Irak – Christine Buchholz https://christinebuchholz.de Thu, 29 Aug 2019 09:59:02 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.0.12 DIE LINKE verteidigt das Recht auf Religions- und Weltanschauungsfreiheit. https://christinebuchholz.de/2018/10/19/die-linke-verteidigt-das-recht-auf-religions-und-weltanschauungsfreiheit/ Fri, 19 Oct 2018 12:10:41 +0000 http://christinebuchholz.de/?p=6947 Ich habe heute zu dem Antrag der Regierung zur Religionsfreiheit gesprochen. Wir wenden uns dagegen, wenn Religion instrumentalisiert wird, um Herrschaft zu legitimieren. Wir wenden uns dagegen, wenn Religion missbraucht wird, um Menschen gegeneinander auszuspielen – wie es die AfD tut.
In Deutschland brauchen wir die rechtliche Gleichstellung aller Religionen, einen neutralen Staat und die Gewährung von individueller Religionsfreiheit. Ob Kopftuch, Kreuz oder Kippa, jeder soll sein Bekenntnis offen zeigen können.

Sehr geehrter Herr Präsident!
Meine Damen und Herren!
Die Religionsfreiheit schützt vor allem die Freiheit des Menschen, sich religiös oder weltanschaulich selbst zu bestimmen und danach zu leben. Sie enthält drei Dimensionen: die individuelle Freiheit zum Glauben, die individuelle Freiheit vom Glauben
(Frank Schwabe (SPD): Genau!)
– das ist leider in diesem Antrag nicht wirklich konkret ausgeführt – und die Freiheit, seinen Glauben öffentlich und sichtbar zu leben. Die Linke verteidigt das Recht auf Religions- und Weltanschauungsfreiheit in all ihren Dimensionen.
(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten der SPD – Dr. Stefan Ruppert (FDP): Das ist mir neu! – Zuruf von der CDU/CSU: Das ist ganz neu!)
Wir wenden uns dagegen, wenn Religion instrumentalisiert wird, zum Beispiel wenn Religion missbraucht wird, um Herrschaft zu legitimieren, oder wenn Religion missbraucht wird, um Menschen gegeneinander auszuspielen. Es ist gut, wenn nach der Debatte über den Bericht der Regierung zur weltweiten Religionsfreiheit heute wieder über dieses Thema diskutiert wird. Das sage ich nicht nur, weil ich mich als nichtgläubiger Mensch seit über 25 Jahren intensiv mit Religion und Menschen unterschiedlichster Religionsgemeinschaften in Deutschland und weltweit auseinandersetze; das sage ich vor allen Dingen, weil es mit der AfD eine Fraktion im Bundestag gibt,
(Dr. Alexander Gauland (AfD): Die spaltet! Ich weiß!)
die das universelle Menschenrecht auf Religionsfreiheit mit Füßen tritt,
(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
die Menschen gegeneinander ausspielt und die dem Islam das Recht auf Religionsfreiheit abspricht.
Nur ein Satz zum Antrag der AfD zur Christenverfolgung: Mit ihrem Rassismus und mit ihrem selektiven Verständnis von Menschenrechten ist die AfD eine denkbar schlechte Anwältin für Christen weltweit, die verfolgt und bedrängt sind.
(Beifall bei der LINKEN, der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)
Nun zum Antrag der Regierungsfraktionen. Der Antrag „Menschenrecht auf Religionsfreiheit weltweit stärken“ enthält richtige Punkte. Die Linke begrüßt es, wenn Menschenrechte Grundlage von Außenpolitik sind.
(Beifall bei der LINKEN)
Aber lassen Sie mich auch einige kritische Anmerkungen machen. Ich teile vieles, was Aydan Özo?uz in ihrer Rede gesagt hat. Aber wenn Sie richtigerweise die Allgemeingültigkeit des Menschenrechts auf Religionsfreiheit herausstellen, dann gibt es doch eine Schlagseite in Ihrem Antrag. Ich will das an einem Punkt deutlich machen.
Sie schreiben mit Blick auf das Christentum, was faktisch natürlich absolut richtig ist:
Auf keine andere Religionsgemeinschaft entfallen mehr Verfolgte.
Sie schreiben aber auch, das Christentum ist nun mal die größte Religionsgemeinschaft weltweit. Aber ist das entscheidend? Die religiöse Unterdrückung ist vielfältig, und alle Religionen sind betroffen. Angesichts der massiven Unterdrückung der muslimischen Uiguren in China oder der Rohingya in Myanmar muss doch klar sein: Die verschiedenen Fälle und Religionen dürfen nicht gegeneinander aufgerechnet werden.
(Beifall bei der LINKEN – Michael Brand (Fulda) (CDU/CSU): Das steht doch genau so im Antrag!)
Für Die Linke gibt es keine Hierarchie der Unterdrückung. Jede Unterdrückung muss bekämpft werden.
(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten der SPD – Michael Brand (Fulda) (CDU/CSU): Das steht doch im Antrag drin, Frau Buchholz!)
Noch ein Kommentar zu Herrn Braun, der sich auf die Kopten in Ägypten bezogen hat. In den Gefängnissen von Herrn el-Sisi, für den Sie gewisse Sympathien empfinden,
(Jürgen Braun (AfD): Woher wissen Sie das? – Weitere Zurufe von der AfD)
sitzen Zehntausende, und da sitzen Muslime, Christen und Atheisten. Dazu würde ich auch gern mal ein klares Wort von Ihnen hören.
(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
Sie von den Regierungsfraktionen führen in Ihrem Antrag zu Recht das Leid der Jesiden im Irak an. Wir begrüßen es, wenn Christen und Jesiden wieder eine Perspektive im Irak bekommen. Aber was nicht zusammenpasst mit der Anerkennung des Leids der Jesiden in Ihrem Antrag, ist die Schmutzkampagne Horst Seehofers gegen das BAMF in Bremen, die auf dem Rücken von jesidischen Geflüchteten ausgetragen wurde.
(Beifall bei der LINKEN – Michael Brand (Fulda) (CDU/CSU): Mein Gott!)
Angeblich zu hohe Schutzquoten in Bremen wurden skandalisiert; dabei waren jesidische Flüchtlinge als Opfer von Mord und Terror des IS offenkundig Schutzbedürftige.
Wenn wir dieses Leid, zu Recht, beklagen, müssen wir uns fragen: Wie konnte der IS so stark werden? Was hat das mit den Zerstörungen der Irakkriege zu tun? Was hat das mit einer irakischen Regierung zu tun, die religiöse Spaltung bewusst verstärkt und Sunniten und andere benachteiligt? Und auch der sogenannte Krieg gegen den Terror: Repression und Unterdrückung befeuern an anderen Orten dieser Welt den Terror, unter dem dann wieder Minderheiten leiden. – Ich finde, darüber sollten Sie nachdenken, bevor Sie die Bundeswehr das nächste Mal entsenden oder Waffen exportieren.
(Beifall bei der LINKEN)
Schade ist es, dass Sie den Antrag nicht nutzen, um die friedenspolitische Bedeutung der Religionsgemeinschaften herauszustellen. Die EKD schreibt:
So kann unter Umständen eine säkulare Menschenrechtsorganisation in einem islamischen Land über bessere Einflussmöglichkeiten verfügen als eine noch so starke westliche Kirche. Oft ist vielversprechend, gemeinsam mit muslimischen Organisationen aktiv zu werden …
Ich fände es gut, wenn Sie zum Beispiel diesen Gedanken bei der Einbindung unterschiedlicher religiöser oder weltanschaulicher Akteure in die Entwicklungszusammenarbeit aufgreifen und stärken würden.
(Beifall bei der LINKEN)
Die Regierungsfraktionen sprechen in ihrem Antrag anders als Aydan Özo?uz in ihrer Rede nicht über die Religionsfreiheit hierzulande in Deutschland. Ich finde, wir sollten stärker auch vor der eigenen Haustür kehren. Als am vergangenen Wochenende 240 000 Menschen unter dem Hashtag #unteilbar demonstriert haben, haben sie auch für Religionsfreiheit demonstriert.
(Beifall bei der LINKEN – Zuruf des Abg. Stephan Protschka (AfD))
Im Aufruf heißt es: „Die derzeitigen Angriffe auf Menschenrechte, Religionsfreiheit und Rechtsstaat sehen wir mit großer Sorge.“
Es gibt viele Initiativen des interreligiösen und weltanschaulichen Dialogs, beispielsweise den Frankfurter Rat der Religionen. Sie leisten eine unglaublich wichtige Arbeit, die zu würdigen ist.
Die Aufgabe der Bundesregierung ist es, für die Religionsfreiheit und auch für die Gleichberechtigung der Religionen zu sorgen. Dafür brauchen wir die rechtliche Gleichstellung aller Religionen und Weltanschauungsgemeinschaften in Deutschland.
(Beifall bei der LINKEN)
Das bedeutet auch, Wege zu finden, die rechtliche Gleichstellung des Islams in Deutschland endlich umzusetzen. Wir brauchen einen neutralen Staat; denn er ist die Voraussetzung für eine umfassende Gleichberechtigung der Religionen in Deutschland. Und: Wir wollen die Gewährung von individueller Religionsfreiheit. Ob Kippa, Kopftuch oder Kreuz – jeder und jede soll sein oder ihr Bekenntnis in der Öffentlichkeit zeigen können und darf dadurch nicht in der Berufswahl eingeschränkt werden.
(Beifall bei Abgeordneten der LINKEN sowie des Abg. Kai Gehring (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN))
Wenn Sie das umsetzen, wäre das auch ein starkes Signal für einen glaubwürdigen Einsatz für Religionsfreiheit weltweit.
Vielen Dank.
(Beifall bei der LINKEN)

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Münchner Sicherheitskonferenz ist Schaulaufen der Kriegstreiber https://christinebuchholz.de/2018/02/18/muenchner-sicherheitskonferenz-ist-schaulaufen-der-kriegstreiber/ Sun, 18 Feb 2018 10:49:19 +0000 http://christinebuchholz.de/?p=6723 Rede auf der Demonstration gegen die Sicherheitskonferenz in München am 17.02.2018

Grenzen für Flüchtlinge öffnen und für Waffen schließen

Es ist absolut inakzeptabel, dass Kerem Schamberger und weitere verhaftet wurden. Wir wehren uns gegen die Kriminalisierung des kurdischen Widerstands.
Es ist ein besonderer Skandal, weil die Kriegstreiber hier bei der Münchner Sicherheitskonferenz sind. Es ist legitim die Symbole und die Fahnen des kurdischen Widerstandes zu tragen.

