Kabul – Christine Buchholz https://christinebuchholz.de Fri, 22 Oct 2021 08:37:53 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.0.12 Anti-Werbung für die Bundeswehr https://christinebuchholz.de/2012/09/27/anti-werbung-fur-die-bundeswehr/ Thu, 27 Sep 2012 07:29:54 +0000 http://christinebuchholz.de/?p=3422 »Wave and Smile«, Winken und Lächeln, so sollte die Bundeswehr in Afghanistan auftreten. Doch die Realität des Krieges sieht ganz anders aus. Diese wird jetzt eindringlich gezeigt – in einem Comic
Im zwölften Jahr des Afghanistankrieges beginnt in Deutschland die für ein Massenpublikum zugängige kulturelle Aufarbeitung. Einer der ersten Beiträge ist die Graphic Novel »Wave and Smile« von Arne Jysch.  Auf knapp 200 Seiten zeichnet Jysch ein ungeschminktes Bild des Krieges am Hindukusch. Ein absolut lesenswertes Buch.
Zwei Afghanen schauen auf ein Tal in der Provinz Kundus, Nordafghanistan, und beobachten einen Konvoi der Bundeswehr. Neben ihnen rostet das Wrack eines sowjetischen Panzers. Ein stilles Mahnmal des Triumphs über die verhassten Invasoren.
Der Konvoi kommt näher, gerät in einen Hinterhalt. Ehe man begreift, was passiert, detoniert eine Bombe und reißt drei Bundeswehrsoldaten in den Tod. Der Einstieg in Arne Jyschs Buch »Wave and Smile« könnte schonungsloser nicht sein.
Chris ist Hauptmann bei der Bundeswehr. Er trägt die Verantwortung für den angegriffenen Konvoi und für einen weiteren Einsatz in den afghanischen Bergen. Auch hier geraten sie in einen Hinterhalt. Noch ein Bundeswehrsoldat stirbt, ein anderer, Marco, verschwindet spurlos.
Die Bundeswehr und die US-Armee finden Marco nicht. Chris fühlt sich schuldig und macht sich schließlich allein zurück auf den Weg nach Afghanistan, um seinen Freund und Kameraden zu finden. Sein Weg führt ihn in die undurchsichtige Welt der Geschäftemacher und Agenten in Kabul, in die pakistanischen Stammesgebiete, zu einem hohen Talibanführer und schließlich, unvermutet, in das US-Foltergefängnis in Bagram.
Fast beiläufig transportiert Jysch fast alle wichtigen Themen der deutschen Kriegsrealität: Er zeigt, wie Kriegserfahrung und die Trennung von den Familien die Beziehungen der Soldaten zuhause zerstören. Er illustriert den Druck, den der Krieg auf die einzelnen Soldaten ausübt, dokumentiert rassistische Äußerungen über die afghanische Bevölkerung, Verrohung und Verzweiflung. Ein Doppelagent kommt genauso vor wie ein Warlord und ein Talibanführer. Verschiedene afghanische Akteure kommen zu Wort, die – unisono – die Perspektivlosigkeit des Krieges bescheinigen und das Erstarken der Taliban erklären. So versteht man, warum die NATO trotz militärischer Überlegenheit nicht in der Lage ist, diesen Krieg zu gewinnen.
Am Ende des Buches steht eine Lüge. Chris‘ Alleingang auf der Suche nach seinem verschwundenen Freund wird ihm zum Verhängnis. Nur durch Zufall entkommt er den Mühlen dieses absurden Kriegs, wird aber verpflichtet, die Umstände zu verschweigen. Seine Rettung wird – wider besseren Wissens – als gemeinsame Anstrengung von Bundeswehr, US-Armee und afghanischer Armee dargestellt.
Auch wenn Chris und Marco in diesem Roman nicht mit der Bundeswehr brechen und Jysch am Ende auf politische Schlussfolgerungen verzichtet, so illustriert dieses Buch doch treffend die Sinnlosigkeit und Grausamkeit des Krieges.
Leider findet die Perspektive der einfachen Bevölkerung keinen Eingang in das Buch. Die Zivilisten bleiben gewissermaßen Statisten.
Ein Klischee ist auch der Kontrast zwischen den kumpelhaft-sympathischen Bundeswehrsoldaten und den bornierten Rambos der US-Armee. Zeigt das Buch doch zugleich, dass sich angesichts der Dauer und Intensität des Krieges die Erfahrungen der Bundeswehr an die der US-Armee annähern. Es ist wohl kein Zufall, dass »Wave and Smile« im Herbst 2009 endet – kurz vor dem Massaker von Kundus.
Hoffentlich erscheint der Roman bald als Taschenbuch: Er wäre eine gute Warnung vor dem freiwilligen Wehrdienst und ein Kontrapunkt zu den Hochglanzbroschüren der Bundeswehr.
Buch
Arne Jysch, Wave and Smile, Carlsen Verlag, Hamburg 2012, 195 Seiten, 24, 90 Eur
Diese Buchbesprechung erschien zuerst in Marx21, Nr. 27

