Menschenrechte – Christine Buchholz https://christinebuchholz.de Thu, 29 Aug 2019 10:04:59 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.0.12 DIE LINKE verteidigt das Recht auf Religions- und Weltanschauungsfreiheit. https://christinebuchholz.de/2018/10/19/die-linke-verteidigt-das-recht-auf-religions-und-weltanschauungsfreiheit/ Fri, 19 Oct 2018 12:10:41 +0000 http://christinebuchholz.de/?p=6947 Ich habe heute zu dem Antrag der Regierung zur Religionsfreiheit gesprochen. Wir wenden uns dagegen, wenn Religion instrumentalisiert wird, um Herrschaft zu legitimieren. Wir wenden uns dagegen, wenn Religion missbraucht wird, um Menschen gegeneinander auszuspielen – wie es die AfD tut.
In Deutschland brauchen wir die rechtliche Gleichstellung aller Religionen, einen neutralen Staat und die Gewährung von individueller Religionsfreiheit. Ob Kopftuch, Kreuz oder Kippa, jeder soll sein Bekenntnis offen zeigen können.

Sehr geehrter Herr Präsident!
Meine Damen und Herren!
Die Religionsfreiheit schützt vor allem die Freiheit des Menschen, sich religiös oder weltanschaulich selbst zu bestimmen und danach zu leben. Sie enthält drei Dimensionen: die individuelle Freiheit zum Glauben, die individuelle Freiheit vom Glauben
(Frank Schwabe (SPD): Genau!)
– das ist leider in diesem Antrag nicht wirklich konkret ausgeführt – und die Freiheit, seinen Glauben öffentlich und sichtbar zu leben. Die Linke verteidigt das Recht auf Religions- und Weltanschauungsfreiheit in all ihren Dimensionen.
(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten der SPD – Dr. Stefan Ruppert (FDP): Das ist mir neu! – Zuruf von der CDU/CSU: Das ist ganz neu!)
Wir wenden uns dagegen, wenn Religion instrumentalisiert wird, zum Beispiel wenn Religion missbraucht wird, um Herrschaft zu legitimieren, oder wenn Religion missbraucht wird, um Menschen gegeneinander auszuspielen. Es ist gut, wenn nach der Debatte über den Bericht der Regierung zur weltweiten Religionsfreiheit heute wieder über dieses Thema diskutiert wird. Das sage ich nicht nur, weil ich mich als nichtgläubiger Mensch seit über 25 Jahren intensiv mit Religion und Menschen unterschiedlichster Religionsgemeinschaften in Deutschland und weltweit auseinandersetze; das sage ich vor allen Dingen, weil es mit der AfD eine Fraktion im Bundestag gibt,
(Dr. Alexander Gauland (AfD): Die spaltet! Ich weiß!)
die das universelle Menschenrecht auf Religionsfreiheit mit Füßen tritt,
(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
die Menschen gegeneinander ausspielt und die dem Islam das Recht auf Religionsfreiheit abspricht.
Nur ein Satz zum Antrag der AfD zur Christenverfolgung: Mit ihrem Rassismus und mit ihrem selektiven Verständnis von Menschenrechten ist die AfD eine denkbar schlechte Anwältin für Christen weltweit, die verfolgt und bedrängt sind.
(Beifall bei der LINKEN, der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)
Nun zum Antrag der Regierungsfraktionen. Der Antrag „Menschenrecht auf Religionsfreiheit weltweit stärken“ enthält richtige Punkte. Die Linke begrüßt es, wenn Menschenrechte Grundlage von Außenpolitik sind.
(Beifall bei der LINKEN)
Aber lassen Sie mich auch einige kritische Anmerkungen machen. Ich teile vieles, was Aydan Özo?uz in ihrer Rede gesagt hat. Aber wenn Sie richtigerweise die Allgemeingültigkeit des Menschenrechts auf Religionsfreiheit herausstellen, dann gibt es doch eine Schlagseite in Ihrem Antrag. Ich will das an einem Punkt deutlich machen.
Sie schreiben mit Blick auf das Christentum, was faktisch natürlich absolut richtig ist:
Auf keine andere Religionsgemeinschaft entfallen mehr Verfolgte.
Sie schreiben aber auch, das Christentum ist nun mal die größte Religionsgemeinschaft weltweit. Aber ist das entscheidend? Die religiöse Unterdrückung ist vielfältig, und alle Religionen sind betroffen. Angesichts der massiven Unterdrückung der muslimischen Uiguren in China oder der Rohingya in Myanmar muss doch klar sein: Die verschiedenen Fälle und Religionen dürfen nicht gegeneinander aufgerechnet werden.
(Beifall bei der LINKEN – Michael Brand (Fulda) (CDU/CSU): Das steht doch genau so im Antrag!)
Für Die Linke gibt es keine Hierarchie der Unterdrückung. Jede Unterdrückung muss bekämpft werden.