An diesem Wochenende treffen sich hier in München die Mächtigen der Welt zu ihrer sogenannten „Sicherheitskonferenz“. Vertreten sind nicht weniger als 20 Staats- und Regierungschefs, etwa 80 Außen- und Verteidigungsminister.
In München reden sie über Sicherheit und Stabilität. Sie versprechen, die Welt friedlicher zu machen. Doch wenn wir nach Afrin blicken; wenn wir nach Idlib oder Ghouta blicken; oder nach Afghanistan, in den Jemen: Dann sehen wir, was sie wirklich meinen, wenn sie von Sicherheit und Stabilität sprechen.
Sie, die Mächtigen der Welt, schicken Bomber und Drohnen. Sie sagen, sie bekämpfen „Terroristen“. Doch sie treffen Wohnungen, Schulen und Krankenhäuser. Unter den Trümmerbergen sterben ungezählte Zivilisten.
Und selbst der Leiter der Sicherheitskonferenz, Wolfgang Ischinger, warnt: „Wir haben noch nie seit dem Ende der Sowjetunion eine so hohe Gefahr auch einer militärischen Konfrontation von Großmächten gehabt.“ Die Gefahr einer Militärischen Konfrontation zwischen den Großmächten oder sogar eines Atomkrieges ist real. Dafür sind wesentlich die verantwortlich, die sich hier im Bayerischen Hof treffen.

Die Münchener Sicherheitskonferenz bringt keine Sicherheit  – sie ist ein Schaulaufen der Kriegstreiber dieser Welt!

Und Deutschland ist dabei bei den Kriegen. Es ist noch kein Jahr her, da lieferte die deutsche Luftwaffe die Zielbilder für ein Angriffsziel im syrischen Dorf Al-Mansura. In der nächsten Nacht wurde es von US-Bombern angegriffen.
Es handelte sich um eine Schule, in der Flüchtlinge untergebracht waren. Damals hieß es, 33 Menschen sind umgekommen, darunter viele Frauen und Kinder. Heute wissen wir, es gab rund 200 Tote. Ich sage: Das war ein Verbrechen! Und frage: Wieviel Al-Mansuras gab und gibt es noch, von denen wir nichts in den Medien lesen?
Nun heißt es, der IS sei geschlagen. Doch wir sehen: der Krieg in Syrien geht weiter. Die ausländischen Mächte führen mittlerweile auf syrischem Boden gegeneinander Krieg. Und wenn es nach dem Willen der sogenannten Verteidigungsministerin Von der Leyen geht, mischt Deutschland weiter mit.
Die Bundeswehr hat nichts im Mittleren Osten zu suchen. Und auch nicht Afghanistan. Und auch nicht in Mali!

Die Bundeswehr muss umgehend aus allen Auslandseinsätzen zurückgezogen werden

Blicken wir zurück, dann stellen wir fest: Noch vor wenigen Jahren wäre es undenkbar gewesen, dass deutsche Soldaten im Nahen und Mittleren Osten im Einsatz sind, und gleichzeitig am Rande der Sahara, und gleichzeitig in Litauen auf dem Territorium der ehemaligen Sowjetunion. Und gestern forderte von der Leyen „mehr Entschlossenheit beim militärischen Einsatz“.
Wir sagen nein, wir haben genug von diesen Tabubrüche. Sie haben ihren Ausgangspunkt auch hier, in München. Auf der Münchener Sicherheitskonferenz vor vier Jahren forderten Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen, der damalige Außenminister Frank-Walter Steinmeier und Bundespräsident Joachim Gauck unisono: Deutschland dürfe „nicht mehr von der Seitenlinie zuschauen“.
Frau von der Leyen: Aber das hier ist kein Fußballspiel! Es geht um Krieg. Es geht darum, dass deutsche Interessen – also deutsche Wirtschaftsinteressen – auch militärisch verteidigt werden sollten! Genau diese imperialistischen Ambitionen der Staaten sind der Treiber für neue Kriege.

Von Deutschen Boden soll nie wieder Krieg ausgehen

Schauen wir uns die Welt an, wie sie in den letzten Jahren „sicherer“ geworden ist. Vorgestern kam eine neue Studie der NGO „Save the Children“ heraus. Eins von sechs Kindern auf der Welt lebt mittlerweile in einem Konfliktgebiet. Das sind 357 Millionen Jungen und Mädchen. Dies bedeutet einen Anstieg um mehr als 75 Prozent seit Anfang der Neunzigerjahre!
Diese 357 Millionen Kinder werden groß mit der Angst vor Bürgerkrieg oder Bombardierungen aus der Luft. Immer mehr Jungen und Mädchen werden dabei getötet oder verstümmelt: Die Zahl ist seit dem Jahr 2010 um fast 300 Prozent angestiegen! Die Zahl der Vorfälle, bei denen Kindern der Zugang zu humanitärer Hilfe verweigert wurde, ist im gleichen Zeitraum um 1500 Prozent gestiegen. Die Bilder von ausgehungerten Kindern im Jemen oder in Ghouta sind unerträglich. Und sie sind eine Anklage gegen diejenigen, die Hilfskonvois blockieren.
Und eine Anklage gegen die Architekten der Geopolitik, die auf Konferenzen wie hier in München das austüfteln, was sie für „Stabilität“ halten. Sie haben die Welt unsicherer gemacht. Deshalb demonstrieren wir hier heute!

Krieg und Armut zwingen Menschen in die Flucht

Es ist zynisch, dass die Groko Obergrenzen und Lager für Flüchtlinge einführen wird. Hören sie endlich auf, Flüchtlinge zu bekämpfen. Öffnen Sie Grenzen für Flüchtlinge und schließen sie Grenzen für Waffen.
Wenn es nach dem Willen der alten und neuen Bundesregierung geht, dann soll Deutschland überall militärisch mitmischen. Schauen wir uns deshalb einmal die neue Koalitionsvereinbarung an: Wenn man Zeitungen liest, bekommt man den Eindruck: Die Vereinbarung zwischen CDU/CSU und SPD sähe vor, Deutschland abzurüsten.
Ich gebe euch ein Beispiel. Der ehemalige Generalinspekteur Naumann sprach in der Süddeutschen Zeitung jüngst von einer „Dokumentation der Verantwortungslosigkeit“. Er behauptet die Bundeswehr sei „nahezu ruiniert“.
So ein Quatsch! Der Sinn solcher Äußerungen ist es, der Öffentlichkeit einzureden, an Rüstung und Militärischem werde seit Jahren gespart. Das ist eine Lüge. Seit zwanzig Jahren ist der Militärhaushalt konsequent angestiegen. 1999 betrug er umgerechnet 24 Milliarden Euro. Heute 37 Milliarden Euro. Und er soll in den nächsten drei Jahren auf über 41 Milliarden steigen.
Das sogenannte 2-Prozent-Ziel, zu dem sich die Bundesregierung bekennt, würde nahezu auf eine weitere Verdopplung des Militärhaushaltes bedeuten. Die GroKo ist entschlossen, die Bundeswehr weiter aufzurüsten und der Rüstungsindustrie fette Profite zu verschaffen. Das ist ein gefährlicher und teurer Irrweg.

Abrüsten, nicht Aufrüsten, ist das Gebot der Stunde!

Schauen wir uns einige Aspekte des Koalitionsvertrages an:
Erstens hatte SPD-Kanzlerkandidat Schulz im Wahlkampf versprochen, er wolle sich für einen Abzug der Atombomben aus Büchel stark machen. Aber was finden wir im GroKo-Papier? Ein Bekenntnis zur sogenannten nuklearen Abschreckungsdoktrin der Nato, und ein Bekenntnis zur sogenannten Nuklearen Teilhabe.
Zweitens: Im letzten Sommer noch entstand in den Medien der Eindruck, die SPD hätte die Kampfdrohne gestoppt. Auch davon ist nichts mehr zu lesen. Ganz im Gegenteil: die israelische Kampfdrohne Heron TP soll gemietet werden – als Zwischenlösung, bis dann eine eigene, teure europäische Kampfdrohne entwickelt worden ist, unter deutscher Führung.
Drittens schreiben SPD und CDU/CSU von einem Aufbruch für Europa. Das hört sich für viele so an, als sei es ein Bekenntnis gegen Nationalismus und für Völkerverständigung.
Das ist falsch. In der Koalitionsvereinbarung wird Europa als „Pesco“ buchstabiert, übersetzt ins Deutsche: Als „Ständige Strukturierte Zusammenarbeit“. Dabei geht es um nichts anderes als:
1. einen europäischen Verteidigungsfonds;
2. ein europäisches militärische Hauptquartier;
3. europäische Rüstungsprojekte, insbesondere bilaterale Projekte zwischen Deutschland und Frankreich, Deutschland und den Niederlanden, Deutschland und Norwegen.
Mit anderen Worten: Wenn die GroKo mehr Europa verspricht, dann verspricht sie mehr Geld für Rüstung und die Rüstungsindustrie, sowie mehr internationale militärische Einsätze.
Außen steht Frieden drauf, innen steckt Krieg drin.
Das ist keine Aufbruch für Europa, sondern europäischen Waffenbrüderschaft!

Wir wollen keine Kriegsbeteiligung – weder alleine noch im Rahmen der EU

Der Koalitionsvertrag ist ein friedenspolitischer Offenbarungseid! Die Bundesregierung trägt so ihren Anteil zur Anheizung des internationalen Rüstungswettlaufs. Das macht den Frieden unsicherer.
Doch Schuld sind natürlich immer nur die Anderen. Ja, Chinas Militärhaushalt wächst seit Jahren stark an, auf sechs bis sieben Prozent des Bruttoinlandsprodukts. China liegt bei den Verteidigungsausgaben mit rund 150 Milliarden US-Dollar weltweit auf Platz Zwei vor Saudi-Arabien und Russland. Allerdings dürfen wir den Wald vor Leute Bäumen nicht übersehen.
1. Europa war im vergangenen Jahr die Region mit den am schnellsten wachsenden Verteidigungsausgaben weltweit.
2. Die USA sind der absolute Rekordhalter. Sie haben einen Militärhaushalt von über 600 Milliarden Dollar. Und nun soll dieser Haushalt auf fast 690 Milliarden Dollar steigen! Das ist viereinhalbmal so viel wie der Militärhaushalt in China. Und 11-mal mehr als in Russland.
Die Wahrheit ist: Es ist die NATO und ihre Vormacht USA, die der größte Treiber des internationalen Rüstungswettlaufs ist. Die NATO bedeutet Rüstungswettlauf. Die Nato bedeutet Krieg. Die Nato bedeutet Atombomben in Büchel.

