Gedenken – Christine Buchholz https://christinebuchholz.de Fri, 22 Oct 2021 08:37:53 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.0.12 Kundus-Gedenkveranstaltung am 4.9. in Berlin https://christinebuchholz.de/2010/09/08/kundus-gedenkveranstaltung-am-4-9-in-berlin/ Tue, 07 Sep 2010 23:33:45 +0000 http://christinebuchholz.de/?p=1443 Gedenkveranstaltung für die Opfer von Kundus am 4. September 2010 (PDF)

Mitwirkende der Gedenkveranstaltung für die Opfer der Bomben von Kundus von links nach rechts: Dr. Angelika Claußen, Vorsitzende Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW), Hans-Christian Ströbele, MdB Bündnis 90/Die Grünen, Jan van Aken, MdB DIE LINKE, Dr. Modjadjdi, Vorsitzender des Vereins für Afghanistan-Förderung e. V., Volker Neef, Vertreter des Zentralrats der Muslime, Karim Popal, Anwalt der Opfer von Kundus, Jean-Theo Jost, Schauspieler der Berliner Compagnie, Christine Buchholz, MdB DIE LINKE.

Am 4. September 2010 jährte sich zum ersten Mal die Bombardierung, bei der in der afghanischen Provinz Kundus mindestens 140 Menschen starben, darunter Jugendliche und Kinder. Das Bombardement erfolgte auf Befehl der Bundeswehr. Ein Bündnis der Friedensbewegung, Attac-Deutschland, der Partei DIE LINKE und Teile der Grünen lud zu einer Gedenkveranstaltung in die Heilig-Kreuz-Kirche in Berlin. Bundesregierung und Bundestag hatten zuvor den Vorschlag der Fraktion DIE LINKE. abgelehnt, den Opfern dieser Bombardierung ein würdiges Gedenken im Bundestag zu bereiten. Der Anwalt der Opfer von Kundus, Karim Popal, hatte noch am Morgen mit Angehörigen der Opfer von Kundus telefoniert. Er trug die Botschaft von Hajar Abdul Wasir an die Teilnehmer der Gedenkveranstaltung vor: „Ich habe drei Kinder verloren und ich bin 80 Jahre alt. Ich habe drei Enkelkinder verloren und die waren meine Ernährer. Es gibt keine Sozialversicherung. Es gibt keine Rentenversicherung. Ich hab meine Ernährer verloren. Die reiche große deutsche Regierung und die Helfer ihrer Marionetten, die korrupte Regierung in Kabul und in Kundus hat unserer Familie, einer 18-köpfigen Familie, den Hinterbliebenen dieser Toten 5000 Dollar gegeben. Wenn wir das verteilen unter uns, einer 18-köpfige Familie, können wir uns vielleicht ein paar Monate ernähren. Ist das Gottes Barmherzigkeit? Hat Gott Barmherzigkeit den Deutschen beigebracht? So zu handeln mit den Toten? So zu handeln mit den Hinterbliebenen? Das ist ein Verstoß, ein Verstoß gegen alle Religionen. Im Namen des barmherzigen Gottes fordere ich alle Menschen in Deutschland, politische Parteien, alle Parteien, die sich demokratisch nennen, alle Konfessionen, aller Kirchen, auf, handeln Sie bitte menschlich. Was wir erlebt haben als Hinterbliebene der Opfer, was wir erlebt haben als Vertreter der Opfer: Arroganz, Arroganz und unfaire Ungerechtigkeit. Man hat uns Afghanen versprochen nach 30 Jahren Krieg: Wir werden Eure Heimat aufbauen. Wir werden Euch Demokratie beibringen. Ist das Demokratie gewesen, dass wir unsere Enkelkinder und Kinder verloren haben, ist das der Aufbau von Afghanistan gewesen?“