(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten der SPD – Michael Brand (Fulda) (CDU/CSU): Das steht doch im Antrag drin, Frau Buchholz!)
Noch ein Kommentar zu Herrn Braun, der sich auf die Kopten in Ägypten bezogen hat. In den Gefängnissen von Herrn el-Sisi, für den Sie gewisse Sympathien empfinden,
(Jürgen Braun (AfD): Woher wissen Sie das? – Weitere Zurufe von der AfD)
sitzen Zehntausende, und da sitzen Muslime, Christen und Atheisten. Dazu würde ich auch gern mal ein klares Wort von Ihnen hören.
(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
Sie von den Regierungsfraktionen führen in Ihrem Antrag zu Recht das Leid der Jesiden im Irak an. Wir begrüßen es, wenn Christen und Jesiden wieder eine Perspektive im Irak bekommen. Aber was nicht zusammenpasst mit der Anerkennung des Leids der Jesiden in Ihrem Antrag, ist die Schmutzkampagne Horst Seehofers gegen das BAMF in Bremen, die auf dem Rücken von jesidischen Geflüchteten ausgetragen wurde.
(Beifall bei der LINKEN – Michael Brand (Fulda) (CDU/CSU): Mein Gott!)
Angeblich zu hohe Schutzquoten in Bremen wurden skandalisiert; dabei waren jesidische Flüchtlinge als Opfer von Mord und Terror des IS offenkundig Schutzbedürftige.
Wenn wir dieses Leid, zu Recht, beklagen, müssen wir uns fragen: Wie konnte der IS so stark werden? Was hat das mit den Zerstörungen der Irakkriege zu tun? Was hat das mit einer irakischen Regierung zu tun, die religiöse Spaltung bewusst verstärkt und Sunniten und andere benachteiligt? Und auch der sogenannte Krieg gegen den Terror: Repression und Unterdrückung befeuern an anderen Orten dieser Welt den Terror, unter dem dann wieder Minderheiten leiden. – Ich finde, darüber sollten Sie nachdenken, bevor Sie die Bundeswehr das nächste Mal entsenden oder Waffen exportieren.
(Beifall bei der LINKEN)
Schade ist es, dass Sie den Antrag nicht nutzen, um die friedenspolitische Bedeutung der Religionsgemeinschaften herauszustellen. Die EKD schreibt:
So kann unter Umständen eine säkulare Menschenrechtsorganisation in einem islamischen Land über bessere Einflussmöglichkeiten verfügen als eine noch so starke westliche Kirche. Oft ist vielversprechend, gemeinsam mit muslimischen Organisationen aktiv zu werden …
Ich fände es gut, wenn Sie zum Beispiel diesen Gedanken bei der Einbindung unterschiedlicher religiöser oder weltanschaulicher Akteure in die Entwicklungszusammenarbeit aufgreifen und stärken würden.
(Beifall bei der LINKEN)
Die Regierungsfraktionen sprechen in ihrem Antrag anders als Aydan Özo?uz in ihrer Rede nicht über die Religionsfreiheit hierzulande in Deutschland. Ich finde, wir sollten stärker auch vor der eigenen Haustür kehren. Als am vergangenen Wochenende 240 000 Menschen unter dem Hashtag #unteilbar demonstriert haben, haben sie auch für Religionsfreiheit demonstriert.
(Beifall bei der LINKEN – Zuruf des Abg. Stephan Protschka (AfD))
Im Aufruf heißt es: „Die derzeitigen Angriffe auf Menschenrechte, Religionsfreiheit und Rechtsstaat sehen wir mit großer Sorge.“
Es gibt viele Initiativen des interreligiösen und weltanschaulichen Dialogs, beispielsweise den Frankfurter Rat der Religionen. Sie leisten eine unglaublich wichtige Arbeit, die zu würdigen ist.
Die Aufgabe der Bundesregierung ist es, für die Religionsfreiheit und auch für die Gleichberechtigung der Religionen zu sorgen. Dafür brauchen wir die rechtliche Gleichstellung aller Religionen und Weltanschauungsgemeinschaften in Deutschland.
(Beifall bei der LINKEN)
Das bedeutet auch, Wege zu finden, die rechtliche Gleichstellung des Islams in Deutschland endlich umzusetzen. Wir brauchen einen neutralen Staat; denn er ist die Voraussetzung für eine umfassende Gleichberechtigung der Religionen in Deutschland. Und: Wir wollen die Gewährung von individueller Religionsfreiheit. Ob Kippa, Kopftuch oder Kreuz – jeder und jede soll sein oder ihr Bekenntnis in der Öffentlichkeit zeigen können und darf dadurch nicht in der Berufswahl eingeschränkt werden.
(Beifall bei Abgeordneten der LINKEN sowie des Abg. Kai Gehring (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN))
Wenn Sie das umsetzen, wäre das auch ein starkes Signal für einen glaubwürdigen Einsatz für Religionsfreiheit weltweit.
Vielen Dank.
(Beifall bei der LINKEN)