Deutschland muss raus aus der Nato!

Und wofür das alles? Wofür brauchten die Mächtigen all die Waffen? Am Ende für den Krieg gegeneinander. Nie seit Ende der 80er Jahre war der Weltfrieden so gefährdet wie jetzt.
Das ist nichts anderes als – Wahnsinn. Die Mächtigen der Welt reden hier in München mit schönen Worten in der heimeligen Atmosphäre eines Luxushotels, während sie in ihren Hauptstädten die Zerstörung anderer Länder planen.
Lassen wir uns nicht von diesen Worten täuschen – Ihre Reden sind nur die Zwischenphase zwischen den nächsten Konflikten. Dauerhafter und gerechter Frieden wird uns nicht in Verhandlungsrunden der Mächtigen oder auf dem diplomatischen Parkett gebracht.
Dauerhafter und gerechter Frieden müssen wir uns erkämpfen. Dieser Kampf ist auch ein Kampf gegen Nationalismus und Rassismus, gegen die rechten Hetzer, die gerade erstarken in vielen Ländern.
Unsere Verbündeten sind diejenigen, die gegen ihre Herrschenden und Unterdrücker in ihren Ländern kämpfen. Unsere Verbündeten sind die kurdische und türkische Kriegsgegnerinnen und Kriegsgegner. Es sind die Soldatenmütter in Russland, die Anti-Trump-Bewegung in den USA, die Streikenden in Griechenland, die Millionen, die Südkorea eine korrupte Präsidentin gestürzt haben.
Vor Hundert Jahren wurde der Weltkrieg durch Widerstand beendet. Vor fünfzig Jahren hat eine internationale Protestbewegung die USA gezwungen den Krieg in Vietnam zu beenden.
Es ist die internationale Solidarität von unten, die uns stark macht. Stoppen wir ihre Kriege – Wir haben eine Welt zu gewinnen!

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Auslandseinsätze: Es darf kein „Weiter so“ geben https://christinebuchholz.de/2017/10/18/auslandseinsaetze-es-darf-kein-weiter-so-geben/ Wed, 18 Oct 2017 11:32:53 +0000 http://christinebuchholz.de/?p=6623 „Es darf kein ‚Weiter so‘ geben. Bundeswehreinsätze müssen beendet, nicht unbesehen fortgeführt werden“, kommentiere ich für die Fraktion DIE LINKE den Kabinettsbeschluss zur dreimonatigen Fortsetzung von sieben Auslandseinsätzen der Bundeswehr.

„Die alte Bundesregierung aus Union und SPD führt auf den letzten Metern im Hauruckverfahren sieben Bundeswehreinsätze fort, damit die Jamaika-Koalition ohne Unterbrechung die Militarisierung der deutschen Außenpolitik fortsetzen kann. Was die alten Regierungsparteien Kontinuität nennen, ist vielmehr blinde Routine. Offenbar war es dabei unerheblich, was in den Einsatzgebieten tatsächlich passiert. So ist es völlig inkonsistent, wenn Ministerin von der Leyen gestern die Aussetzung der Ausbildung von Peschmerga im Irak damit begründet, man wolle ‚kein falsches Signal‘ aussenden, aber heute die Verlängerung des Mandats im Kabinett beschließt.
DIE LINKE wird allen Anträgen zur Verlängerung der Bundeswehrmandate im Bundestag widersprechen. Keiner der Einsätze trägt zur Lösung der Probleme bei, aber viele eskalieren die Situation noch. Es kann nicht sein, dass die Bundeswehr nach mehr als fünfzehn Jahren Krieg immer noch in Afghanistan stationiert ist, ohne dass ein Ende in Sicht ist. Frieden kann nicht durch ausländische Militärinterventionen herbeigeschossen werden.“

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Bundeswehreinsatz im Irak beenden https://christinebuchholz.de/2017/01/27/bundeswehreinsatz-im-irak-beenden/ Fri, 27 Jan 2017 10:05:03 +0000 http://christinebuchholz.de/?p=6289 Anders, als die Bundesregierung behauptet, ist der Bundeswehreinsatz im Nord-Irak kein Beitrag zur Bekämpfung des Terrors. Stattdessen werden korrupte Eliten in Irakisch-Kurdistan und Bagdad gestützt, die brutal gegen Oppositionelle vorgehen. Der Krieg, den diese Eliten um Einfluss, Territorien und Öl führen, heizt die ethnische Spaltung weiter an, die den IS erst hervorgebracht hat.

Rede im deutschen Bundestag anlässlich des Antrags der Bundesregierung auf Fortsetzung des Einsatzes der Bundeswehr zur Ausbildung irakischer und kurdischer Streitkräfte im Irak.
Christine Buchholz (DIE LINKE):
Frau Präsidentin!
Meine Damen und Herren!
Herr Steinmeier, Sie haben die Frage der Verantwortung in das Zentrum Ihrer letzten Rede als Außenminister gestellt. Der Bundeswehreinsatz im Irak, über den wir heute hier diskutieren, steht für uns beispielhaft für die falsche Ausrichtung und auch die falsche Interpretation der Verantwortung der Bundesregierung in der Welt.
Dabei rede ich explizit nicht über die Anstrengung der humanitären Hilfe beispielsweise für Flüchtlinge im Nordirak, wo viel mehr zu tun ist und wo übrigens auch die Flüchtlinge geschützt werden müssen; sie dürfen nicht wieder in den Nordirak abgeschoben werden.
Vielmehr geht es darum, heute, hier und jetzt über die Fortführung des Bundeswehreinsatzes zu diskutieren. Die Bundeswehr soll nämlich weiterhin die Peschmerga, also die Milizen der kurdischen Regionalregierung im Nordirak, militärisch ausbilden.
Zur Begründung behauptete Verteidigungsministerin von der Leyen in der ersten Beratung des Antrags, die Peschmerga hätten „als Erste den IS gestoppt“.
Das ist nicht wahr. Als der IS im Sommer 2014 die Minderheit der Jesiden angriff und ins nordirakische Sindschar-Gebirge trieb, flohen die Peschmerga, ohne einen einzigen Schuss abzugeben, und es war die kurdische PKK, die den Jesiden einen Korridor freikämpfte.
(Beifall bei Abgeordneten der LINKEN – Michael Brand (CDU/CSU): Das ist doch eine üble Legende!)
Doch die PKK gilt in Deutschland als terroristisch. Die Peschmerga hingegen, welche die Jesiden im Stich ließen, werden von Deutschland mit Waffen und Ausbildung unterstützt.
(Michael Brand (CDU/CSU): Unverschämt! – Henning Otte (CDU/CSU): Jetzt übernehmen Sie sich aber!)
Um den Bundeswehreinsatz im Irak zu rechtfertigen, leugnet die Bundesregierung diese nachweislichen Fakten.
(Michael Brand (CDU/CSU): Sie sollten sich bei Trump bewerben!)
Es gibt aber auch Kurden im Nordirak, die das sagen, so wie der Journalist Wedat Hussein Ali. Er wagte es, Präsident Barsani und die kurdische Regionalregierung zu kritisieren.
Die Folge: Wedat Hussein Ali wurde mehrfach von Barsanis Leuten verhört und bedroht. Im August letzten Jahres wurde seine Leiche mit Folterspuren aufgefunden.
Human Rights Watch spricht von Dutzenden Journalisten, die von Kräften der kurdischen Regionalregierung schikaniert, inhaftiert oder getötet worden sind.
Wir sagen: Ein solches Regime darf nicht unterstützt werden.
(Beifall bei der LINKEN)
Seit 2014 hat die Bundesregierung mehr als 30 Transportflugzeuge mit Rüstungsgütern und Waffen in den Irak geschickt. Die Peschmerga erhielten unter anderem 4 000 Sturmgewehre und über 18 Millionen Schuss Munition.
Ich frage die Bundesregierung: Können Sie ausschließen, dass die kurdische Regionalregierung mit diesen Waffen nicht auch gegen ihre Gegner im Innern vorgeht? Nein, Sie können es nicht.
Und ich frage Sie: Wie können Sie denn dann diese Waffen liefern?
(Beifall bei der LINKEN)
Die Peschmerga sind im Übrigen keine reguläre Armee. Es sind die Parteimilizen Barsanis und Talabanis. Diese beiden Clanführer haben Irakisch-Kurdistan untereinander aufgeteilt.
Barsanis Clan hat den Krieg gegen den IS zum Vorwand genommen, sich die Großstadt Kirkuk einzuverleiben. Dabei kam es zu ethnisch motivierten Vertreibungen. Amnesty International berichtete im vergangenen Herbst, dass rund 450 Familien aus Kirkuk und Umgebung von Peschmerga vertrieben worden sind.
Ihr einziges Verbrechen: Sie sind Araber. Ihre Häuser wurden von Bulldozern plattgewalzt.
Man muss wissen: Im Irak kämpfen kurdische, sunnitische und schiitische Eliten um Macht, Öl und Territorien. Wenn man in einem solchen Konflikt Partei ergreift, trägt das nur zur weiteren ethnischen Spaltung des Iraks bei. Auch deshalb lehnt die Linke diesen Auslandseinsatz entschieden ab.
(Beifall bei der LINKEN – Henning Otte (CDU/CSU): Sie opfern Menschen!)
Denn genau diese ethnische Spaltung hat doch den IS erst stark gemacht. Das von den US-Invasoren eingesetzte schiitisch dominierte Regime in Bagdad hat über Jahre Sunniten verfolgt. Das konnte der IS dann ausnutzen.
Daran hat sich im Grundsatz nichts geändert. Auch heute müssen sunnitische Männer um ihr Leben fürchten, wenn sie in die Hand der irakischen Armee fallen. Erst letzte Woche sind wieder Videos öffentlich geworden, die zeigen, wie Soldaten der irakischen Armee wehrlose Gefangene foltern und kaltblütig hinrichten.
Die UN fordert Aufklärung. Und die Bundesregierung darf dazu nicht schweigen.
(Beifall bei der LINKEN)
Herr Steinmeier, Sie haben zu Beginn der Mosul-Offensive vor drei Monaten gesagt – ich zitiere -:
Wenn nach der Befreiung der Stadt die Geißel des IS nur durch einen Machtkampf zwischen Kurden, Sunniten und Schiiten abgelöst wird, dann ist jedenfalls für die Menschen in Mosul nichts gewonnen.
Da haben Sie, Herr Steinmeier, Recht gehabt.
Das Problem ist nur: Dieser Machtkampf zwischen den korrupten kurdischen, schiitischen und sunnitischen Eliten ist doch längst am Laufen, und er wird durch den Bundeswehreinsatz im Irak weiter unterstützt.
Deshalb muss dieser Einsatz umgehend beendet werden. Das wäre eine verantwortliche Entscheidung.
(Beifall bei der LINKEN)

