Abschaffung der Wehpflicht ist trotzdem richtig, weil es sich um einen Zwangsdienst handelt. Die Abschaffung der Wehrpflicht ist aber kein Mittel gegen die Militarisierung der Außenpolitik und der Gesellschaft. Unser Ziel muss die Auflösung der Bundeswehr sein, dies sollte als Ziel auch programmatisch festgehalten werden. Schritte dahin sind die Reduzierung der Bundeswehr und der Umbau in Richtung strukturelle Nichtangriffsfähigkeit.

Eine eigenständige deutsche Rüstungsproduktion ist für die von potenziellen Rivalen unabhängige Interventionsfähigkeit der Bundeswehr essenziell. Deswegen, und auch um Friedenspolitik nicht gegen Arbeitnehmerpolitik ausspielen zu lassen, ist es dringend notwendig, die Debatten, die in der IG Metall in den 1970er und 80er Jahren über Rüstungskonversion geführt wurden, wieder aufzunehmen.

Ein erster Schritt wäre ein komplettes Verbot von Rüstungsexporten. An dieser Stelle positioniert sich der Programmentwurf halbherzig, indem er nur das Verbot von Rüstungsexporten in Krisengebiete fordert. Rüstungsgüter werden aber laufend in Krisengebiete weiterexportiert, auch wenn sie Deutschland in Richtung eines ruhigen Staates verlassen haben. Und Rüstungsexporte sind sowohl ein Instrument der Einflussnahme auf »befreundete« Staaten als auch ein Weg, zumindest einen Teil der Kosten für eine eigene deutsche Rüstungsproduktion auf andere abzuwälzen. Insofern muss die Forderung heißen: Verbot der Rüstungsproduktion.

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Der Afghanistan-Krieg in der deutschen Öffentlichkeit – Schlussfolgerungen für die Linke https://christinebuchholz.de/2010/07/15/der-afghanistan-krieg-in-der-deutschen-offentlichkeit-schlussfolgerungen-fur-die-linke-in-deutschland/ Thu, 15 Jul 2010 12:01:44 +0000 http://christinebuchholz.de/?p=1245 Beitrag von Christine Buchholz auf der Konferenz „Afghanistan – Probleme, Konflikte, Perspektiven – Teil II“ am 10. Juli 2010 in Berlin
Stabile Ablehnung
Während die Regierung versucht, den Einsatz in Afghanistan zu rechtfertigen – sei als Kampf gegen Terror und für unsere Sicherheit, sei es als Unterstützung für Wiederaufbau und Demokratie in Afghanistan, sei es als Kampf um Frauenrechte –  zeigen Meinungsumfragen stabile Mehrheiten gegen den Einsatz.
In den letzten drei Jahren schwankte die Ablehnung des Krieges in ARD Deutschlandtrend zwischen 52 und 71 Prozent – Tendenz steigend.[1]
Mehrheiten in der Bevölkerung sind auch gegen den Einsatz, wenn die Frage hart gestellt wird: Allensbach ermittelte im Mai 2010, dass 48 Prozent für sofortigen Abzug seien, auch wenn noch kein Friede erreicht sei, nur 32 Prozent meinen, das Land müsse erst stabilisiert werden. Im Osten ist die Ablehnung des Krieges sogar noch deutlicher (68 Prozent für bedingungslosen Abzug).[2]
Gründe der Ablehnung
Die Bundeswehr ist neben der Polizei die Institution, zu der die Menschen in Deutschland das meiste Zutrauen haben (52 Prozent „sehr viel“ oder „ziemlich viel“, zum Vergleich trauen dem Bundestag nur 29 Prozent, der Bundesregierung: 25 Prozent und der Katholischen Kirche vor dem Missbrauchsskandal 29 Prozent.[3]
Gründe von Ablehnung sind also im Einsatz selbst zu suchen: Erstens meinen 86 Prozent, in Afghanistan herrsche Krieg. Alle anderen Beschreibungen seien unglaubwürdige Versuche der Beschönigung.
Zweitens sehen im Gegensatz  zum Jahr 2006 nicht mehr 61 Prozent die Gefährdung durch Terroranschläge, sondern nur 31 Prozent. Außerdem glauben nur 15 Prozent, der Einsatz trage zur Sicherheit Deutschlands bei, 69 Prozent meinen, Deutschland werde NICHT am Hindukusch verteidigt.[4]
Drittens erklärten in einer Emnid-Umfrage vom Februar 2008  41 Prozent der Befragten, ihrer Meinung nach sei die Bundeswehr für den Einsatz nicht ausreichend ausgerüstet und ausgebildet.[5]
Auch die Berichterstattung aus Afghanistan widerspricht der Darstellung der Regierung. Einerseits wird über Verluste der Bundeswehr berichtet, andererseits gibt es trotz aller Anstrengungen der Kriegsbefürworter kaum „Erfolgsstories“ als Gegengewicht. Auffällig ist auch die zunehmende kritische Berichterstattung über die Misserfolge der Besatzung.
Die Bombardierung von Kundus hat vielen Menschen deutlich gemacht, dass die afghanische Bevölkerung zu den Opfern des Krieges gehört, dass es keinen Kampf gegen einen klar abgrenzbaren „Feind“ gibt. Sie hat die Ablehnung des Krieges nicht signifikant erhöht, aber vertieft.
Die  NATO ist unfähig mit ihren 150.000 Soldaten, dazu rund 130.000 afghanischen Sicherheitskräften und 100.000 Söldnern, den Widerstand zu brechen und für „Ruhe und Ordnung“ zu sorgen. Die Bündnispartner geben sich gegenseitig die Schuld. Das wirft Fragen auf, die auch medial widergespiegelt werden.