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Israel-Palästina: Menschenrechtsdiskurs weiterführen https://christinebuchholz.de/2018/10/10/israel-palaestina-menschenrechtsdiskurs-weiterfuehren/ Wed, 10 Oct 2018 11:08:45 +0000 http://christinebuchholz.de/?p=6955 Mein Beitrag auf der Tagung „Shrinking space im Israel-Palästina-Konflikt – Aufbruch zu einem konstruktiven Miteinander“ der Evangelischen Akademie zu Bad Boll am 22. September 2018

Am 22. September 2018 richtete die Evangelische Akademie zu Bad Boll eine Tagung unter dem Titel „Shrinking space im Israel-Palästina-Konflikt – Aufbruch zu einem konstruktiven Miteinander“ aus. Die Tagung wurde wie folgt angekündigt: „Der Diskurs um den Nahostkonflikt in Europa ist in eine Krise geraten. Der Demokratie- und Menschenrechtsdiskurs wird durch unterschiedliche Vorwürfe blockiert. Veranstaltungen werden abgesagt bzw. untersagt, der Vorwurf der Einseitigkeit schnell erhoben. Zivilgesellschaftliche Friedensgruppen haben zunehmend Schwierigkeiten, Räume für Diskussionen zu bekommen, so dass die Handlungsspielräume der internationalen Zivilgesellschaft immer kleiner werden. Dabei wären auf Grund der Komplexität des Konfliktes ein verstärkter Dialog und eine offenere Auseinandersetzung mit Informationen dringend angezeigt.
Auf der Tagung vertrat ich DIE LINKE auf einem Panel unter dem Titel „Offener Menschenrechtsdiskurs Israel – Palästina“, zu dem auch Vertreterinnen und –vertreter von CDU/CSU, SPD und Grüne eingeladen waren. Leider erschien von den anderen Parteien niemand. Ich dokumentiere hier meinen Beitrag:
„Die Evangelische Akademie hat mich darum gebeten, etwas zu meiner Wahrnehmung des Menschenrechtdiskurses über Israel und Palästina in Bundestag, Medien und Gesellschaft zu sagen. Und dazu, wer oder was einen offenen Dialog verhindert. Beziehungsweise, wie ein offener Diskurs gelingen kann.
Das tue ich gerne. Zunächst möchte ich mich aber bei Michael Blume, dem Antisemitismusbeauftragten der baden-württembergischen Landesregierung, bedanken. Dafür, dass er gekommen ist und nicht dem Druck abzusagen nachgegeben hat. Und ich möchte mich bei der Akademie-Leitung bedanken, dass sie diesen Diskurs möglich macht und diese Veranstaltung durchführt.
Michael Blume hat gesagt: Wenn wir es unter den friedlichen Bedingungen in Deutschland und Europa nicht schaffen, miteinander zu diskutieren, wir könnten wir dann einen Dialog von den Konfliktparteien in der Krisenregion einfordern? Ich stimme Herrn Blume hier ausdrücklich zu.
Nun zu der Wahrnehmbarkeit des Menschenrechtsdiskurses bezüglich Israels und Palästinas im Bundestag. Dass die anderen eingeladenen Fraktionen heute nicht an der Tagung teilnehmen, sagt eigentlich alles. Er spielt im Bundestag keine große Rolle.
Anträge der LINKEN zu diesem Themenkomplex – sei es zur Administrativhaft, der Anerkennung Palästinas, zu 70 Jahren Nakba oder auch zur UNRWA werden regelmäßig von den anderen Fraktionen abgelehnt.