]]>
Außenminister verschleppt Antwort im Fall Haddid N. https://christinebuchholz.de/2011/01/26/ausenminister-verschleppt-antwort-im-fall-haddid-n/ Wed, 26 Jan 2011 16:27:46 +0000 http://christinebuchholz.de/?p=1784 „Ich unterstütze voll und ganz die Forderungen der Familie von Haddid N. und des Astas der FH Frankfurt nach Aufklärung sämtlicher Vorgänge, die zur Verschleppung des Frankfurter Studenten geführt haben. Weiterhin fordere ich die sofortige Freilassung und ein rechtsstaatliches Verfahren nach deutschem Recht, sofern sich dies als erforderlich erweisen sollte“, so Christine Buchholz, friedenspolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE, zu Medienberichten, nach denen der 23jährige Deutsch-Afghane in Kabul festgenommen und in ein für Folter berüchtigtes US-Gefängnis in Bagram verschleppt wurde. Ihm wird jeglicher konsularischer und Rechtsbeistand verwehrt. „Mir drängt sich der Verdacht auf, dass auch Informationen deutscher Behörden zu der Verhaftung geführt haben.“ Buchholz weiter:

„Offensichtlich wurde nicht nur Haddid N. verschleppt, auch die Bundesregierung verschleppt die Aufklärung des Falles. Bereits am 14. Januar hatte ich Außenminister Westerwelle per Fax dazu befragt. Eine Antwort ist er mir seitdem schuldig geblieben. Deswegen werde ich diesen Fall in der nächsten Sitzungswoche im Bundestag zur Sprache bringen.“

]]>
Kundus-Gedenkveranstaltung am 4.9. in Berlin https://christinebuchholz.de/2010/09/08/kundus-gedenkveranstaltung-am-4-9-in-berlin/ Tue, 07 Sep 2010 23:33:45 +0000 http://christinebuchholz.de/?p=1443 Gedenkveranstaltung für die Opfer von Kundus am 4. September 2010 (PDF)

Mitwirkende der Gedenkveranstaltung für die Opfer der Bomben von Kundus von links nach rechts: Dr. Angelika Claußen, Vorsitzende Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW), Hans-Christian Ströbele, MdB Bündnis 90/Die Grünen, Jan van Aken, MdB DIE LINKE, Dr. Modjadjdi, Vorsitzender des Vereins für Afghanistan-Förderung e. V., Volker Neef, Vertreter des Zentralrats der Muslime, Karim Popal, Anwalt der Opfer von Kundus, Jean-Theo Jost, Schauspieler der Berliner Compagnie, Christine Buchholz, MdB DIE LINKE.

Am 4. September 2010 jährte sich zum ersten Mal die Bombardierung, bei der in der afghanischen Provinz Kundus mindestens 140 Menschen starben, darunter Jugendliche und Kinder. Das Bombardement erfolgte auf Befehl der Bundeswehr. Ein Bündnis der Friedensbewegung, Attac-Deutschland, der Partei DIE LINKE und Teile der Grünen lud zu einer Gedenkveranstaltung in die Heilig-Kreuz-Kirche in Berlin. Bundesregierung und Bundestag hatten zuvor den Vorschlag der Fraktion DIE LINKE. abgelehnt, den Opfern dieser Bombardierung ein würdiges Gedenken im Bundestag zu bereiten. Der Anwalt der Opfer von Kundus, Karim Popal, hatte noch am Morgen mit Angehörigen der Opfer von Kundus telefoniert. Er trug die Botschaft von Hajar Abdul Wasir an die Teilnehmer der Gedenkveranstaltung vor: „Ich habe drei Kinder verloren und ich bin 80 Jahre alt. Ich habe drei Enkelkinder verloren und die waren meine Ernährer. Es gibt keine Sozialversicherung. Es gibt keine Rentenversicherung. Ich hab meine Ernährer verloren. Die reiche große deutsche Regierung und die Helfer ihrer Marionetten, die korrupte Regierung in Kabul und in Kundus hat unserer Familie, einer 18-köpfigen Familie, den Hinterbliebenen dieser Toten 5000 Dollar gegeben. Wenn wir das verteilen unter uns, einer 18-köpfige Familie, können wir uns vielleicht ein paar Monate ernähren. Ist das Gottes Barmherzigkeit? Hat Gott Barmherzigkeit den Deutschen beigebracht? So zu handeln mit den Toten? So zu handeln mit den Hinterbliebenen? Das ist ein Verstoß, ein Verstoß gegen alle Religionen. Im Namen des barmherzigen Gottes fordere ich alle Menschen in Deutschland, politische Parteien, alle Parteien, die sich demokratisch nennen, alle Konfessionen, aller Kirchen, auf, handeln Sie bitte menschlich. Was wir erlebt haben als Hinterbliebene der Opfer, was wir erlebt haben als Vertreter der Opfer: Arroganz, Arroganz und unfaire Ungerechtigkeit. Man hat uns Afghanen versprochen nach 30 Jahren Krieg: Wir werden Eure Heimat aufbauen. Wir werden Euch Demokratie beibringen. Ist das Demokratie gewesen, dass wir unsere Enkelkinder und Kinder verloren haben, ist das der Aufbau von Afghanistan gewesen?“