Plötzlich ist die Korruption der Regierung Karsai im Fokus der Berichterstattung – natürlich zu Recht. Die Erkenntnis, dass die Korruption zur Unbeliebtheit der Regierung beiträgt, hat mittlerweile ihren Weg in die Spalten des SPIEGEL und anderer Medien gefunden.[6] Nicht so allerdings die banale Erkenntnis, dass Korruption, der Drang nach persönlicher Bereicherung auf Kosten der afghanischen Bevölkerung, das einzige ist, was die Regierungsclique um Karsai überhaupt zusammenhält.
Die Ablehnung des Krieges wird, bei allen Schwankungen je nach Formulierung der Frage und Tagesereignissen, weiter auf hohem Niveau bleiben, eventuell noch ansteigen, weil
–          der Widerstand gegen die NATO wächst, und damit auch die Verluste;
–          mit wachsendem Widerstand auch die Unzulänglichkeiten der Besatzung und der Regierung Karsai in den Blick kommen;
–          keine Perspektive sichtbar ist, wie der Krieg gewonnen werden könnte, er somit in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit zunehmend unsinniger wird;
–          sich unter diesen Umständen immer neue Risse unter den Verbündeten auftun, bis hin zum Abzug einzelner Staaten wie z.B. Kanada oder die Niederlande;
Schlussfolgerungen
Der Krieg ist verloren. Die Verantwortlichen in der NATO hoffen noch auf ein Wunder und versuchen, durch massive militärische Eskalation die Nachkriegsordnung noch zu ihren Gunsten zu verändern. Aber die Erkenntnis der Niederlage ist da. McChrystal sagte bereits zum Beginn seines Kommandos, zitiert in jenem Bericht im Rolling Stone Magazine, der Krieg sei militärisch nicht zu gewinnen, es gehe darum, die Afghanen zu überzeugen.[7]
Petraeus will nun die Einsatzregeln verändern, die die NATO eingeführt hatte, um afghanische Zivilisten zu schützen. Der Schutz der eigenen Soldaten solle wieder Vorrang haben. Die regelmäßigen zivilen Opfer und die „Irrtümer“, bei denen die NATO-Soldaten afghanische Soldaten töten, bestärken die afghanische Bevölkerung in ihrer Ablehnung der Besatzer und stärken den Widerstand.
Es besteht die Gefahr, dass die NATO tut, was das US-Militär in Vietnam getan hat: angesichts der Niederlage den Krieg auf Kosten der Bevölkerung eskalieren. Die USA hatten in Vietnam die Niederlage seit dem Jahr 1969 vor Augen, eskalierten den Krieg, töteten weitere rund drei Millionen Menschen und flohen dann im Jahr 1975 panikartig aus Vietnam.
Unsere Aufgabe besteht darin, dieses Leiden zu verkürzen, alles daran zu setzen, die Truppen so schnell wie möglich und mit sowenig Verlusten auf allen Seiten wie möglich herauszuholen.
Da die Bundesregierung offensichtlich plant, auf Gedeih und Verderb Teil der NATO-Operation zu bleiben, liegt es an der Opposition innerhalb und außerhalb des Parlaments den Druck zu erhöhen.
Die Aktivitäten der Friedensbewegung und der LINKEN zu diesem Thema sind in den letzten Jahren wichtig gewesen. Die Aktion zu Kundus im Bundestag hat weltweit und in der deutschen Öffentlichkeit Aufmerksamkeit erregt. Der Untersuchungsausschuss ebenfalls. Unsere Plakate, Broschüren und Internetauftritt liefern regelmäßig Argumente.
Aber wir müssen uns die Frage stellen, warum die Mobilisierungen verglichen mit der Ablehnung des Krieges so verhältnismäßig klein ausfallen. Im Vorfeld des Irak-Krieges waren rund 500.000 Menschen auf der Straße. Davon sind wir heute sehr weit entfernt.
Das hat mehrere Gründe:
Erstens: damals waren SPD und Grüne mit im Boot. Zu Afghanistan aber haben sie bestenfalls eine halbherzige Haltung, die SPD unterstützt den Krieg immer noch, die Grünen stellen ihn nicht grundsätzlich in Frage. Ihre Strukturen sind nicht Teil der gesellschaftlichen Mobilisierung gegen den Krieg in Afghanistan. Auch wenn beide Parteien den Einsatz inzwischen deutlich kritischer bewerten als in den Jahren zuvor, sie stehen weiter mehrheitlich dazu.
Zweitens: und mit erstens zusammenhängend, gibt es ein inhaltliches Problem. Im Fall des Irak war es einfach, „Kein Blut für Öl!“ machte deutlich, worum es ging. Die Argumente für den Krieg waren alle offensichtlich konstruiert. Beim Afghanistankrieg gibt es zwar hohe Ablehnungsraten, aber auch viel Verunsicherung und Unkenntnis über die Lage im Land und die Kriegsgründe. SPD und Grüne tragen zu dieser Verunsicherung tatkräftig bei.
Drittens: damals hatten die Menschen die Hoffnung, Demonstrationen könnten den Irak-Krieg verhindern. Im mittlerweile zehnten Jahr kann sich kein Friedensaktivist vorstellen, warum gerade die nächste Demo etwas ändern soll.
Viertens: auch wenn die Umfragen hohe Ablehnungsraten belegen, rangiert der Krieg unter den Problem der Menschen weit hinten, wie die Allensbach Umfrage vom Mai 2010 belegt.
Für DIE LINKE ergeben sich folgende Aufgaben:
–          Vertiefung der Argumentation gegen den Krieg, der Kenntnisse über die reale Lage in Afghanistan, Konsequenzen des Krieges für die Menschen in Afghanistan. Besondere Bedeutung hat die Diskussion in Kirchen, die SPD- und Grünen-nahen entwicklungspolitischen Organisationen und den Gewerkschaften. Es bleibt die Aufgabe der LINKEN deutlich zu machen was die Hintergründe des Krieges sind, dass der Polizeiaufbau in Afghanistan die Probleme verschärft und dass nur der Abzug der Truppen eine Voraussetzung für die Entwicklung des Friedens in Afghanistan ist.