Das heißt nicht, dass es nicht häufig Gespräche mit NGOs und Initiativen geben würde, die sich für die Menschenrechte in Nahost engagieren – auch mit Vertretern der anderen Fraktionen. Selbst die Reise einer Delegation des Verteidigungsausschusses nach Israel/Palästina sah Gespräche mit regierungskritischen Organisationen wie „Breaking the silence“ oder „Bet’selem“ vor. Nur leider haben solche Treffen kaum Konsequenzen.

Stattdessen positioniert sich die Regierung immer wieder einseitig auf der Seite der israelischen Regierung. Ich will das an einem Beispiel deutlich machen, mit dem ich mich als Mitglied des Verteidigungsausschusses beschäftige: Es gibt es die kontinuierliche Rüstungskooperation der Bundesregierung mit der israelischen Regierung. Seit Jahren werden Steuergelder zur „Beschaffung von Verteidigungssystemen für Israel“ bereitgestellt. Allein im Bundeshaushalt 2019 sind dafür 50 Millionen Euro vorgesehen – nicht als Kredit, sondern als nichtrückzahlbare Zuwendung. Mitten im letzten Gasakrieg wurde ein Atom-U-Boot ausgeliefert. Es gibt gemeinsame Übungen der israelischen Streitkräfte und der Bundeswehr, zum Beispiel zur Ausbildung von Soldaten in Urban Warfare und Tunnelkampf. In Kürze wird die Bundeswehr bewaffnungsfähige Drohnen vom Typ Heron-TP aus Israel beziehen.

Wir kritisieren die Rüstungskooperation nicht nur in Bezug auf Israel. Wir kritisieren auch die Rüstungskooperation mit anderen Ländern. Wir wollen, dass es grundsätzlich keine militärische Zusammenarbeit mit Ländern im Nahen und Mittleren Osten gibt. Wir sind grundsätzlich gegen Rüstungsexporte und dementsprechend auch gegen Rüstungsexporte an die Länder in dieser Region.
In der medialen Darstellung in Deutschland findet der Menschenrechtsdiskurs ebenfalls nur schwache Resonanz. Die tödlichen Schüsse durch israelische Heckenschützen über den Zaun von Gasa in diesem Frühjahr, die über hundert Palästinenser das Leben kosteten, das neue ausgrenzende Nationalitätengesetz und die breiten Proteste dagegen fanden nur am Rande Eingang in die Berichterstattung.

Wer sich ein umfassendes Bild über die Lage in Israel in Palästina verschaffen will, muss viel Energie, Zeit und Kraft in eine eigenständige Recherche stecken.
Während des letzten Gasakrieges gab es teilweise eine mediale Unterstützung für die Kriegspropaganda. Ich will ein Beispiel nennen: In Essen organisierte unter anderem die Linksjugend‘ „Solid“ eine Friedensdemonstration. Es kamen 4000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Die Veranstaltung verlief ohne Zwischenfälle.
Nach Beendigung der Veranstaltung ging eine Gruppe arabischer Jugendlicher an einer Kundgebung vorbei, auf der für die Unterstützung der israelischen Angriffe geworben wurde. Dabei sollen sie als Reaktion darauf den Hitlergruß gezeigt haben. Das ist natürlich völlig inakzeptabel und muss zurückgewiesen werden.
Doch die BILD-Zeitung und andere nutzten dies aus, um tagelang gegen die Friedensdemonstration als solche Stimmung zu machen. Es ging ihnen darum, jede Bewegung gegen die Bombardierung der Wohngebiete in Gasa als „antisemitisch“ zu denunzieren. Ziel war es, die Friedensbewegung, auch in Israel und Palästina selbst, zu delegitimieren und so die Folgen der Bombardierungen aus der öffentlichen Aufmerksamkeit zu verdrängen.