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Mossul: Die Schlacht, die den nächsten Krieg vorbereitet https://christinebuchholz.de/2016/11/07/mossul-die-schlacht-die-den-naechsten-krieg-vorbereitet/ Mon, 07 Nov 2016 14:15:38 +0000 http://christinebuchholz.de/?p=6205 Seit Mitte Oktober tobt die Schlacht um Mossul. Im Juni 2014 war die Millionenstadt im Norden des Iraks nahezu widerstandslos in die Hände des „Islamischen Staats“ (IS) gefallen. Seitdem haben die US-Luftstreitkräfte und ihre Verbündeten über 50.000 Bomben auf den Irak und Syrien abgeworfen. Die Medien verbreiten, nun würde die Befreiung vom Terror in greifbare Nähe rücken. Das ist eine trügerische Hoffnung.
„Oh doch, es gibt gute und böse Bomben!“, titelte die BILD-Zeitung am 26. Oktober. Mossul sei nicht gleich Aleppo. Anders als die russischen Streitkräfte in Syrien würde die US-geführte Kriegskoalition im Irak lasergesteuerte Bomben verwenden, die „präzise“ gegen militärische? Ziele eingesetzt werden und so die Zivilbevölkerung schonen. Das ist nichts als Kriegspropaganda. Am 26. Oktober gab Amnesty International einen Bericht heraus, der auf Grundlage öffentlich zugänglicher Informationen elf verschiedene US-geführte Luftangriffe im nördlichen Syrien untersuchte. Dabei kamen rund 300 Zivilisten um. Tatsächlich werden die Bomben auf Mossul, genauso wie in Aleppo, die Stadt zerstören und Tausende von Menschenleben fordern.
Der BILD-Kommentar ist der zugespitzte Ausdruck einer Medienberichterstattung, die von einem einseitigen Blick auf die Schlacht um Mossul geprägt ist. Aus Aleppo werden vor allem Bilder verbreitet, die der zivile Widerstand mit Handykameras in Netz stellt. Es sind Bilder von Trümmern, aus denen Menschen und Leichen geborgen werden. Viele Berichte aus dem eingeschlossenen Aleppo zeigen den Krieg aus der Perspektive der betroffenen Zivilbevölkerung.
Bild vom sauberen Krieg ist ein Mythos
Aus und um Mossul sehen wir den Krieg durch die Augen der angreifenden Truppen. Wenn die internationalen Korrespondenten an die Front fahren, dann sind sie „eingebettet“ bei den kurdischen Peschmerga oder den von US-Truppen ausgebildeten „Antiterror-Einheiten“ der irakischen Armee. Wer sich dem entziehen will, ist Repressalien ausgesetzt. So wurde der unabhängige japanische Journalist Kosuke Tsuneoka von Peschmerga verhaftet und verhört. Grund: Er ließ sich nicht einbetten und berichtete hinter der Frontlinie unbehelligt von der Zensur der Militärs. Auch Korrespondenten der arabischen Satellitensender Al-Arabiya und Al-Dschasira wurden pauschal ausgewiesen.
Das Bild vom sauberen und gerechten Anti-Terror-Krieg ist ein Mythos. So dokumentierte Amnesty International am 2. November die Übergriffe Bagdad-treuer sunnitischer Milizen, die nach der Befreiung von Dörfern im Umland von Mossul als Vergeltungsmaßnahme Einwohner misshandelten, in Käfigen ausgestellt und auf Motorhauben gebunden durch den Ort gefahren haben.
Davon lesen wir nichts in BILD. Ebenso wenig wie von den Übergriffen der kurdischen Regionalregierung, die in Kirkuk stattfanden. Laut Human Rights Watch wurden dort an zwei Tagen im Oktober mindestens 325 Familien von den Peschmerga gewaltsam aus der Stadt vertrieben und mehr als 100 Häuser zerstört. Ihr einziges Verbrechen: Es handelte sich um arabische Familien. Viele von ihnen haben in Kirkuk seit vielen Jahrzehnten gewohnt, manche waren zuvor vor dem IS aus der Stadt Hawidscha geflohen.
Irak steht als einheitlicher Staat nur noch auf dem Papier
Gerade dieser Bericht wirft ein Schlaglicht auf die Realität des Krieges. Die Kontrolle über die Großstadt Kirkuk und die in der Region lagernden Ölvorkommen waren lange zwischen der schiitisch-dominierten Zentralregierung in Bagdad und der kurdischen Regionalregierung in Erbil umstritten. Als der Krieg gegen den IS ausbrach, nutzte die kurdische Seite unter Präsident Barsani die Schwäche des Regimes in Bagdad aus und ließ kurzerhand Peschmerga nach Kirkuk einrücken. Seitdem ist die Stadt „kurdisch“. Die Vertreibungen arabischer Familien im Oktober folgen dieser Logik. Der so genannte Krieg gegen den Terror war und ist am Boden ein Kampf um Territorien, Öl und politischen Einfluss.
Irak steht als einheitlicher Staat nur noch auf dem Papier. Verantwortlich dafür sind die US-Invasion von 2003 und das folgende Besatzungsregime. Unter Verantwortung von US-Gouverneur Bremer wurde damals ein System eingeführt, wonach alle Posten im Staatsapparat vom Präsident angefangen entweder Schiiten, Sunniten oder Kurden zugeteilt wurden. Vor der US-Invasion war es durchaus üblich, dass es durch Heirat zur Vermischung von Schiiten und Sunniten kam. Heute schirmen meterhohe Mauern schiitische und sunnitische Stadtteile in Bagdad voneinander ab. Die Teile-und-Herrsche-Politik der US-Besatzer hat das Land auseinandergerissen.
So gelang es einer kleinen korrupten Minderheit um den schiitischen Premierminister Maliki das Land zur eigenen Beute zu machen. Zehntausende Sunniten verloren ihre Jobs als Lehrer oder Beamte. „Al-Qaeda im Irak“, der Vorläufer des IS, machte sich das zunutze und verband den Widerstand gegen die US-Besatzungsmacht mit einem Krieg gegen alle Schiiten. Sie führten Anschläge auf Marktplätzen in schiitisch geprägten Städten und gegen schiitische Heiligtümer durch.
Dem IS stehen radikal-schiitische Milizen gegenüber, die ihrerseits vom Geist des Rassismus gegen alle Sunniten erfüllt sind. Der Korrespondent Ghaith Abdul-Ahad illustrierte die Logik dieses Kampfes in einem Bericht für den britischen Guardian. Er zitiert einen schiitischen Milizionär: „Wenn ich ein Gebiet vom Islamischen Staat befreie, warum sollte ich es ihnen zurückgeben? Entweder lösche ich es aus oder lasse Schiiten darin siedeln.“
Malikis Nachfolger, Premierminister Abadi, hatte vor diesem Hintergrund im vergangenen Februar angekündigt, dass diese Milizen nicht an der Schlacht um Mossul teilnehmen sollen. Das war ein leeres Versprechen. Die Volksmobilisierung rückt im Westen von Mossul auf die Stadt vor. Bereits die ersten Meldungen lassen das Schlimmste befürchten. Flüchtende aus Mossul müssen Checkpoints von Armee oder Milizen passieren, die für Sunniten Verhaftung oder Tod bedeuten können. Der Journalist Belkis Willie berichtete Anfang November in Foreign Policy von Tausenden Männern und Jungen, die bereits von irakischen Sicherheitskräften unter dem fadenscheinigen Vorwurf der Zugehörigkeit zum Islamischen Staat festgenommen wurden und seitdem verschwunden sind.
Bombenkrieg begünstigt Ausweitung des Terrors
Bevor der IS im Jahr 2014 Mossul eroberte, hatte sich die Bundesregierung wie alle anderen westlichen Regierungen überhaupt nicht für das Schicksal der Irakis interessiert. Das damalige Maliki-Regime wurde von den USA aufgerüstet, obwohl es in den Jahren 2013 und 2014 mit der Armee gegen friedliche Protestierende vorging, Krankenhäuser mit Artillerie beschießen ließ und sunnitische Politiker hat umbringen lassen. Als dann die von Korruption zersetzte irakische Armee im Sommer 2014 bei Mossul binnen Stunden auseinanderfiel, konnte der IS die Ausrüstung von 30.000 geflohenen Soldaten erbeuten. Seitdem bombardieren die US-Streitkräfte das Land und versuchen das militärische Gerät zu zerstören, was sie zuvor selbst an den Irak geliefert haben.
Dieser Bombenkrieg hat die internationale Ausbreitung des Terrors begünstigt und dem IS neue Anhänger gebracht. Anfang 2014 wurde die Stärke des damaligen IS-Vorläufers auf 3000 Kämpfer geschätzt. Im Sommer 2016 behauptete das Pentagon, in zwei Jahren Bombenkrieg 25.000 IS-Kombattanten getötet zu haben. Zählt man noch die Tausende hinzu, die in Mossul, Rakka und anderswo ausharren und Widerstand leisten, ist es zu mehr als einer Verzehnfachung des Kämpfer des IS gekommen – gemessen nach den offiziellen Angaben aus Washington.
Dafür kann es nur zwei Gründe geben: Entweder werden getötete Zivilisten zu Kombattanten umdefiniert. Oder der Bombenkrieg treibt dem IS immer neue Anhänger zu. Wahrscheinlich ist beides ist der Fall.
Die Bundesregierung verweigert jede Auskunft darüber, welche Ziele die Bomber treffen, die die Bundeswehr seit einem Jahr im Einsatz betankt hat. Auch gibt sie vor nicht zu wissen, was mit den Bildern passiert, die die Aufklärungstornados der Bundeswehr schießen. Die Bundestagsabgeordneten, die der Verlängerung des Einsatzes bedenkenlos zustimmen, scheinen sich dafür ebenfalls nicht zu interessieren.
Das Umschlagen des Bürgerkriegs in einen regionalen Krieg droht
Selbst wenn der IS in Mossul zusammenbricht, weiß niemand, was danach kommt. Es gibt keinerlei Vereinbarung darüber, wer die Stadt beherrschen soll. Die so genannten Verbündeten werden nur durch den gemeinsamen Feind, den IS zusammengehalten. Ansonsten aber befinden sie sich in direkter Rivalität und versuchen, Territorien zu erobern. In der multiethnischen Stadt Tuz Khormatu ist es vor diesem Hintergrund in den letzten Monaten zu bewaffneten Auseinandersetzungen mit dutzenden Toten gekommen: Nicht zwischen dem IS und seinen Gegnern, sondern zwischen turkmenischen, arabischen und kurdischen Kräften. Schon ist von der Teilung Mossuls und der umgebenden Provinz Niniveh die Rede, in christliche, turkmenische, jesidische, schiitische und sunnitisch dominierte Distrikte.
Die Einmischung von außen verschärft dieses Problem. Bereits jetzt sind neben den rund 5000 US-Soldaten auch 2000 türkische Soldaten am Boden in der Region stationiert. Präsident Erdogan ließ demonstrativ Panzer an der Grenze auffahren. Er fordert die Beteiligung der türkischen Truppen an der Schlacht, um dauerhaft einen Fuß in die ölreiche Region zu bekommen. Der irakische Premier Abadi, unterstützt von den USA und Iran, forderte die Türkei zum Rückzug auf und drohte Erdogan seinerseits mit Krieg. Sollte es zu einem Sieg über den IS kommen, dann droht das Umschlagen des Bürgerkriegs in einen regionalen Krieg. Diese Schlacht bereitet den nächsten Krieg vor.
Angesichts der komplizierten Lage und dem Schrecken, den der IS verbreitet, hoffen manche auf einen schnellen Sieg der internationalen „Anti-Terror-Koalition“. Ein Blick zurück zeigt, wie trügerisch diese Hoffnung ist. Vor 15 Jahren intervenierte die NATO in Afghanistan. Die Taliban und die auf afghanischem Gebiet befindliche Al-Qaida wurden in genau demselben Licht gezeichnet wie heute der IS.
An der Seite der US-Streitkräfte wurde die Bundeswehr in den ersten großen Kampfeinsatz geschickt. Was wurde nicht alles versprochen: Frauenbefreiung, Demokratie, Entwicklung. Doch 15 Jahre später hat Afghanistan trotz Einsatz Hunderttausender Soldaten und Milliarden von US-Dollar nicht zu Demokratie, Frauenrechten oder Demokratie gefunden, geschweige denn zum Frieden. Stattdessen sind die Taliban, die in der Bevölkerung zu Beginn des Kriegs weitgehend verhasst waren, heute so stark wie nie zuvor seit 2001.
Die Logik des Konflikts durchbrechen
Denn die vermeintliche Medizin ist in Wirklichkeit Teil des Problems. Der Anti-Terror-Krieg ist selbst nichts anderes als Terror. Wenn imperialistische Mächte mit ihren ganz eigenen Interessen intervenieren und Bomben auf Aufständische werfen, dann treffen sie nicht nur Kombattanten. Sie treffen Väter und Söhne, aber auch Frauen und Kinder. Jeder imperialistische Krieg hat in der Vergangenheit den Aufstand geschürt, den er bekämpfte.
Die Schlacht um Mossul wird die Stadt zerstören. Sie droht tausende Unschuldige umzubringen und eine Massenflucht auszulösen, insbesondere unter der sunnitischen Bevölkerung. Das wird Elend, Hass und Verzweiflung schüren. Neue Formationen wie der IS werden auf dieser Grundlage einen Nährboden finden. Entgegen den Versprechungen wird so die Gefahr von Terroranschlägen in Europa nicht sinken.
Eine solche Politik darf von deutscher Seite nicht unterstützt werden, weder militärisch noch politisch. Stattdessen sollten Maßnahmen durchgeführt werden, die die Logik des ethnisch-konfessionellen Konflikts durchbricht und auf diese Weise der Propaganda des IS entgegenwirken. Dazu gehört der Rückzug der Bundeswehr aus dem Kriegsgebiet, der Stopp aller Waffenlieferungen in das Kriegsgebiet, so wie der Kampf gegen Islamfeindlichkeit im eigenen Land und die Gewährung von Asyl für Kriegsflüchtlinge.