–          Verbindung mit innenpolitischen und sozialen Fragen. Dabei geht es um die Kosten des Krieges, die Konsequenzen für die Soldatinnen und Soldaten, aber auch über die tiefergreifende Militarisierung der Gesellschaft, durch die verstärkte öffentliche Präsenz der Bundeswehr. Die Aufgabe der LINKEN ist es Alternativen für die Ausbildung und berufliche Perspektive von jungen Menschen jenseits der Bundeswehr zu entwickeln.
–          Gemeinsam mit der Friedensbewegung arbeitet die LINKE weiter an der Vernetzung aller Kriegsgegnerinnen und Kriegsgegner, um weitere Aktivitäten wie den 1. Jahrestag der Bombardierung von Kundus, der nächsten Mandatsverlängerung und dem 10. Jahrestag des Krieges im Oktober 2011 zu planen.


[1] http://www.tagesschau.de/multimedia/bilder/deutschlandtrendgrafiken128_mtb-1_pos-3.html;
http://www.finanznachrichten.de/nachrichten-2010-01/15845150-ard-deutschlandtrend-januar-2010-afghanistan-zustimmung-zum-bundeswehr-einsatz-auf-neuem-tiefstand-007.htm;
http://www.infratest-dimap.de/umfragen-analysen/bundesweit/ard-deutschlandtrend/2010/januar/.
[2] http://www.faz.net/s/Rub0CCA23BC3D3C4C78914F85BED3B53F3C/Doc~EF43EDA9FE3814A86B60E403BF4EFFB77~ATpl~Ecommon~Scontent.html
[3] Dr. Thomas Bulmahn (Hrsg.), Sicherheits- und verteidigungspolitisches Meinungsklima in Deutschland. Ergebnisse der Bevölkerungsbefragung Oktober/November 2009. Kurzbericht, Januar 2010, S. 21.
[4] „Während im September 2006 – vermutlich unter dem Eindruck der kurz zuvor vereitelten Bombenanschläge auf deutsche Eisenbahnzüge – 61 Prozent der Deutschen sagten, sie fürchteten, dass es in Deutschland ‚in nächster Zeit‘ zu Terroranschlägen kommt, sagen dies heute noch 31 Prozent.“, Dr. Thomas Petersen, Wird Deutschland am Hindukusch verteidigt?, in: FAZ, 26. Mai 2010.
[5] http://www.bild.de/BILD/news/politik/2008/02/10/afghanistan/bundeswehr.html.
[6] Vergl.: http://www.welt.de/politik/ausland/article8205830/In-Afghanistan-verschwindet-Geld-kistenweise.html, http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,702117,00.html und http://www.dw-world.de/dw/article/0,,5146700,00.html.
[7] Das entspricht auch der Analyse, die Stanley McChrystal in seinem „Initial Assessment“ formulierte. Siehe: Stanley McChrystal, COMISAF’s Initial Assessment, 30. August 2009.

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Überlegungen zu den Perspektiven linker Friedenspolitik https://christinebuchholz.de/2010/06/17/uberlegungen-zu-den-perspektiven-linker-friedenspolitik/ Thu, 17 Jun 2010 14:51:59 +0000 http://christinebuchholz.de/?p=1174 Ein Beitrag zum gesellschaftspolitischen Forum der Rosa-Luxemburg-Stiftung am 10./11. Juni in Wiesbaden von Christine Buchholz, MdB.
Der friedenspolitische Teil des Programmentwurfs muss sich klarer mit dem Paradigmenwechsel in der deutschen Außen- und Sicherheitspolitik seit 1990/1991 befassen hin zur globalen Durchsetzung der Konzernstrategien, deren Gesamtheit wieder als „Nationales Interesse“ bezeichnet wird.
Interventionsfähigkeit – das zentrale Ziel deutscher Sicherheitspolitik
Die westdeutsche herrschende Klasse hat seit ihrer Niederlage im Zweiten Weltkrieg immer versucht, ihren politischen Spielraum auszudehnen, um ihre ökonomischen Interessen effektiver vertreten zu können. Unter den damaligen Bedingungen bedeutete das vor allem Westintegration, Wiederbewaffnung und NATO-Beitritt. Dabei haben alle Bundesregierungen versucht, eine eigenständige Rolle –durchaus auch im Konflikt mit den Verbündeten – zu spielen, sei es bei der Unterstützung der Nuklearprogramme in Südafrika und Brasilien, bei der Rüstungsexportpolitik oder bei der Währungspolitik.
Mit dem Ende der Blockkonfrontation, und damit einhergehend der deutschen Vereinigung, haben sich die globalen und regionalen Rahmenbedingungen geändert. Der Golfkrieg von 1991 bildete eine Zäsur, die aufzeigte hat, wie begrenzt der Einfluss des deutschen Kapitals international ist, solange Deutschland sich der direkten Kriegsbeteiligung verweigert. Die Bundesregierung zahlte, blieb aber ohne Einfluss auf die Nachkriegsordnung.
Seitdem sind die deutschen Regierungen bestrebt, systematisch die Fähigkeit zu erweitern, ihr wirtschaftliches Gewicht international auch durch den Einsatz von Waffengewalt zu flankieren. 1992 stand zum ersten Mal im Weißbuch der Bundeswehr, was Horst Köhler kürzlich auf den Punkt gebracht und viel Kritik dafür geerntet hat, wir als LINKE aber seit Jahren sagen: die Bundeswehr soll zur Sicherung und Durchsetzung wirtschaftlicher Interessen eingesetzt werden. Im persönlichen Gespräch sagten mir Angehörige der Division Spezielle Operationen (DSO) der Bundeswehr, dass sie selbstverständlich auch die deutschen Wirtschaftsinteressen vertreten würden, und zeigten kein Verständnis für die Aufregung um das Köhler-Zitat.