Es ist ein Muster zu erkennen: Die Gleichsetzung jeder Kritik an der Regierung Israels mit Antisemitismus verhindert wieder und wieder einen offenen Dialog.
Ich bin für die scharfe Zurückweisung von Kritik an der israelischen Regierung, wenn sie tatsächlich antisemitisch ist. Das heißt, wenn sie Menschenrechtsverletzungen auf die jüdische Religion von handelnden Akteuren zurückführt. DIE LINKE steht gegen Antisemitismus, Islamfeindlichkeit und jede andere Form von Rassismus.
In der Art, wie aktuell über Antisemitismus diskutiert wird, sehen wir, dass die politische Rechte die Agenda gesetzt hat. So haben CDU/CSU, SPD, Grüne und FDP zu Beginn dieser Wahlperiode einen gemeinsamen Antrag in den Bundestag eingebracht, der vor allem Zuwanderer für den erstarkenden Antisemitismus in Deutschland verantwortlich macht. In seinen praktischen Konsequenzen fokussiert der Antrag gegen einen „muslimischen Antisemitismus“. Hier werden verschiedene Opfergruppen rassistischer Gewalt gegeneinander ausgespielt. Es ist bezeichnend, dass sich die AfD durch den Antrag nicht angegriffen fühlte und ihm ohne weiteres zustimmen konnte.

DIE LINKE hat sich enthalten, weil sie die im Antragstitel formulierte Intention – den entschlossenen Kampf gegen Antisemitismus – unterstützt, nicht aber den Versuch, vor allem muslimische Migrantinnen und Migranten die Hauptverantwortung für den Antisemitismus in Deutschland zuzuweisen. So lehnen wir die Forderung ab, Migrantinnen und Migranten auszuweisen, wenn sie antisemitisch auffallen, weil wir grundsätzlich gegen Sonderstrafen für bestimmte Gruppen von Menschen sind.
In dem Antrag wird auch die BDS-Kampagne kriminalisiert. Um es klar zu stellen: DIE LINKE unterstützt die Kampagne BDS nicht. Angesichts der Tatsache, dass die Nazis 1933 eine Boykottkampagne gegen jüdische Geschäfte entfacht haben, kann eine Kampagne gegen israelische Waren und Dienstleistungen leicht denunziert und von rechter Seite instrumentalisiert werden. DIE LINKE respektiert es aber, wenn Menschen aus Kritik an der israelischen Besatzungspolitik, die in zahlreichen UN-Resolutionen verurteilt worden ist, ein Zeichen setzen wollen und deshalb die BDS-Kampagne unterstützen. Hier richtet sich Kritik und Protest gegen die Politik der israelischen Regierung, und nicht gegen Juden. Das ist legitim und darf nicht pauschal verleumdet werden.
Wem nützt die Gleichsetzung der Kritik an der israelischen Regierung mit Antisemitismus?

Zunächst der rechten Regierung in Israel. Das ist eine Regierung, die immer wieder Öl ins Feuer gießt. Eine Regierung, die mit dem weiteren Ausbau der Siedlungen die vorgeblich angestrebte Zwei-Staaten-Lösung unmöglich gemacht hat und die dafür verantwortlich ist, dass der Raum für Menschenrechtsorganisationen, für Vertreterinnen und Vertretern von Minderheiten, nicht zuletzt auch für Friedens- und Verständigungsinitiativen, immer enger wird. Denn nicht nur in Deutschland können wir von einem Shrinking Space reden. Der Raum für offene Debatte ist in Israel selbst weitaus dramatischer eingeengt worden.
Übrigens: Im Umkehrschluss macht es dies zugleich schwieriger, dass sich innerhalb der palästinensischen Bevölkerung Kritik an Korruption und Demokratiedefiziten bei PA und Hamas artikuliert. Dort, wo nicht offen über Menschenrechtsverstöße gesprochen werden darf, profitiert stets die bestehende Regierung. Das gilt in Deutschland genauso wie in Israel oder den palästinensischen Gebieten.

Dies ist daher auch der Ort, um einmal über die Bundesregierung zu sprechen. Denn sie selbst hat ihre ganz eigenen Interessen in diesem Konflikt. Die Bundesregierung versucht seit einiger Zeit, eine größere Eigenständigkeit gegenüber den USA zu gewinnen und die Beziehungen zu verschiedenen mittleren Mächten auszubauen. Die Rüstungs- und Militärkooperation mit solchen mittleren Mächten ist ein Ausdruck davon. Es profitiert bei der Gelegenheit die deutsche Rüstungsindustrie. Denn am Ende am Ende kassiert sie die Gelder, die als Zuwendungen an die israelische Armee im Haushalt jedes Jahr verbucht werden.
Eines ist mir noch wichtig. Zu häufig wird Israel als eine Art eindimensionaler Block dargestellt. Israel ist voller innerer Gegensätze. Gesellschaftliche Widersprüche sozialer oder politischer Natur jenseits ethnisch-religiöser Konfliktlinien finden kaum einen Widerhall in der Berichterstattung. So war beispielsweise der Widerstand gegen das Nationalstaatsgesetz getragen von sehr breiten Schichten der israelischen Bevölkerung.
Nun zur Frage: Wie kann ein offener Diskurs in Deutschland gelingen?