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Jedes Menschenleben ist kostbar https://christinebuchholz.de/2010/04/15/jedes-menschenleben-ist-kostbar/ Thu, 15 Apr 2010 08:04:29 +0000 http://christinebuchholz.de/?p=936 Zur Heuchelei der Regierung im Umgang mit dem Krieg in Afghanistan
Auf meine Presseerklärung, in der ich Merkel für den Tod der an Karfreitag getöteten deutschen Soldaten verantwortlich gemacht und ihre Teilnahme an der Trauerfeier als heuchlerisch bezeichnet habe, habe ich eine Reihe von Zuschriften bekommen. Manche beinhalteten Lob, andere Kritik, wiederum andere Beschimpfungen. Ich möchte an dieser Stelle inhaltlich auf die Kritik eingehen und ein paar Punkte klarstellen:
Ich halte es mit Rosa Luxemburg: Jedes einzelne Menschenleben ist kostbar. Ich empfinde keine Freude, auch keine „klammheimliche“, wenn ich höre, dass deutsche Soldaten in Afghanistan sterben.
Verantwortung für den Tod der Soldaten, wie auch für den der im Krieg getöteten Afghanen, tragen die Abgeordneten des Deutschen Bundestages und in besonderem Maße die Bundesregierungen von Kanzler Schröder und Kanzlerin Merkel, die für den Einsatz gestimmt haben. Wenn aus Regierungskreisen der Vorwurf erhoben wird, ich würde aus dem Tod der Soldaten Kapital schlagen, weil ich auf diese Selbstverständlichkeit hingewiesen haben, ist das unverschämt. Da die Bundesregierung offensichtlich nicht plant, ihre Politik zu ändern, ist es notwendig, ihre Verantwortung für den Tod dieser Menschen in Erinnerung zu rufen – und den Tod weiterer Menschen, die in den nächsten Wochen, Monaten, eventuell Jahren in diesem Krieg sterben werden.
Ich bezeichne den Auftritt von Frau Merkel bei der Trauerfeier nicht etwa als heuchlerisch, weil ich ihr unterstellen würde, dass sie nicht ehrlich und ernsthaft den Tod der Soldaten bedauere. Vielmehr ist die gesamte Haltung der Regierung (und ihrer Vorgänger) zu dem Krieg in Afghanistan heuchlerisch.
Je nachdem, welches Mitglied der Regierung vor welchem Publikum spricht, werden unterschiedliche Begründungen und Rechtfertigungen bemüht: Kampf gegen Terror, Frauenrechte, Demokratie, Absicherung des Wiederaufbaus Afghanistans. Aber wie man es auch dreht und wendet, die Realität des Krieges widerspricht allen diesen Begründungen. Der bewaffnete Widerstand in Afghanistan, und darin auch die Taliban, werden kontinuierlich stärker und haben Rückhalt in der Bevölkerung. Die von der NATO eingesetzte und geschützte Regierung Karsai spottet jeglichem Anspruch auf Demokratie und Frauenrechte. Das Konzept des Wiederaufbaus als Teil einer militärischen Strategie ist komplett gescheitert und wird von Entwicklungsorganisationen scharf kritisiert.
Die Bundesregierung und Frau Merkel wissen das. Und ihre Antwort ist jedes Jahr: Noch mehr Soldaten. Sie hoffen, mit stärkerem militärischen Einsatz, mit mehr eigenen Soldaten und viel mehr afghanischen Hilfstruppen und mit stärkerer Einbeziehung lokaler Warlords die Regierung Karsai stabilisieren und die Aufständischen bekämpfen zu können. Menschen- und speziell Frauenrechte, Demokratie, der Schutz von Zivilisten, soziale Absicherung und wirtschaftlicher Aufbau – all das wird dem Ziel untergeordnet, siegreich zu bleiben und möglichst umfangreiche Kontrolle über das Land zu behalten.
Merkel nennt die wahren Gründe nicht. Andere tun das – auf Fachkonferenzen, NATO-Gipfeln, in Hinterzimmern. Es ist ein offenes Geheimnis, dass in Afghanistan die NATO als globale Ordnungsmacht des Westens auf dem Spiel steht. Dass Afghanistan aufgrund seiner Lage zwischen dem russisch dominierten Teil Asiens, China und den Erdölregionen und angrenzend an Iran eine besondere strategische Bedeutung hat. Dass Afghanistan eine wichtige Rolle in der Rivalität der Regionalmächte Indien und Pakistan spielt. All das nicht in die öffentliche Debatte einzubringen und sich statt dessen auf humanitäre Werte zu berufen, das ist Heuchelei.
Jetzt, im neunten Jahr des Krieges, geben Frau Merkel und der Verteidigungsminister Herr zu Guttenberg endlich zu, dass man „umgangssprachlich“ von Krieg sprechen könne. Sie trauen sich immer noch nicht, es offen auszusprechen: Deutschland führt Krieg in Afghanistan. Das ist Heuchelei.
Frau Merkel besucht den Gedenkgottesdienst für die deutschen Soldaten. Aber bis heute ist die Bundesregierung nicht auf die Idee gekommen, eine offizielle Gedenkveranstaltung für die Opfer des Massakers von Kundus an wahrscheinlich 143 afghanischen Zivilisten zu machen. Sind die Afghanen keine Menschen, um die man trauern soll?
Heldenmythen für die „eigenen“ Opfer, Ignoranz, Verachtung, ja Entmenschlichung für die Opfer der „Anderen“  – auch das gehört zum Krieg. Im Krieg stirbt die Wahrheit zuerst. Ein weiterer Grund für den sofortigen Abzug der Bundeswehr und ein Ende der deutschen Kriegsbeteiligung.

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