Wesentliches Hindernis für eine Militarisierung der Außenpolitik war die tief verwurzelte Ablehnung jeglicher militärischer Gewalt in der deutschen Bevölkerung nach den Verwüstungen und Toten des Weltkrieges. Deswegen entwickelte die Bundesregierung Anfang der 90er Jahre eine „Salamitaktik“ (Verteidigungsminister Volker Rühe), um Deutschland wieder kriegsfähig zu machen: Schrittweise Umstrukturierung der Bundeswehr zu einer „Armee im Einsatz“ und sukzessive Gewöhnung der Bevölkerung „an Krieg, Tod und Verwundung“, wie Generalinspekteur der Bundeswehr Wellershof es formulierte.
Auslandseinsätze begannen scheinbar harmlos mit einzelnen Sanitätern der Bundeswehr in Kambodscha und einem kleinen Kontingent in Somalia 1992 und 1993. Aber Schritt für Schritt wurden die Einsätze größer und gewalttätiger, bis zur ersten bundesdeutschen Beteiligung an einem Angriffskrieg gegen Jugoslawien 1999. Es ist symptomatisch, dass es einer SPD/Grünen-Regierung bedurfte, das innenpolitisch durchzusetzen. Erst die moralische Legitimation durch die politische „Linke“ und der Verweis auf Menschenrechte, Demokratie und den Kampf gegen Faschismus haben den Krieg wieder gesellschaftsfähig gemacht.
So bleibt bis heute der „Menschenrechtsimperialismus“ wesentlich zur Legitimierung von Kriegen. Die öffentliche Erwähnung der simplen Tatsache, dass Kriege aus geopolitischen und letztlich ökonomischen Interessen heraus geführt werden, kostete Bundespräsident Köhler das Amt. Jedenfalls entdecken die Medien und die Politik überall dort, wo die „nationalen Interessen“ einen Militäreinsatz erfordern, eine humanitäre Krise, Menschenrechtsverletzungen, Diktaturen, Bedrohungen für die Nachbarn oder gar einen „neuen Hitler“, um einen Militäreinsatz als legitim darstellen zu können. Vergleichbare Missstände, die die Interessen der westlichen herrschenden Klassen nicht tangieren, gelangen derweil kaum ins öffentliche Bewusstsein.
Fakt ist, dass westliche Militärinterventionen – und die Bundeswehr agiert international bis auf Weiteres nur im Verbund mit anderen Staaten – nur stattfinden, wenn sich die so genannten nationalen Interessen der beteiligten Staaten durch diesen Einsatz fördern lassen. Die Menschen, in deren Interesse die Einsätze angeblich durchgeführt werden, zahlen einen hohen Preis. Der Kosovo ist eine Halbkolonie der EU, die serbische Bevölkerung wurde größtenteils vertrieben, die verbleibenden Serben befinden sich in einem Dauerkonflikt mit albanischen Nationalisten. Prostitution, Drogenhandel und Korruption sind wesentliche Merkmale des Protektorats. Der Irak ist mittlerweile von angereichertem Uran weitflächig verseucht, das Öffentliche privatisiert. Hunderttausende im Irak sind gestorben, damit nun eine Regierung das Sagen hat, die man weder als demokratisch noch als sozial oder den Menschen verpflichtet bezeichnen kann. In Afghanistan hält die NATO in einem anhaltenden und blutigen Krieg eine korrupte und unbeliebte Regierung, die sich in den Provinzen auf die alten Kriegsherren und Drogenbarone stützt, an der Macht. Die Bilanz westlicher Militärinterventionen – ob mit UN-Mandat oder ohne – ist für die betroffenen Bevölkerungen verheerend.
Zusätzliche Legitimität versuchen sich die Herrschenden durch internationale Bündnisse zu verschaffen. Die höchste Weihe ist dabei ein Mandat des UN-Sicherheitsrates. Dadurch erhält eine Militärintervention den Mantel des internationalen Rechts. Aber auch wenn das nicht zu schaffen ist, weil wesentliche imperialistische Akteure sich nicht einig werden, ist der Verweis auf die „westliche Wertegemeinschaft“ eine wichtige Unterstützung der Kriegsbefürworter. Für Deutschland ist das militärische Vorgehen im Verbund auch deshalb unverzichtbar, weil der Umbau der Bundeswehr noch lange nicht abgeschlossen ist.
Deshalb setzt das deutsche strategische Establishment auf internationale politische und militärische Bündnisse, vor allem die NATO und die EU. Deshalb versuchen die westlichen Regierungen mit Ansätzen wie der „Vernetzten Sicherheit“ und der „Responsibility to Protect“, die das Recht zu präventiven Militärschlägen einräumt, die Unterstützung der Öffentlichkeit für Kriege zu erlangen.
Neuordnung der Welt: Stoff für neue Konflikte
Eine Zunahme militärischer Konflikte und internationaler Militäreinsätze ist aus zwei Gründen zu erwarten. Wir erleben zum einen eine strukturelle Entwicklung, die mit der Herausbildung einer stärker multipolaren Weltunordnung einhergeht. Die kurze Phase der Unipolarität ist vorbei, und die neue Verteilung der Einflusssphären geht schon jetzt mit bewaffneten Konflikten um den Ausbau des chinesischen Einflusses in Afrika, in Zentralasien und am Persischen Golf einher, während in den ehemaligen Sowjetrepubliken der politische Streit um die Ausrichtung auf Russland, die USA oder die EU handfest ausgetragen wird.