Erstens brauchen wir eine Anerkennung der Realitäten in Israel und Palästina. Wir müssen uns trauen, über die Auswirkungen der inhumanen Besatzungspolitik auf die palästinensische Bevölkerung zu reden. Wir müssen Widersprüche innerhalb der israelischen und palästinensischen Gesellschaft als etwas Selbstverständliches wahrnehmen. Wir müssen offen die sich einengenden Räume in der Debatte und in der Menschenrechtsarbeit problematisieren. Dabei sollten wir nie vergessen, positive Ansätze des menschenrechtlichen Engagements hervorzuheben.

Zweitens gehört dazu eine Analyse der aktuellen Situation und der Regierungspolitik der Netanjahu-Regierung. Die Regierung Netanjahu fährt mit ihrer Siedlungspolitik, der gesetzlich fixierten Ausgrenzung nichtjüdischer Bevölkerungsteile, den gewalttätigen Reaktionen auf Proteste der Bevölkerung im Gasastreifen einen Kurs, der wegführt von einer gerechten Friedenslösung.

Drittens müssen wir feststellen, dass Deutschland in diesem Konflikt nicht neutral ist. Deshalb fordert DIE LINKE unter anderem von der Bundesregierung, die Rüstungskooperation und Rüstungsexporte in den gesamten Nahen Osten zu beenden und die Umsetzung von Menschenrechten ins Zentrum ihrer Politik zu stellen.
Viertens muss Antisemitismus da, wo er sich äußert, benannt und zurückgewiesen werden. Das ist eine Selbstverständlichkeit und gilt besonders in einer Zeit, in der mit der AfD eine Partei stärker wird, in der Antisemiten wie Wolfgang Gedeon einen Platz haben. Wolfgang Gedeon relativiert den Holocaust und erklärt die Protokolle der Weisen von Zion für echt. Jörg Meuthen dichtet George Soros die Parole „No border – no nation“ an. Er bezieht sich damit auf die Logik von FPÖ-Fraktionssprecher Johannes Gudenes, der Soros unterstellt, für die Masseneinwanderung in Europa mitverantwortlich zu sein und einen Bevölkerungsaustausch in Europa organisieren zu wollen. Das sind antisemitische Äußerungen, die direkt an den Nationalsozialismus anknüpfen. Doch sie werden gedeckt durch den Fraktionsvorsitzenden der AfD, Alexander Gauland, der stolz auf die Leistungen der Wehrmacht im zweiten Weltkrieg ist und die Verbrechen der Nazis als einen „Vogelschiss“ relativiert hat.
Fünftens erleben wir gerade eine gesellschaftliche Rechtsentwicklung in Deutschland, der wir uns gemeinsam entgegenstellen müssen. Gestern, am 21. September, gab es gleich zwei Neonazi-Demonstrationen in Dortmund. Auf einer soll die Parole „Wer Deutschland liebt, ist Antisemit“ gerufen worden sein. In Chemnitz wurden Migrantinnen und Migranten sowie Linke durch die Straßen gehetzt, aber auch das koschere Restaurant „Shalom“ angegriffen. Die Gefahr für die Demokratie und für Minderheiten kommt von rechts.

Sechstens müssen wir uns gegen Diffamierungen zu Wehr setzen, wie es mit Bezug auf diese Tagung passiert ist. Wer vorab eine Tagung der evangelischen Kirche mit Unterstellungen als „antisemitisch“ denunziert, in der es um die Menschenrechtsverletzungen im Nahen Osten geht, will die Debatte um die Menschenrechtsverletzungen verunmöglichen. Das ist ehrverletzend und erzeugt Angst – und schützt letztlich die Verantwortlichen für die Menschenrechtsverletzungen.