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Awacs-Einsatz würde weitere Eskalation bedeuten https://christinebuchholz.de/2016/02/04/awacs-einsatz-wuerde-weitere-eskalation-bedeuten/ Thu, 04 Feb 2016 16:09:10 +0000 http://christinebuchholz.de/?p=5923 Zu den Äußerungen von Nato-General Domröse, der den europäischen Verteidigungsministern zum Einsatz von Awacs im Kriegsgebiet über Syrien und Irak rät, habe ich heute folgenden Pressemitteilung herausgegeben:
„Ein Einsatz von Awacs-Flugzeugen der Nato über Syrien und Irak würde den Konflikt weiter eskalieren. Ein Awacs-Einsatz in Syrien hat nichts mit Konfliktvermeidung zu tun. Denn die Gefahr einer direkten Konfrontation zwischen Nato und Russland ist nicht vorrangig dem Risiko eines ungewollten Zusammenstoßes von Kampfflugzeugen geschuldet, wie General Domröse nahelegt. Sondern den unterschiedlichen Interessen zwischen den Mächten, die in Syrien und Irak verfeindete Kriegsparteien unterstützen. Nur der Rückzug der internationalen Streitkräfte aus dem Schlachtfeld im Mittleren Osten ist geeignet, die Gefahr eines internationalen Krieges zu verringern.
Die Awacs-Maschinen sollen dazu dienen, Bombenangriffe der Staaten der US-geführten Allianz gegen Ortschaften im Irak und in Syrien zu unterstützen. Ihr Einsatz würde keine defensive, sondern eine offensive Maßnahme bedeuten. Deutschland darf einer solchen Maßnahme nicht zustimmen.“

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LINKE lehnt Bundeswehreinsatz im Nord-Irak ab https://christinebuchholz.de/2016/01/14/linke-lehnt-bundeswehreinsatz-im-nord-irak-ab/ Thu, 14 Jan 2016 17:05:29 +0000 http://christinebuchholz.de/?p=5894 Die Bundesregierung will das deutsche Bundeswehrkontingent im Nord-Irak verlängern. Die Ausbildung von Peschmerga und anderen Kräften ist Teil des so genannten „Krieges gegen den Terror“. Doch dieser Krieg hat immer mehr Terror geschaffen.

Christine Buchholz: 
Frau Präsidentin!
Meine Damen und Herren!
Die Entsendung deutscher Streitkräfte in den Nordirak zur Ausbildung der Peschmerga und anderer Kräfte ist Teil der sogenannten Anti-IS-Koalition. Lassen Sie mich ganz am Anfang sagen: Der sogenannte Krieg gegen den Terror hat nicht den Terror bekämpft, sondern er hat neuen Terror geschaffen und die Spirale der Gewalt angeheizt.
Das sagt nicht nur die Linke, das sagt auch der Bundesnachrichtendienst. Die Lage – ich zitiere aus einer den Medien zugespielten BND-Studie – sei „heute ungleich gefährlicher“ als 2001. Die „Zone der Instabilität“ sei „vom Hindukusch in die unmittelbare Nachbarschaft Europas vorgerückt“.
Man kann nicht oft genug betonen: Den IS würde es heute nicht geben, wenn die USA nicht 2003 den Irak bombardiert und dann besetzt hätten.
Welche Konsequenz zieht die Bundesregierung daraus? Sie ziehen Deutschland immer tiefer in einen Krieg im Mittleren Osten hinein. Das ist die falsche Antwort.
Eine wichtige Motivation der Bundesregierung formulieren Sie in Ihrem Antrag selbst: Die Intervention im Irak stelle „einen weiteren Pfeiler der Intensivierung unseres sicherheitspolitischen Engagements dar“. Übersetzt heißt das: Es geht um Glaubwürdigkeit, es geht darum, als europäische Führungsmacht den wirtschaftlichen und geopolitischen Interessen auch in Kriegszonen Geltung verschaffen zu können. Darum geht es.
Es vergeht auch fast keine Woche, in der nicht eine neue Aufrüstungs- oder Einsatzentscheidung gefasst wird. Frau Merkel hat gestern im Verteidigungsausschuss deutlich gemacht, was die Marschrichtung der Großen Koalition für die nächste Zeit sein wird: weitere Bundeswehreinsätze und weitere Aufrüstung. Das lehnt die Linke ab.
Die Bundesregierung begründet die Fortsetzung des Einsatzes mit den Erfolgen bei der Zurückdrängung des IS.
Städte wie Sindschar, Tikrit und Baiji wurden vom IS befreit. Das ist zunächst richtig, aber es ist nur das halbe Bild. Offenbar erleben Bewohner dieser Orte die Rückeroberung nicht alle als Befreiung. Ramadi wurde weiträumig zerstört. Dazu hat übrigens auch der Abwurf von 630 US-Bomben beigetragen. An anderen Orten folgt der Diktatur des IS die Willkürherrschaft radikal-schiitischer Milizen, zum Beispiel in Tikrit. Dort haben diese Milizen laut Human Rights Watch einige hundert Gebäude geplündert und vorsätzlich zerstört. 200 Sunniten wurden entführt, darunter Kinder. Korrespondenten berichteten im letzten Monat, dass auch Baiji völlig von diesen Milizen kontrolliert werde und eine – Zitat – Kampagne gegen Einwohner und Rückkehrer geführt wird. So wird der Irak nicht stabilisiert, in Wirklichkeit wird so neuer Hass gesät. Denn in diesem Krieg gibt es nicht die eine gute Seite.
Mit Waffen und Ausbildern stützt Deutschland eine Regionalregierung, die ihre Macht nicht auf das Parlament, sondern auf die Waffen ihrer Streitkräfte stützt. Es ist nicht transparent, was mit den deutschen Waffen passiert, die Sie liefern. Der Präsident des kurdischen Regionalparlaments, Yusuf Mohammed, hat jüngst in Berlin die Befürchtung geäußert, sie könnten zum innerkurdischen Machtkampf instrumentalisiert werden; denn der deutsche Partner Präsident Barzani hat das Parlament für aufgelöst erklärt. Der Parlamentspräsident darf die kurdische Hauptstadt Erbil nicht einmal betreten.
Aber diese Probleme interessieren Sie nicht sonderlich, weil sie nicht in Ihre Erzählung hineinpassen. Es ist auch nicht neu, dass die Bundesregierung die Realitäten nicht vollständig zur Kenntnis nimmt. So sind es auch nicht die Peschmerga gewesen, die im Sommer 2014 die Jesiden im Sindschar-Gebirge vor dem IS gerettet haben, sondern die PKK und ihre Verbündeten.
Doch die PKK wird von der Bundesregierung weiterhin als terroristische Vereinigung eingestuft. Das ist heuchlerisch. Das Verbot der PKK muss endlich aufgehoben werden.
Die Ausbildungsmission ist Teil einer überaus gefährlichen Intervention. Sie begann im letzten Jahr mit Waffenlieferungen und der Entsendung von Ausbildern. Dann kamen der Tornadoeinsatz und nun die AWACS. Wir befürchten, es wird weitergehen. Der Abschuss der russischen Militärmaschine durch die Türkei und die aktuelle Eskalation des Konflikts zwischen dem Iran und Saudi-Arabien haben verdeutlicht, wie rasch der Konflikt in einen internationalen Krieg der Regional- und Großmächte umschlagen kann. Wir sind der Meinung, die Bundeswehr hat weder in Syrien noch im Irak etwas verloren.
Die Linke stimmt gegen die Verlängerung und die Ausweitung dieses Bundeswehreinsatzes. Beenden Sie die Beteiligung am Krieg gegen den Terror!
Vielen Dank, meine Damen und Herren.
 