Hinzu kommt aber eine Entwicklung, die ich konjunkturell nennen will und die mit der langfristigen Krisentendenz des globalen Kapitalismus seit Ende des Nachkriegsaufschwungs zu tun hat. Diese Krisenhaftigkeit hat sich seit Ende des Kalten Krieges wieder deutlicher und verschärft gezeigt. Und gegenwärtig erleben wir die womöglich schwerste Weltwirtschaftskrise seit 80 Jahren.
Es gibt genug Gründe zu bezweifeln, dass der Aufschwung bereits da ist oder im nächsten Quartal kommt, wie einige Wirtschaftsforschungsinstitute und interessierte Kreise bereits wieder verbreiten. Auch wenn sich die deutsche Wirtschaft vorerst aus ihrem Krisentief zu erholen scheint, gilt dies keineswegs für die Weltwirtschaft insgesamt. Die globale Schuldenkrise hat Dimensionen, vor denen der historische Anstieg der deutschen Staatsschulden sich wie die Spitze des Eisbergs ausmacht. Und global haben wir es weiterhin mit einem Volumen an fiktivem Kapital zu tun, das die Gesamtwirtschaftsleistung der Welt um ein Mehrfaches übersteigt und auf seiner Suche nach rentablen Anlagemöglichkeiten früher oder später neue Fälle von Überinvestition und Spekulation mit all ihren Folgen produzieren wird. Egal wie es weitergeht, eine Rückkehr zum so genannten Goldenen Zeitalter wird es nicht geben, und das bedeutet, dass es eine Rückkehr zu seiner Stabilität nicht geben wird. Unter kapitalistischen Verhältnissen bedeutet Instabilität immer Anspannung, Reibungen, Machtkämpfe. Und natürlich wirtschaftliche und soziale Verwerfungen. Wann der soziale Kollaps eines Landes zu politischen Unruhen führt und wo das als nächstes geschehen wird, darüber will ich nicht spekulieren. Aber es ist auffällig, wie gleitend der Übergang zwischen Aufstandsbekämpfung und Militäreinsatz in ernsten politischen Krisensituationen wird, und dass zum Beispiel die afghanische Polizei von deutschen Ausbildern vor allem in „crowd management“, also dem Vorgehen gegen Demonstrationen ausgebildet wird. Mindestens eine der von der Europäischen Union gebildeten Battle Groups, nämlich die European Gendarmerie Force, ist ausdrücklich zum Einsatz im Innern befugt. Der Lissabon-Vertrag sieht gegenseitige auch militärische Unterstützung für den Fall vor, dass Regierungen durch Erhebungen und Aufstände der Bevölkerung aus dem Amt gezwungen zu werden drohen. Bundeswehrsoldaten werden bei solchen Gelegenheiten im Ausland vielleicht nicht so bald eingesetzt werden, aber deutsche Friedenspolitik muss auch heißen, die Ausbildung, Ausrüstung und anderweitige internationale Unterstützung von Regierungen zu bekämpfen, die gegen ihre Bevölkerung mit Waffengewalt vorgehen.
Wir sehen also einer Zeit entgegen, in der es international zu erheblichen Verschiebungen und Konflikten kommen wird, gerade im Hinblick auf wirtschaftlich und strategisch wichtige Regionen, wobei, wie Lenin richtig erkannte, die Motivation der Akteure gar nicht sein muss, den eigenen Einfluss zu vergrößern, sondern den Einflusszuwachs von Konkurrenten zu begrenzen. Diese Entwicklung findet nun statt vor dem Hintergrund einer schweren und wahrscheinlich anhaltenden globalen Stagnationskrise. Die Geschichte zeigt, dass solche Phasen eine deutliche Tendenz haben, internationale Spannungen auch ins Militärische hinein anzuheizen.
Internationalismus und Widerstand
Die Strategie aller etablierten Parteien ist, die deutsche Rolle bei Auslandseinsätzen auszubauen. Dem entgegen fordert das Standpunkte-Papier, das die Rosa Luxemburg Stiftung zur Vorbereitung der Veranstaltung „Anforderungen an deutsche Friedenspolitik“ am 11. und 12. Juni in Wiesbaden veröffentlicht hat, zu Recht ein Ende „sämtlicher Militärinterventionen“ der Bundeswehr. Ob es sich nämlich um einen Kampf- oder Kriegseinsatz, eine „friedenserhaltende“ oder „friedenserzwingende“ Maßnahme handelt, wenn Soldaten und Militärgerät in einen Konflikt geschickt werden, um dort militärisch zu operieren, lässt sich schlichtweg nicht unterscheiden. Weder am Vorgehen noch an den Ergebnissen, und daran ändert auch ein UN-Mandat nichts.
Die Frage ist nun, wer kann mit welchen Mitteln die Forderung nach einem Ende deutscher Auslandseinsätze umsetzen?
Zuerst müssen wir festhalten, dass die große Mehrheit der deutschen Bevölkerung nicht von den Kriegen profitiert. Wenn von „unseren“ oder „nationalen Interessen“ die Rede ist, sind damit immer jene der Konzerne und ihrer Eigentümer gemeint. Sie brauchen den Zugang zu Rohstoffen und Märkten, sie ernten die Profite, es ist in ihrem Sinne, wenn weltweit Ausbeutungs- und Unterdrückungsverhältnisse aufrecht erhalten werden. Die große Mehrheit auch in Deutschland bekommt lediglich die Rechnung präsentiert.