Diejenigen, die Muslime angreifen, greifen auch Juden an – und umgekehrt. Wir dürfen die Problematik des Antisemitismus und der Islamfeindlichkeit nicht gegeneinander ausspielen. Im Bericht des unabhängigen Expertenkreises „Antisemitismus“ heißt es richtigerweise: „Antisemitismus wird durch die seit Jahren aufgeheizte Debatte über Islam, Terrorismus, Zuwanderung und Flucht begünstigt.“

Das muss sich dringend ändern. In diesem Sinne, lasst uns den Menschenrechtsdiskurs weiterführen und hier in Deutschland gemeinsam den Kampf gegen Antisemitismus, Islamfeindlichkeit und die Gefahr von rechts aufnehmen.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

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Rassismus führt zu Massenmord – Solidarität mit den Rohingya in Myanmar https://christinebuchholz.de/2017/09/21/rassismus-fuehrt-zu-massenmord-solidaritaet-mit-den-rohingya-in-myanmar/ Thu, 21 Sep 2017 12:27:57 +0000 http://christinebuchholz.de/?p=6613 Rund 410.000 Rohingya – eine muslimische Minderheit in Myanmar, dem ehemaligen Burma – wurden von der Armee mit Gewalt in die Flucht getrieben. Hunderte sind gestorben, die anderen haben alles verloren.
Ganze Ortschaften wurden durch das burmesische Militär zerstört, Menschen willkürlich hingerichtet. Die Berichte über das Elend und die Brutalität der Militärs sind erschütternd. Said Raad al-Hussein, UN-Hochkommissar für Menschenrechte, nannte die Verfolgung der Rohingya ein „Paradebeispiel für ethnische Säuberungen“.
Die Vorgänge kommen nicht völlig überraschend. Bereits seit Jahrzehnten werden die Rohingya ethnisch diskriminiert. Die Militärdiktatur, die das Land seit 1962 beherrscht, hat ihnen 1982 die Staatsbürgerschaft entzogen. Die Rohingya wurden Opfer einer klassischen rassistischen Sündenbockkampagne. Um Unzufriedenheit in der mehrheitlich buddhistischen Bevölkerung umzulenken, wurden die muslimischen Rohingya zu Eindringlingen erklärt, die in Myanmar nichts zu suchen hätten. Ihre Kultur und ihre Religion wurden als Brutstätte von Terror dargestellt, selbst der Name Rohingya nicht anerkannt. Offiziell wurden sie „Bengalis“ genannt. Das sollte signalisieren: Die gehören nicht hier her, die müssen raus aus dem Land, nach Bangladesch.
Hetze gegen Muslime
Diese Logik ist uns in Europa und auch Deutschland nur allzu bekannt. AfD-Spitzenkandidat Gauland ist mit den burmesischen Militärs im Geiste verbunden, als er öffentlich drohte, die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung sei in Anatolien zu „entsorgen“. Öffentlich plakatiert die AfD gegen eine angebliche „Islamisierung“ Deutschlands, und bekommt dafür im öffentlich-rechtlichen Fernsehen im Wahlkampf immer wieder eine Plattform. Myanmar zeigt, wohin dieser Hetze gegen Muslime im Extremfall führen kann.
Auf die Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi ist im Kampf gegen den Rassismus kein Verlass. Suu Kyi ist Vorsitzende der Nationalen Liga für Demokratie, eine an der internationalen Sozialdemokratie orientierte Partei. Seit 2015 ist sie Regierungschefin und Außenministerin Myanmars. Zu den Übergriffen der Armee hat sie wochenlang geschwiegen. Ebenso zur Behauptung der Militärs, die Rohingyas hätten ihre Dörfer selbst angezündet. San Suu Kyi behauptete dann, „Terroristen“ würden einen „Eisberg an Desinformation“ verbreiten. Hier zeigt sich, wie wenig tiefgreifend der sogenannte Reformprozess in Myanmar war. Er hat das Image des Landes aufpoliert, ohne die tatsächliche Macht des Militärs je gebrochen zu haben.
Bundesregierung gibt schwaches Bild ab
Es ist wichtig, dass das Leid der Rohingya internationale Aufmerksamkeit erlangt. Nur so kann Druck ausgeübt werden, um den Übergriffen Einhalt zu gebieten. Es war dieser Druck, der dazu geführt, dass die britische Regierung einen Monat nach Beginn der jüngsten Gewaltwelle endlich angekündigt hat, die militärische Unterstützung für das Regime in Myanmar einzustellen. Großbritannien hat als ehemalige Kolonialmacht das System des Teile-und-Herrsche eingeführt, dem die Rohingya nun zum Opfer fallen.
Die Bundesregierung gibt ein schwaches Bild ab. Regierungssprecher Steffen Seibert bezeichnete die humanitäre Notlage der Rohingya als „himmelschreiend“. Wir warten aber immer noch auf ein Wort von Kanzlerin Merkel.
Gleichstellung der Rohingya ist notwendig
Diese Ignoranz gegenüber dem Leiden eines mehrheitlich muslimisch geprägten Volkes hat System. Das Interesse der Regierungsfraktionen an den Rohingya ging lange Zeit gegen Null. Im Mai 2015 kam es im Bundestag zur Abstimmung über einen Antrag unter dem Titel „Verfolgt, vertrieben, vergessen – Völkermord an den Rohingya verhindern“. Grüne und LINKE stimmte dafür, die Große Koalition dagegen. Einen alternativen Antrag haben CDU/CSU und SPD nicht eingebracht. Auf offizielle Anfrage der Linken konnte die Bundesregierung im Januar 2017 keinen einzigen konkreten Schritt nennen, den sie selbst gegenüber der burmesischen Regierung unternommen hat, um auf ein Ende der systematischen Diskriminierung der Rohingya hinzuwirken.
Dabei sind die elementarsten Forderungen sehr einfach zu formulieren. Die burmesische Armee muss sich aus der umkämpften Provinz Rakhine zurückziehen, die Flüchtlinge müssen die burmesische Staatsbürgerschaft erhalten und in ihre Orte zurückkehren dürfen. Die Gleichstellung der Rohingya mit den anderen ethischen und religiösen Gruppen in Myanmar ist die Voraussetzung für die Zurückdrängung des Rassismus, der die burmesische Gesellschaft vergiftet und die Herrschaft des Militärs zementiert.
Text auf Linksfraktion.de