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Bundesregierung macht Bundeswehr mitschuldig an Bombenkrieg https://christinebuchholz.de/2015/12/16/bundesregierung-macht-bundeswehr-mitschuldig-an-bombenkrieg/ Wed, 16 Dec 2015 13:50:24 +0000 http://christinebuchholz.de/?p=5858 „Die Bundesregierung macht die Bundeswehr mitschuldig an einem Bombenkrieg, der immer mehr zivile Opfer fordert“, kommentierte ich heute für die Partei DIE LINKE und als verteidigungspolitische Sprecherin der Linksfraktion im Bundestag, die Meldung, wonach die Bundeswehr zweimal Kampfjets der internationalen Koalition gegen den IS in der Luft betankt habe:
Seit letzter Nacht ist die Bundeswehr aktiver Teil des Luftkrieges über dem Irak und Syrien, ohne dass klar wäre, wen die Bundeswehr betankt, und welche Ziele angegriffen werden. Diese Intransparenz hat System. So bleibt die konkrete Mitverantwortung im vagen, wenn wieder Unschuldige sterben. Bislang hat die US-geführte Allianz über Syrien und Irak über 31.800 Bomben und Raketen abgefeuert, bei denen laut Berichten von Menschenrechtsorganisationen in 271 Fällen insgesamt zwischen 1.600 und 2.100 Zivilisten getötet worden seien.
Die Bekämpfung des Terrors ist ein Vorwand, um geostrategische Interessen zu kaschieren. Die Bundeswehr ist Teil einer Allianz, in der fast ausschließlich die USA und andere NATO-Staaten aktiv Luftangriffe durchführen. Der Einsatz der deutschen Luftwaffe von türkischem Territorium ist auch Teil eines verdeckten Konflikts mit Russland, das seinerseits keine Rücksicht auf die Bevölkerung bei der Bombardierung von Zielen in Syrien nimmt. Der Abschuss eines russischen Bombers durch die türkische Luftwaffe zeigt, wie rasch diese parallelen Bombenkampagnen über Syrien in einen großen Krieg umschlagen können.

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Syrien: Für politische Auseinandersetzung statt Verleumdung https://christinebuchholz.de/2015/09/29/syrien-fuer-politische-auseinandersetzung-statt-verleumdung/ Tue, 29 Sep 2015 07:35:31 +0000 http://christinebuchholz.de/?p=5702 Meine Stellungnahme zum Artikel „Marschbefehle von links“ von Arnold Schölzel in der Kolumne „Der schwarze Kanal“ (junge Welt vom 26.09.2015)
Ich habe am 21.9.2015 zusammen mit Frank Renken ein Thesenpapier mit dem Titel „Syrien, Irak und die Fluchtbewegung“ verfasst und freue mich über eine sachliche Debatte zu dem Thema. Arnold Schölzel, Chefredakteur der Zeitung Junge Welt, ignoriert den größten Teil des Thesenpapiers und stellt mich in eine Reihe mit Joschka Fischer, der als Bundesaußenminister 1999 den NATO-Luftkrieg gegen Jugoslawien aktiv unterstützt hat, sowie mit Bernard Henri-Levy und den französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy, die 2011 den Luftkrieg gegen Libyen verantworteten. Er meint, unter diesen „aufs Bombardieren versessenen Moraldschihadisten“ würde ich das „französische Bombengespann“ noch „übertreffen“.
Um diese Vorwürfe zu begründen, zitiert Arnold Schölzel aus dem Papier lediglich einen einzigen Satz, „Russland ist kein Partner für Frieden“. Tatsächlich verdreht Arnold Schölzel den Sinn des genannten Papiers bis zur Unkenntlichkeit. Frank Renken und ich argumentieren darin, dass der seit einem Jahr stattfindende US-geführte Bombenkrieg gegen Irak und Syrien ungezählte zivile Opfer gefordert hat. Wir kritisieren, dass über diese Opfer geschwiegen wird und fordern den Rückzug Deutschlands aus dieser Kriegsallianz. Das ist das genaue Gegenteil eines „Marschbefehls von links“.
Wir argumentieren, der „Islamische Staat selbst ist ein Produkt der US-Invasion im Irak von 2003. Die US-Besatzer und ihre britischen Verbündeten haben Gegner verschleppt und gefoltert. Sie haben ein politisches System entlang ethnisch-konfessioneller Linien etabliert.“ Weiter sagen wir: „Die seit einem Jahr von den USA angeführte Kriegsallianz gegen den IS, an der sich auch Deutschland beteiligt, nährt diese Politik der Abschottung und des Hasses.“ Dennoch dichtet Arnold Schölzel mir mit dem Verweis auf diesen Text eine „tiefe Neigung zu westlichen Feldzügen“ an. Hier ersetzt die Verleumdung die politische Auseinandersetzung.
Richtig ist, dass wir neben der Militärintervention der USA und ihrer Verbündeten auch die russische Militärintervention ablehnen, ebenso wie das französische Eingreifen. Konkret haben wir im Text kritisiert, dass von Seiten der russischen und französischen Regierung vorgegeben wird, damit die „Ursachen der Fluchtbewegung“ zu bekämpfen. Unser Argument ist, dass das Bombardement aus der Luft Menschen tötet und Infrastruktur vernichtet, und damit die Fluchtursachen weiter anheizt. Das ist das Gegenteil dessen, wofür das „Bombengespann“ Sarkozy und Levy steht.
Ich habe sowohl gegen das Bombardement Jugoslawiens 1999 demonstriert und argumentiert, wie gegen die die Bombardierung Libyens 2011. Ich habe seit meiner Wahl in den Bundestag 2009 immer wieder meine Ablehnung gegen jede Beteiligung an militärischen Interventionen im Ausland durch die Bundeswehr deutlich gemacht – so auch in meiner Rede im Bundestag zur Lage in Syrien am 24. September. Dafür wurde ich von der Großen Koalition angefeindet. Schade ist es, dass Arnold Schölzel es für nötig hält, mich genauso anzufeinden und zu diesem Zweck meinen Text bewusst fehlinterpretiert.
 

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Syrien, Irak und die Fluchtbewegung https://christinebuchholz.de/2015/09/21/syrien-irak-und-die-fluchtbewegung/ Mon, 21 Sep 2015 13:16:05 +0000 http://christinebuchholz.de/?p=5686 Ein Thesenpapier von Christine Buchholz und Frank Renken21.09.2015
In diesen Tagen kommen drei große Fragestellungen zusammen, auf die DIE LINKE Antworten finden muss:
– Die Massenflucht nach Europa findet eine ihrer Hauptursachen in dem Krieg in Syrien und Irak: Wie kann der Krieg im Nahen und Mittleren Osten gestoppt werden?
– Die Luftbombardements der US-geführten Kriegskoalition im Irak und Syrien jähren sich, ohne dass ein Ende in Sicht wäre: Wie stehen wir zum „Anti-Terror-Krieg“ der Großmächte gegen den IS?
– Die Bundesregierung ist Teil der US-geführten Kriegskoalition und will ihr militärisches Engagement im Irak weiter ausdehnen, während sie gleichzeitig diplomatische Initiativen startet: Welche Rolle spielt Deutschland in den Kriegen im Nahen und Mittleren Osten?
 
1. Bomben auf den IS werden die Fluchtbewegung nicht stoppen
Bis Mitte September haben dieses Jahr etwa 380.000 Menschen in Europa um Asyl nachgesucht. Weitere Hunderttausende sind noch nicht registriert oder befinden sich auf dem Weg nach West- und Nordeuropa. Die Hälfte davon stammt aus Syrien. Die Regierungen in Frankreich und Russland nutzen diese Situation, um direkt militärisch in Syrien aktiv zu werden. Sie geben vor, dass die Beteiligung am Krieg gegen den „Islamischen Staat“ (IS) helfen würde, die Fluchtursachen zu bekämpfen. Tatsächlich ist der IS nicht die Hauptursache für derzeitige Fluchtbewegung von Syrern nach Europa. Die Flucht auf der Route über die Türkei, Griechenland und den Balkan hat eingesetzt, nachdem der IS in Nordsyrien zurückgedrängt wurde. Der IS kontrolliert keinen Grenzübergang zur Türkei mehr, seit die kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) im Sommer Tell Abyad eroberten und weit nach Süden vorstoßen konnten. Der letzte relevante Vorstoß des IS in Syrien im Mai führte nach Palmyra, das heißt in eine fast menschenleere Gegend.
Der IS hat in der Vergangenheit zwei große Fluchtbewegungn ausgelöst – im Irak. 2014 flüchteten Jesiden vor den mörderischen Banden ins Sindschar-Gebirge. Dieser Vorstoß wurde von kurdischen Kämpfern der YPG und der PKK zurückgeschlagen, die nun ihrerseits von der türkischen Armee bombardiert wird. Eine weitere Massenflucht wurde nach dem Sieg des IS im irakischen Ramadi im Mai 2015 ausgelöst. Zehntausende wollten in die Hauptstadt Bagdad fliehen, wurden aber von dem Regime aufgehalten. Die Flüchtlinge mussten wochenlang auf der Straße in sengender Hitze kampieren. Die Praxis des Bagdader Regimes, das mit Iran und dem Westen verbündetet ist, hat keine vernehmbare Kritik seitens der Bundesregierung hervorgerufen.
 