Während die Bundesregierung bei arbeitslosen Eltern sparen will, veranschlagt der Bundeshaushalt für den Afghanistaneinsatz dieses Jahr 1,2 Milliarden Euro. Laut einer kürzlich veröffentlichten Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung DIW wird dieser Krieg bis 2014, sollte die Bundeswehr bis dahin abgezogen sein, insgesamt (inklusive aller Nebenkosten) 34 Milliarden Euro gekostet haben. Die Rüstungsprojekte, all die Fregatten, U-Boote, Schützenpanzer, Transportflugzeuge, Hubschrauber, Raketenabwehrsysteme, Satellitenprojekte, sowie die Armee selbst – all das bezahlen wir mit unseren Steuergeldern.
Und das ist nur die Spitze des Eisbergs. Mit der heutigen Technik, mit den heutigen Produktionsmitteln ließe sich der Hunger auf der Welt abschaffen. Es wäre möglich, allen Menschen ein Leben in Würde zu ermöglichen. Aber dazu müsste das leitende Prinzip der Wirtschaft nicht Konkurrenz sein, sondern Kooperation und demokratische Kontrolle, kurz: Produktion nach den Bedürfnissen der Menschheit in ihrer natürlichen Umwelt. Unsere Aufgabe ist es, die Spannungen darzulegen als Konflikte, die sich an der Ausbeutung und der ungleichen und ungerechten Verteilung des weltweiten Reichtums entzünden. Und zu zeigen, dass diejenigen, die in und für diese Konflikte leiden und ihr Leben riskieren müssen, nicht diejenigen sind, die von diesen Konflikten profitieren, egal wie sie ausgehen. Damit erfüllen wir politisch eine wichtige Aufgabe. Das erste Opfer von Krieg und „friedenserhaltenden Militärmaßnahmen“ ist die Wahrheit. Ihr verhelfen wir wieder zur Geltung. Der Hohn und Spott, den wir dafür vom Establishment ernten, sollte uns eine Bestätigung sein.
Ich sehe einen Schwachpunkt des bisherigen Programmentwurfs in der strategischen Fixierung auf UNO und Völkerrecht. So richtig es ist, sich auf die Ideale der UN-Charta wie das Gewaltverbot in den internationalen Beziehungen, die Gleichberechtigung der Staaten, das Selbstbestimmungs- und das Widerstandsrecht der Völker etc. zu beziehen, werden Appelle an die Mächtigen, das zu verwirklichen, in der Zukunft so vergeblich bleiben, wie sie es in der Vergangenheit gewesen sind.
„Zwischen gleichem Recht entscheidet die Gewalt“, dieser Satz aus dem Kapital lässt sich auch auf die internationalen Beziehungen übertragen. Völkerrecht und UNO schweben nicht im freien Raum, sondern unterliegen realen Kräfteverhältnissen. Und so gibt nicht eine imaginäre Staatengemeinschaft den Ton an und schafft Fakten, sondern wirtschaftlich und militärisch mächtige Staaten, die sich dazu der NATO oder des UNO-Sicherheitsrates bedienen.
Unsere Perspektive muss der Aufbau internationaler Solidarität zwischen den Menschen sein und damit eine Stärkung des Widerstandes gegen den neuen Imperialismus. Da die Mehrheit nichts davon hat, dass deutsche Soldaten in den Krieg ziehen oder deutsche Waffen in Krisengebiete geliefert werden, da sie im Gegenteil die Toten zu beklagen und die Zeche zu zahlen hat, muss ihre Solidarität allen anderen gelten, die unter den Streitigkeiten der herrschenden Klassen zu leiden haben.
Wenn griechische Hafenarbeiter die Verschiffung von Waffenmaterial der USA zum Einsatz im Irak verweigern, ist das gelebte Solidarität und eine wirkungsvolle Methode, Sand in das Getriebe der Kriegsmaschine zu streuen und Druck auf den Kriegstreiber USA zu machen. Dasselbe leisten englische Bahnarbeiter, indem sie den Transport von Waffenmaterial der britischen Armee boykottieren. Wenn die Free Gaza Schiffe, die die Eingeschlossenen im Gaza-Streifen mit Hilfsgütern und Medikamenten versorgen und damit Israels Blockade durchbrechen wollen, dann ist das gelebte Solidarität und schafft überhaupt erst die Möglichkeit, die Einhaltung des Völkerrechts, in diesem Falle von Resolutionen der UN-Vollversammlung durch Israel, zu erzwingen, und eine andere Politik durchzusetzen.
Und es ist wichtig, dass wir durch breite Mobilisierungen unüberhörbar das Signal aussenden, dass die Kriege der deutschen und europäischen Regierungen nicht in unserem Namen geführt werden. Jede Demo, jeder Ostermarsch und jede Aktion gegen den Krieg ist ein aktiver Beitrag zur Völkerfreundschaft, der nicht nur in den Kriegsgebieten dieser Welt ankommt, sondern auch bei den Soldaten im Einsatz und bei den Menschen unterschiedlicher Herkunft und Kulturen hier im Lande.
Die Perspektive deutscher Friedenspolitik muss die Organisierung und politische Unterstützung solcher internationaler Solidarität und Proteste sein. Der Aufbau von Gegenbewegung ist auch hier nicht nur der bunte Teil einer linken Doppelstrategie, sondern hat strategische Bedeutung.
Militarisierung des Alltags – Militarisierung der Gesellschaft
Was wir bereits sehen, ist, wie die Bundeswehr sich die immer trüberen Aussichten der jungen Menschen auf einen Arbeitsplatz zunutze macht, um die „Armee im Einsatz“ als vielversprechenden Arbeitgeber zu profilieren. Ein überproportionaler Anteil der neuen Rekruten und Freiwilligen kommt aus strukturschwachen Regionen. Viele der Soldaten in den Auslandseinsätzen geben offen zu, dass sie des Geldes wegen ihr Leben riskieren und an den neuen Feldzügen der deutschen Armee teilnehmen. So sieht Freiwilligkeit im Kapitalismus aus.