]]>
Abzug statt Durchhalteparolen https://christinebuchholz.de/2010/07/21/abzug-statt-durchhalteparolen/ Wed, 21 Jul 2010 08:56:00 +0000 http://christinebuchholz.de/?p=1267 NATO-Generalsekretär Anders Rasmussen hat nun zugegeben, dass die NATO die Lage in Afghanistan von Anfang an falsch eingeschätzt hat. Leider ist seine Konsequenz ein weiter so, nur mit noch mehr von Allem, kritisiert Christine Buchholz, Mitglied im Geschäftsführenden Parteivorstand der LINKEN:
Rasmussen hat das Offensichtliche erkannt: Die Erwartung der NATO, die Afghanen würden über die Besatzung und das vom Westen eingesetzte Marionettenregime jubeln, waren verfehlt.
Im zehnten Jahr der Besatzung hat das durch Kriegsflüchtlinge von 500.000 auf fünf Millionen Menschen angewachsene Kabul immer noch kein Abwassersystem. Die Landwirtschaft liegt dank hochsubventionierter europäischer und US-Agrarimporte am Boden. Die von der NATO aufgezwungene Politik der Privatisierungen hat alle sozialen Sicherungssysteme zerstört. Armut und Arbeitslosigkeit bereiten den Boden für Korruption und Drogenwirtschaft.
Aber anstatt die militärische Logik in Frage zu stellen, setzt Rasmussen seine Hoffnungen auf eine weitere militärische Eskalation, nach dem Motto: Augen zu und durch. Wie Rasmussen selbst zugibt, „wird es mehr Opfer geben“. Unter Afghanen und unter NATO-Soldaten. Aber das wird die Probleme der Afghanen nicht lösen – dafür wäre ein Truppen-Abzug die notwendige und überfällige Voraussetzung.

]]>
In Kabul nichts Neues https://christinebuchholz.de/2010/07/20/in-kabul-nichts-neues/ Tue, 20 Jul 2010 08:59:02 +0000 http://christinebuchholz.de/?p=1269 In Kabul findet heute eine weitere Afghanistan-Konferenz statt, die den Afghaninnen und Afghanen weder Frieden, noch soziale Verbesserungen oder mehr Demokratie bringen wird. Dazu erklärt Christine Buchholz, Mitglied im Geschäftsführenden Parteivorstand der LINKEN:
Eine Reihe von Studien und Berichten haben in den letzten Wochen deutlich gemacht, welche Situation die NATO in Afghanistan in den letzten neun Jahren produziert haben: Rund zwei Milliarden Dollar an Hilfsgeldern wurden auf Auslandskonten der Karsai-Clique umgeleitet, die privaten Logistikdienstleister der Armee finanzieren durch Bestechungsgelder an die Aufständischen die Taliban, die afghanischen Sicherheitskräfte Kosten drei mal so viel, wie die Regierung Steuereinnahmen hat, und die Offensiven der NATO in den Regionen Mardja und Kandahar stoßen auf ungebrochenen Widerstand.
Vor diesem Hintergrund kochen alle Beteiligte ihr eigenes Süppchen: Die NATO fordert den Präsidenten Hamid Karsai auf, die Korruption seiner Familie und Freunde zu bekämpfen, Karsai hingegen möchte, dass noch mehr Hilfsgelder durch deren Kanäle fließen. Der Truppenabzug soll 2011 beginnen, aber nur ein bisschen. Die NATO kündigt an, auch über 2014 hinaus im Land bleiben zu wollen, Karsai will spätestens dann die komplette Kontrolle über alle Sicherheitsoperationen übernehmen.
Unterm Strich bleibt, dass die Menschen in Afghanistan weiterhin sowohl unter der NATO-Besatzung als auch unter der korrupten und kriminellen Regierung Karsai zu leiden haben wird. Die Voraussetzung für die Lösung der Probleme ist und bleibt der sofortige und bedingungslose Abzug der internationalen Truppen.

]]>