2. Die Perspektivlosigkeit in den Lagern muss beendet werden
Die unmittelbare Ursache für die Fluchtbewegung nach Europa ist die Hoffnungslosigkeit, die sich in den Flüchtlingslagern innerhalb Syriens und dessen Nachbarländern breitgemacht hat. Es gibt mittlerweile rund 12 Millionen syrische Flüchtlinge, davon sitzen knapp 5 Millionen in den Anrainerstaaten fest. Ursprünglich hatten sie gehofft, bald nach Syrien zurückzukehren. Aber der sich hinziehende Krieg ohne Aussicht auf ein Ende treibt nun Hunderttausende weiter. Viele entschließen sich zur Fortsetzung der Flucht nach Europa, um den eigenen Kindern eine Schulbildung zu ermöglichen. Laut Kinderhilfswerk UNICEF wurden in Syrien etwa 9000 Schulen zerstört.
Auch die fehlende gesundheitliche Versorgung und das schiere Elend sind wesentliche Faktoren. Das Flüchtlingshilfswerk UNHCR ist völlig unterfinanziert. Von den gut acht Milliarden Dollar, die es für die Notversorgung zur Versorgung der syrischen Flüchtlinge in Libanon, Jordanien, Türkei und Nordirak veranschlagt, stehen zurzeit nicht einmal ein Drittel durch die so genannten internationale Gemeinschaft bereit. Nun droht die Halbierung der Essensrationen. Länder der EU, die Zielort der Migration sind, haben selbst aufgrund ausgebliebener Zahlungen an das UNCHR diese zweite Fluchtbewegung aus den Lagern mit befördert. Würden die Milliarden, die das US-amerikanische Militär und andere in die Kriege im Mittleren Osten gesteckt haben, den Menschen über Einrichtungen wie das UNHCR zugutekommen, dann würde das viel Leid lindern. Überdies wird im Westen nahezu kritiklos hingenommen, dass die reichen Golfstaaten über die Finanzierung bewaffneter Gruppen in den syrischen Bürgerkrieg eingegriffen haben, ihn dabei zunehmend in ein konfessionell-sektiererisches Fahrwasser umkanalisierten, aber zugleich keine Flüchtlinge aus Syrien aufzunehmen bereit sind.
 
3. Das Regime Assad ist Teil des Problems, nicht Teil der Lösung
Die Lager in Syrien befinden sich nicht auf dem Terrain des vom Regime kontrollierten Gebiets, sondern in dem vom Regime befreiten Teil oder im Ausland. Das heißt, die Menschen flohen in großer Zahl vor den Truppen des Regimes. Die großen Lager sind entstanden, nachdem die syrische Armee im Sommer 2012 dazu überging, verloren gegangene Städte und Gemeinden systematisch aus der Luft zu bombardieren. Dieses Bombardement hält bis heute an und ist für einen Großteil der rund 250.000 Toten verantwortlich. Hinzu kommt, dass das syrische Regime und seine Verbündeten Orte wie das Palästinenserlager Jarmuk über Monate aushungerten und austrockneten. Sobald es ihnen möglich war, flohen die Menschen aus diesen Orten, so dass in den umkämpften Gebieten viele Stadtteile zu Geisterstädten mutierten.
Das Assad-Regime versuchte seit der großen Protestwelle von 2011 die Opposition zu spalten. Bereits im Herbst 2011 wurden einige derjenigen aus dem Gefängnis entlassen, die später dschihadistische Gruppen gebildet haben. Auch der IS, der aus Irak kommend seit 2013 in den syrischen Bürgerkrieg intervenierte, wurde und wird vom Regime nicht aktiv angegriffen. Bei den Zielen, die Assads Luftwaffe seit Monaten reichlich ungenau mit Fassbomben attackiert, handelt es sich hauptsächlich um Wohngebiete in Aleppo oder im Umland von Damaskus. Also Gebiete, in denen der IS nie Fuß fassen konnte oder vertrieben wurde. Getroffen werden Wohnhäuser, Märkte, Moscheen, Schulen, Krankenhäuser. Unter den Opfern befinden sich unzählige Zivilisten.
Ungeachtet der Intervention ausländischer Mächte in den Konflikt handelt es sich bei dem Krieg in Syrien um einen echten Bürgerkrieg, der nicht durch Großmächte am grünen Tisch über die Köpfe der Bevölkerung hinweg geregelt werden kann. Das Assad-Regime hat Syrien in den Abgrund gerissen. Eine tragfähige Lösung ist nicht mit dem Regime denkbar. Eine von außen aufgezwungene Lösung, die das Regime stabilisiert, wird nur weiteren Widerstand hervorrufen, aber auch Terrorakte gegen diese äußeren Mächte.
 
4. Die US-geführte Kriegsallianz verschärft das Elend
Seit einem Jahr kommen zu den Bomben des Assad-Regimes auch US-geflogene Angriffe hinzu. Dieses Luftbombardement ist einzig dazu geeignet, die Fluchtbewegung zu verstärken, da mit jeder Bombe Menschen getötet und Infrastruktur vernichtet wird. Wenn tatsächliche oder vermeintliche Stellungen des IS in der Großstadt Rakka angegriffen werden, dann sind auch Zivilisten betroffen.
Über diese zivilen Opfer schweigt sich die Öffentlichkeit aus. Gleich nach Beginn der Bombardements traf die US-Luftwaffe einen Getreidespeicher im syrischen Manbidsch. Nach einem Angriff am 30. April 2015 auf das Dorf Bir Mahli südlich von Kobane räumte das Pentagon offiziell ein, zwei Zivilisten getötet zu haben. Eine Menschenrechtsgruppe zählte 64 Opfer. Das ist nur einer der wenigen Fälle, über die in der amerikanischen Fachpresse berichtet wurde. In den deutschen Medien wird noch nicht einmal die Frage nach möglichen zivilen Opfern gestellt.
Die Vorstellung, dass Angriffe aus der Luft den Widerstand dschihadistischer Gruppen brechen könnten, wird nicht nur durch das einjährige Bombardement in Syrien und Irak widerlegt. Dagegen sprechen auch alle Erfahrungen des Kriegs in Afghanistan. Nach dem offiziellen Abzug der westlichen Kampftruppen sind die Taliban stärker denn je, ohne dass sich die soziale Lage für die Mehrheit der Menschen verbessert hätte, und ohne dass elementare demokratische Rechte garantiert wären.
In Syrien und Irak drohen stattdessen im Kielwasser des amerikanischen Luftkrieges auch anderen Nationen gezielte Tötungen durchzuführen. Die britische Regierung gestand ein, per Drohne in Syrien zwei aus Großbritannien stammende Männer ermordet zu haben.
 
5. Der IS profitiert vom westlichen Eingreifen
Das militärische Eingreifen der US-Regierung ist gescheitert, selbst an den eigenen Maßstäben gemessen. Nach Beginn der Luftangriffe 2014 auf Syrien wurden die beiden von den USA bezahlten Gruppen in der Provinz Idlib erst politisch isoliert und dann militärisch von rivalisierenden dschihadistischen Milizen aufgerieben. Nachdem die ersten 60 „moderaten“ Kämpfer eines mit 500 Millionen Dollar finanzierten US-Ausbildungsprogramms im Juli die Grenze nach Syrien überschritten, wurden sie von der sich zu Al-Qaida bekennenden Nusra-Front zerschlagen.
Der IS selbst ist Produkt der US-Invasion im Irak 2003. Die US-Besatzer und ihre britischen Verbündeten haben Gegner verschleppt und gefoltert. Sie haben ein politisches System entlang ethnisch-konfessioneller Linien etabliert. Die korrupte schiitische Elite um Ministerpräsident Maliki grenzte Sunniten systematisch aus und festigte ihre Herrschaft mit Methoden, die jenen des gestürzten Saddam-Regimes nicht nachstanden. In diesem Klima gelang es dem Vorläufer von IS, Al-Qaida im Irak, den Krieg gegen die Besatzer zu einem Krieg gegen alle Schiiten zu machen. Der IS ist nur vordergründig eine religiös geprägte Organisation. Er ist ein Auffangbecken für viele ehemalige Offiziere des Saddam-Regimes, das sich säkular gab. Was den IS zusammenhält, ist der Hass auf alle Nicht-Sunniten, insbesondere auf die Schiiten.
Heute ist Bagdad eine Stadt, in der meterhohe Mauern schiitische und sunnitische Stadtviertel voneinander abschotten. Die seit einem Jahr von den USA angeführte Kriegsallianz gegen den IS, an der sich auch Deutschland beteiligt, nährt diese Politik der Abschottung und des Hasses. Er stützt mit Luftbombardements das irakische Regime von Haidar al-Abadi, der sich nur durch den Einsatz schiitischer Milizen halten kann, die sich unter dem Dach der Volksmobilisierung zusammengeschlossen haben. Diese Milizen werden von Iran aus unterstützt und gesteuert. Die Befreiung von Ortschaften vom IS hat im Gegenzug zu ethnischer Säuberung durch diese schiitischen Milizen geführt, zu Enthauptungen sunnitischer Bauern, zu Plünderungen und Brandschatzung. Amnesty International und Human Rights Watch haben umfänglich über diese Verbrechen berichtet, aber die deutschen Medien verschweigen sie dennoch. Die Fortsetzung des so genannten Anti-Terror-Krieges facht den Terror an und stärkt auf beiden Seiten jene Kräfte, die den blinden Hass gegen andere Glaubensrichtungen schüren.
 