Jugendoffiziere haben im vergangenen Jahr 115.000 Schülerinnen und Schüler erreicht. Wehrdienstberater konnten in den Schulen gar vor 281.000 Jugendlichen auftreten. Die Zahl der Lehramtsanwärter, die Ausbildungsangebote der Bundeswehr nutzen, ist seit dem Jahr 2003 von 50 auf nunmehr 1.073 hochgeschnellt. Weitere 3.266 Lehrkräfte haben im vergangenen Jahr Fortbildungen beim Militär besucht.
Auf Initiative der Bundeswehr haben in den letzten zwei Jahren vier Landesregierungen Kooperationsvereinbarungen im Bildungsbereich mit ihr abgeschlossen – Nordrhein-Westfalen, Saarland, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz. In Mecklenburg-Vorpommern und Hessen steht die Unterzeichnung kurz bevor. Ziel der Abkommen ist es, die Nachfrage nach Jugendoffizieren an den Schulen zu erhöhen.
Darüber hinaus arbeitet die Abteilung Öffentlichkeitsarbeit der Bundeswehr daran, die Verankerung der Bundeswehr in der Bevölkerung zu verbessern durch:
Präsenz und logistische Unterstützung auf Volksfesten und Messen (Hessentag, Berufsbildungsmessen, Internationale Luftfahrt Ausstellung), Zusammenarbeit und Partnerschaften mit Kommunen, Kooperation mit Vereinen. Im hessischen Stadtallendorf hat die Division Spezielle Operationen (DSO) beispielsweise eine Sporthalle und ein Schwimmbad gebaut, das örtliche Vereine gegen ein geringes Entgelt nutzen können.
270.000 Soldatinnen und Soldaten waren im Auslandseinsatz, 100.000 davon in Afghanistan. Auch diese Entwicklung verändert die Gesellschaft von innen. Identifikation mit der Truppe, das Gemeinschaftsgefühl oder auch Korpsgeist – all das sind Erfahrungen, die heimgekehrte Bundeswehrsoldaten weitergeben.
Diese Entwicklung einbeziehend muss das neue Programm der LINKEN eine Positionierung zur Bundeswehr erarbeiten. Dabei ist zu bedenken, dass – so richtig die Forderung nach der Abschaffung der Wehrpflicht ist – alle Szenarien für die Zukunft der Bundeswehr von dem Bild einer Interventionsarmee ausgehen. Ich denke, dass unser Ziel die Auflösung der Bundeswehr sein sollte. Schritte dahin sind die Reduzierung der Bundeswehr und der Umbau in Richtung strukturelle Nichtangriffsfähigkeit.
In dem Zusammenhang ist auch die Positionierung gegen alle Rüstungsexporte, gegen Rüstungsproduktion und für Konversion wichtig. Auch an dieser Stelle positioniert sich der Programmentwurf halbherzig, indem er nur das Verbot von Rüstungsexporten in Krisengebiete fordert. Rüstungsgüter werden aber laufend in Krisengebiete weiterexportiert, auch wenn sie Deutschland in Richtung eines ruhigen Staates verlassen haben. Der Druck zum Export wird so lange bestehen, wie deutsche Unternehmen Waffen herstellen.
Ein bisher unterbelichteter Aspekt der „Mobilmachung“ ist das Schaffen von Feindbildern. Hier spielt die Hetze gegen den Islam eine zentrale Rolle. Ihre Funktion ist in den vorliegenden Papieren unzureichend beleuchtet. Zur Legitimierung einer aggressiven Außenpolitik gerade in Zentralasien und im Nahen Osten arbeiten ihre Protagonisten an der Verbreitung eines Bildes vom Islam und seiner Anhänger als kategorisch aufklärungsfeindlich, demokratieunfähig, repressiv und gewaltbereit. Der konservative US-Historiker Samuel Huntington gab in den 90er Jahren mit seinem Buch über den „Zusammenprall der Kulturen“ die Richtung für eine Außen- und Innenpolitik vor, die Muslime und Nicht-Muslime als Gegner in den kommenden globalen Auseinandersetzungen definieren will. Ein Nebeneffekt dieser außenpolitischen Ausrichtung, der konservativen und nationalistischen Strömungen in die Hände spielt, ist ein erschreckendes Anschwellen des anti-muslimischen Rassismus in vielen westlichen Industriestaaten. Pauschalisierende und ressentiment-gespeiste Verurteilungen des Islam als Religion und der muslimischen Minderheiten in Europa und Nordamerika unterlaufen nicht nur die gesellschaftliche Ablehnung der NATO-Feldzüge in dem „Strategischen Halbmond“ zwischen östlichem Mittelmeer und Zentralasien, sondern schwächen direkt die Anti-Kriegsbewegung in ihrer Bündnis- und Mobilisierungsfähigkeit. Die öffentlichen Proteste gegen den „Krieg gegen den Terror“ können konstanter und größer werden, wenn neben anderen Organisationen muslimische Gemeinden in Vorbereitung und Mobilisierung einbezogen werden.
Antikapitalismus
Viele Kräfte auf der Welt, die gegen den neuen Imperialismus stehen, begründen dies zunächst aus ihrer nationalen, teils aus religiöser Sicht. Der linke Antiimperialismus versteht sich als Teil des Antikapitalismus.