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Bundesregierung verweigert Entschädigung für Kundus-Opfer https://christinebuchholz.de/2010/11/16/bundesregierung-verweigert-entschadigung-fur-kundus-opfer/ Tue, 16 Nov 2010 16:22:12 +0000 http://christinebuchholz.de/?p=1625 „Die Bundesregierung sieht sich nicht verpflichtet, die Opfer und Hinterbliebenen der Bombardierung von Kundus zu entschädigen. Dieses Verhalten ist unwürdig“, kommentiert Christine Buchholz, friedenspolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE die Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der LINKEN (17/3417). Buchholz weiter:
„Die Angehörigen und Opfer der Bombardierung von Kundus haben ein Recht auf eine angemessene Entschädigung. Doch die Bundesregierung verweigert ‚Entschädigungen’ und zahlt nur auf ‚rechtlich freiwilliger Grundlage’. Verteidigungsminister zu Guttenberg macht die Opfer von Kundus und die Hinterbliebenen zu Empfängern von Almosen und stiehlt sich aus der rechtlichen Verantwortung.
Die Höhe der Hilfe ist mit 5.000 Dollar pro Familie unangemessen niedrig. In der Vergangenheit zahlte die Bundesregierung bereits 33.000 Dollar für getötete Zivilisten in Afghanistan. Viele Familien haben mehrere Tote zu beklagen, die Bundesregierung zahlt aber nur einmal je Familie und bezeichnet dies als ‚landestypisch’. Allein mit diesem Kniff spart die Bundesregierung eine Viertelmillion Dollar auf Kosten der Familien. Sie drückt den Preis für Menschenleben in Afghanistan.
Die Bundesregierung gibt zu, dass sie die Hilfe nicht den Witwen, sondern an männliche Angehörige auszahlte. Die Provinzrätin Habibe Erfan aus Kundus berichtete, dass auf diese Weise viel Geld verschwunden sei. Die Bundesregierung hätte das Geld direkt an die Frauen auszahlen können. Es gibt keine afghanischen Gesetze, die dies untersagen.
Das unwürdige Vorgehen zeigt einmal mehr, dass Menschen- und Frauenrechte nur als Feigenblatt für die wahren geostrategischen und wirtschaftlichen Gründe für den Einsatz der Bundeswehr dienen. Die Bundeswehr muss sofort aus Afghanistan abgezogen werden.“
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