5. Russland ist kein Partner für Frieden
Die russische Politik ist genauso zynisch wie jene Washingtons. Hafiz und Baschar al-Assad, die Syrien seit 1970 wie ein Familienunternehmen beherrschen, verfügen traditionell über enge Beziehungen zu Moskau. Daran hat auch der Zusammenbruch der Sowjetunion nichts geändert. Vor Ausbruch der Revolution im Jahr 2011 hat die syrische Regierung Rüstungslieferungen in Höhe von umgerechnet rund 3 Milliarden Euro mit Moskau vereinbart, die ungeachtet des laufenden Bürgerkrieges umgesetzt werden. Die Rechnung zahlt die syrische Bevölkerung, die noch unter Kontrolle des Regimes steht.
Russland verfügt im syrischen Tartus über eine Marinebasis. Nachdem das Regime in diesem Jahr im Nordwesten nahe Tartus an Boden verloren hat, entschloss sich Putin offenbar, nicht nur zusätzliche Rüstungsgüter ins Land zu bringen, sondern auch noch russische Soldaten. Dies ist eine militärische Intervention, die genauso wenig Frieden bringen wird, wie das Eingreifen der USA. Sie ist auf die Stabilisierung des Assad-Regimes gerichtet. Der unmittelbare militärische Gegner der Truppen im Nordwesten ist nicht der IS, der viel weiter im Osten vertreten ist.
Putin will laut Pressemeldungen Ende September vor der UN-Vollversammlung eine große Anti-Terror-Allianz vorschlagen. Die Weltmächte im UN-Sicherheitsrat und die Regionalmächte wie der Iran, die Türkei und Saudi-Arabien sollen ihre Kräfte gegen die IS-Kämpfer vereinen. Auch der frühere Generalsinspekteur der Bundeswehr Harald Kujat sprach sich für ein gemeinsames Vorgehen mit Russland aus. Nur so könne der Bürgerkrieg in Syrien beendet werden.
Im Irak 1991 kam es schon einmal zu einer gemeinsam in der UN beschlossenen militärischen Intervention, die von praktisch allen Mächten der Welt unterstützt wurde, damals gegen das Saddam-Regime in Irak. Dieser Weg bot und bietet keine Perspektive, weder für Frieden noch für Demokratie oder soziale Gerechtigkeit in der Region. Sollte es heute zu einem gemeinsamen Eingreifen der Groß- und Regionalmächte in Syrien kommen, könnte es am Ende auf eine „Lösung“ hinauslaufen, die auf der Teilung des Landes beruht, möglicherweise in eine vom Regime kontrollierte Zone im Süden und Westen, eine türkisch dominierte Zone im Norden und einer IS-Restzone im Osten. Das offene Eingreifen der rivalisierenden Groß- und Regionalmächte würde den Krieg verallgemeinern und viele Unschuldige das Leben kosten. Es wäre eine Lösung, die keinerlei politischen Spielraum für demokratische Bewegungen zuließe und zugleich auf die Liquidierung der kurdischen Autonomie hinausliefe.
 
6. Deutschland muss sich aus der Unterstützung des Anti-Terror-Krieges zurückziehen
Die Bundesregierung unterstützt die von den USA geführte Kriegskoalition. Sie hat tonnenweise Waffen an die korrupte kurdische Regionalregierung im Irak und deren bewaffnete Kräfte, die Peschmerga, geliefert. Nun spricht Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen von einer verstärkten Unterstützung der Zentralregierung in Bagdad selbst. Es wurde bereits NVA-Material an das Regime geliefert.
Um dies zu rechtfertigen hat sie in verschiedenen Interviews von „Erfolgen“ im Kampf gegen den IS gesprochen. Sie verschweigt, dass es nicht die Peschmerga waren, die die Jesiden vor dem IS gerettet haben, sondern die nach wie vor in Deutschland verbotene PKK und ihre Verbündeten. Sie verschweigt, dass die irakische Armee nach dem Zusammenbruch in Mosul 2014 im Frühjahr 2015 in Ramadi ein zweites Mal panikartig vor den Gegner geflohen ist. Sie verschweigt den rassistischen und zutiefst korrupten Charakter des Regimes in Bagdad. Sie leugnet auch Gesprächskontakte zum Vize-Premier der kurdischen Regionalregierung Qubad Talabani, nachdem gegen ihn von der Hamburger Staatsanwaltschaft ein Verfahren eingeleitet worden ist.
Die Bundesregierung versucht in den Konflikten des Mittleren Osten sicherzustellen, dass Deutschland zugleich als Waffenexporteur profitiert, seine militärische Interventionsfähigkeit erweitert und durch diplomatische Initiativen führend tätig ist. Alle drei Bereiche stehen nicht in einem Widerspruch zueinander, sondern dienen dem Bestreben, im Windschatten der USA zu globaler Geltung zu gelangen. Roderich Kiesewetter, Obmann der Unionsfraktion im Auswärtigen Ausschuss, unterstrich dies in folgenden Worten: „Politische Wirkung werden wir nur entfalten können, wenn wir die Sprache der Region sprechen, also auch militärische Mittel ergänzend zu diplomatischen Initiativen einsetzen.“ Kiesewetter fordert die Entsendung von Bundeswehr-Tornados. Das ist nichts anderes als die Forderung nach aktivem Einstieg in die Luftbombardierungskoalition.
Es ist die Aufgabe der LINKEN, den Argumenten von der Leyens und Steinmeiers, Kujats und Kiesewetters etwas entgegenzusetzen. Wir müssen Druck für einen Rückzug Deutschlands aus der Kriegskoalition zu erhöhen. Dies würde international einen deeskalierenden Beitrag bedeuten und die Gefahr von Anschlägen in Deutschland senken.
 
7. Irak und Syrien: Widerstand von unten bleibt Bezugspunkt
Syrien und Irak wurden wie viele andere Länder des arabischen Sprachraums 2011 von einer revolutionären Welle erfasst. In einem Land wie Syrien, in dem der Überwachungsapparat jeden Winkel der Gesellschaft durchdrungen hatte, erhoben sich Millionen und füllten an Freitagabenden die Straßen fast aller großen und kleinen Städte des Landes. Das Regime antwortete mit brutaler Gewalt, setzte Scharfschützen und Panzer ein. Dies trieb Tausende Soldaten zur Desertion. Aus dieser Massenfluchtbewegung entstanden lokale bewaffnete Gruppierungen, die sich lose um die sogenannte Freie Syrische Armee zusammenschlossen. Daneben entstand im ganzen Land ein Netzwerk Lokaler Koordinierungskomitees, die die Bewegung vorantrieben und um die sich zahllose freie Presseorgane und Gruppen bildeten. Im Jahr 2012 brach die Herrschaft des Assad-Regimes in vielen Städten des Landes zusammen. An die Stelle der alten Staatsmacht traten in den Orten kommunale Rätestrukturen. Die Assad-Herrschaft brach auch in den kurdischen Gebieten zusammen, in dem die mit der PKK verbündete PYD rasch an Einfluss gewinnen konnte.
Ungeachtet der amerikanischen Besatzung, die bis Ende 2011 andauerte, gab es auch im Irak eine Massenbewegung, die sich gleichermaßen wie jene in Syrien für Demokratisierung, soziale Verbesserungen und gegen Korruption einsetzte. Zehntausende beteiligten sich an Sit-Ins und an Blockaden amerikanischer Basen. Demonstranten warfen mit Schuhen auf tieffliegende Hubschrauber. In Mosul kam es im Sommer 2011 zu einem Generalstreik. Wie die Demonstranten in Syrien forderten sie den Sturz des Regimes. Nachdem sich der damalige irakische Premierminister Maliki mit syrischen Geschäftsleuten traf, um untereinander die Zusammenarbeit zu besprechen, reagierte die Bewegung im Irak im September 2011 mit Solidaritätsaktionen für die syrische Revolution.
Im Irak und in Syrien konnten die Herrschenden im Verbund mit konfessionell-sektiererischen Kräften die Revolution zurückdrängen. Beide Länder leiden heute unter einem blutigen Bürgerkrieg, der Städte und Gemeinden zerstört und Millionen von Menschen zur Flucht gezwungen hat. Dennoch gibt es in beiden Ländern immer noch Menschen und Aktionen, auf die sich DIE LINKE beziehen kann. Im Sommer 2015 kam es im Schatten des Bürgerkrieges im Irak ausgehend von Basra zu einer Massenbewegung, die alle größeren Orte in dem von der Zentralregierung kontrollierten Gebiete erfasste, auch Bagdad. Die Forderungen richteten sich zunächst gegen die Unfähigkeit des Regimes, die Stromversorgung und andere Grundbedürfnisse sicherzustellen, so wie gegen die mörderische Repression, die die Aktivisten trifft. Am Ende richtete sich die Bewegung, die Hunderttausende auf die Straßen brachte, gegen das gesamte korrupte Regime unter dem neuen Ministerpräsidenten Haidar al-Abadi.
In Syrien kam es am Wochenende nach dem Beginn der US-Bombardements im September 2014 zu Demonstrationen in Aleppo und anderen Städten, die sich gegen die Bomben und den IS richteten. In Suweida, einer bis heute verhältnismäßig ruhigen, drusisch dominierten Stadt südlich von Damaskus, protestierten diesen Monat wiederholt Menschenmengen gegen korrupte Behörden, gegen die häufigen Stromausfälle und stürzten schließlich eine Statue von Hafiz al-Assad, den Vater des heutigen Präsidenten. Die syrische Revolution hat neben der Befreiung der kurdischen Gebiete und arabischer Orte im Norden und um die Hauptstadt eine Vielzahl an Strömungen und Organisationen hervorgebracht, die im Land und in der Diaspora weiterwirken. Die Repression des Regimes und die Intervention der Regionalmächte, allen voran die Golfstaaten und der Iran, haben die revolutionäre Bewegung abwürgen können. Ungeachtet dessen sind es diese Kräfte am Boden der Gesellschaft, nicht die Herrschenden, auf die sich linke Politik beziehen muss. Letztlich kann nur eine Wiederbelebung der demokratischen Massenbewegungen in der Region eine Perspektive für Frieden und soziale Gerechtigkeit bieten.
 
Schlussfolgerung
 
Es gibt keine einfachen Lösungen, um die Probleme im Mittleren Osten zu bewältigen. Aber wir können einige Eckpunkte formulieren, die die Politik der Linken leiten kann:
Flüchtlinge: Die Fluchtwege müssen legal sein, nur so kann illegaler Schleusertätigkeit die Grundlage entzogen werden. Es müssen massiv Mittel zur Verfügung gestellt, um die UNHCR bei ihrer Arbeit zu unterstützen.
Luftkrieg: Deutschland muss sich aus der angeblichen „Anti-Terror-Koalition“ zurückziehen und die Unterstützung für das Regime in Bagdad einstellen. Das Schweigen muss durchbrochen werden, mit dem die Rolle der Zentralregierung in Bagdad gedeckt wird. Es muss auch das Schweigen über die Opfer der Luftbombardements durchbrochen werden.
Kurdistan: Die Bundesregierung muss Druck auf die Türkei ausüben, damit sie die Bombardierung von kurdischen Zielen einstellt. Jede Unterstützung der türkischen Regierung durch Waffenlieferungen und Kooperation auf Ebene von Militär, Geheimdiensten und Polizei ist einzustellen. Das PKK-Verbot muss aufgehoben werden.
Waffenexporte: Deutschland muss alle Waffenlieferungen in die Konfliktregion einstellen, einschließlich der militärisch-polizeilichen Zusammenarbeit mit den reichen Golfstaaten; das Schweigen über die die Bombardierung und Besetzung des Jemens durch eine saudisch-geführte Koalition, die medial im Schatten des Kriegs in Syrien und Irak durchgeführt, muss gebrochen werden.

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