Da wir wissen, dass die militärischen Auseinandersetzungen aus der Dynamik wirtschaftlicher Konkurrenz entstehen, wissen wir auch, dass eine andere Art des Wirtschaftens nötig ist, um diese Art von Konflikten aus der Welt zu schaffen. Unsere Forderung nach der Verstaatlichung der Energiekonzerne, der großen privaten Banken und anderer Schlüsselindustrien ist daher ein Beitrag zur Reduzierung des internationalen Konfliktpotentials. Nicht weil staatliche Beamte die besseren und friedlicheren Manager wären. Aber weil eine Verstaatlichung, die mit einer Demokratisierung der Entscheidungsfindung einhergehen muss, erst die Möglichkeit eröffnet zu wirtschaften, ohne auf Wachstum, Verdrängung der Konkurrenten und Profitmaximierung zu orientieren. Wer keine Profite mehr einfahren muss, muss auch nicht versuchen, vom Krieg zu profitieren. Jede Kommunalisierung eines Energieversorgers, die zu einem Umstieg auf nachhaltige Energiequellen führt, leistet einen Beitrag zur internationalen Konfliktverhütung.
Und natürlich müssen wir weiterhin den Widerstand gegen die Umsetzung des Lissabon-Vertrages organisieren, dessen Verabschiedung einen historischen Tiefpunkt in den demokratischen Gepflogenheiten der beteiligten Staaten darstellt. Wir akzeptieren nicht, dass die Aufrüstung der EU-Staaten nun eine Aufgabe von Verfassungsrang sein soll.
Stand: 17.6.2010
Rückmeldungen an christine.buchholz@die-linke.de

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Wer hat Angst vor der Friedensbewegung? https://christinebuchholz.de/2009/04/02/wer-hat-angst-vor-der-friedensbewegung/ Thu, 02 Apr 2009 15:36:56 +0000 http://christinebuchholz.de/?p=267 Vor wenigen Tagen drohte die Bundespolizei, den Sonderzug der Friedensbewegung aus Nordrhein-Westfalen (NRW) nach Kehl zu den Anti-NATO-Protesten Anfang April zu stoppen. „Wenn es die Sicherheitslage erfordert“, hieß es, müsse die „Friedenslok“ gut zwanzig Kilometer vor dem Zielort, dem Bahnhof in Kehl, angehalten werden. Dem war die Ankündigung der französischen Behörden vorausgegangen, die internationale Protestdemonstration gegen den NATO-Gipfel nicht in der Innenstadt von Strasbourg zuzulassen.
In Baden-Württemberg wird unterdessen der größte Polizeieinsatz in der Geschichte des Landes vorbereitet. Zugleich arbeitet die Landesregierung an der Verschärfung des Versammlungsrechtes.
Die Regierungen von Deutschland, Frankreich und den USA, die maßgeblich die Vorbereitungen des Gipfels anläßlich des 60jährigen Bestehens des Militärbündnisses prägen, haben offensichtlich ein Interesse daran, die Proteste im Vorfeld zu kriminalisieren. Die Friedensbewegung wird zum Sicherheitsrisiko erklärt, um von den wahren Gefahren, die von der NATO ausgehen, abzulenken. Die Kriegsstrategen wollen nicht von Demonstrationen gestört werden, auf denen über ihre Politik und ihre Ziele aufgeklärt wird.
Vor zehn Jahren bombardierte die NATO Serbien. Es war der erste „Out-of-Area-Einsatz“ des Bündnisses: ein Meilenstein in der Umwandlung des angeblichen Verteidigungsbündnisses in ein global agierendes Interventionsbündnis. Inzwischen stehen NATO-Kriege wie selbstverständlich auf der Tagesordnung. Der Afghanistan-Krieg wird weiter eskaliert. Neben den USA ist Deutschland dabei eine treibende Kraft. US-Präsident Barack Obama kündigte jüngst an, 17000 weitere Soldaten an den Hindukusch zu schicken, die Bundesregierung will ihr Kontingent um 600 Mann aufstocken.
Der Krieg ist nicht populär, aber aus Sicht der NATO-Strategen zentral, um die geopolitischen Machtinteressen der Mitgliedstaaten auszubauen Auf dem Gipfeltreffen am 3. und 4. April will das Militärbündnis eine Strategie auf den Weg bringen, die das weltweite militärische Eingreifen noch leichter und effektiver macht. Darum geht es der NATO in Strasbourg und Baden-Baden, und deshalb sollen die Proteste der Friedensbewegung möglichst unsichtbar sein. Potentielle Demonstranten sollen durch Verbote und Einschüchterungsversuche verunsichert werden.
Um Kriege durchzusetzen, wird einmal mehr die Militarisierung nach innen vorangetrieben. Nicht nur Demonstranten werden eingeschüchtert, auch die Bevölkerung wird verunsichert. Durch übertriebene Sicherheitsmaßnahmen erzeugen die Regierungen ein Gefühl der Bedrohung, die Protestierer sollen isoliert werden.
Diese Taktik geht aber nicht mehr auf und kann sogar in ihr Gegenteil umschlagen. Bereits die Aktionen gegen den Bush-Besuch in Mainz 2005 stießen auf große Sympathie der Bevölkerung. Die Mobilisierung zu den Protesten gegen den G8-Gipfel in Heiligendamm im Sommer 2007 zog nach absurden Versuchen der Kriminalisierung erst richtig an.
Die Friedensbewegung wird sich auch jetzt nicht einschüchtern lassen. Die Aktionskonferenz am 14./15. Februar in Strasbourg hat einen Appell für das demokratische Recht, in der Innenstadt zu demonstrieren, verabschiedet. An diesem Sonntag findet dort ein öffentliches Blockadetraining statt. Und auch die Initiatoren der Friedenslok lassen sich nicht von den Drohungen beeindrucken, sondern starten eine neue Runde der Mobilisierung.
Christine Buchholz arbeitet mit im Bündnis zur Vorbereitung der Anti-NATO-Proteste und im Bundesausschuß Friedensratschlag. Sie ist Mitglied im geschäftsführenden Bundesvorstand der Partei Die Linke
Aus: Junge Welt, 07.03.2009 / Inland / Seite 5

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