Positionspapiere – Christine Buchholz https://christinebuchholz.de Wed, 09 Feb 2022 11:35:31 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.0.12 Nein zum Krieg! Weder Washington noch Moskau, weder Berlin noch Brüssel! https://christinebuchholz.de/2022/02/02/nein-zum-krieg-weder-washington-noch-moskau-weder-berlin-noch-bruessel/ https://christinebuchholz.de/2022/02/02/nein-zum-krieg-weder-washington-noch-moskau-weder-berlin-noch-bruessel/#respond Wed, 02 Feb 2022 19:37:25 +0000 http://christinebuchholz.de/?p=101964 Die Situation der russisch-ukrainischen Grenze spitzt sich zu. Russland und die NATO ziehen Truppen zusammen. NATO-Staaten rüsten die Ukraine auf und schicken Militärberater. Keiner will einen neuen Krieg. Doch in einer solchen Situation kann ein kleiner Funke einen Brand verursachen. Wieder kommt Krieg in Sicht.

Als LINKE müssten wir deutlich sagen: „Schluss mit der Osterweiterung der NATO!“ „Keine Raketenstationierung in Osteuropa“; „Schluss mit der Militarisierung der Außenpolitik!“

Warum tun wir das nicht laut und deutlich? Wollen wir uns als LINKE nicht dem Vorwurf aussetzen, gegenüber der Regierung Putin so verständnisvoll zu sein, dass wir deren Machtdemonstration und Säbelrasseln unterstützen?
Das Argument, Russland verstoße nicht gegen das Völkerrecht, wenn es an der Westgrenze seines Territoriums seine Armee aufmarschieren lässt, ist zwar richtig, überzeugt politisch aber nicht.
Als LINKE werden wir gefragt: auf welche Seite stehst Du? Die Antwort, keine Eskalationsschritte, Reden statt Schießen, ist keine ausreichende Antwort.

NATO Osterweiterung ist Ausgangspunkt der Eskalation

Der russische Truppenaufmarsch an der ukrainischen Grenze ist Höhepunkt, aber nicht Ausgangspunkt der Eskalation. Die Expansionsschritte des westlichen Imperialismus begannen schon Ende der 1990er Jahre mit der NATO-Osterweiterung. Weitere Schritte der Eskalation gegenüber Russland waren das wirtschaftliche Assoziierungsabkommen zwischen EU und der Ukraine, der Aufbau der „schnellen Eingreiftruppe“ der NATO, die in kürzester Zeit mobilisiert werden kann, Raketenstationierungen, die Kündigung des INF-Vertrages durch die USA, u.v.m. In den letzten Jahren hat die NATO ihren Truppenaufmarsch an der Ostflanke, sowie ihre Marinepräsenz verstärkt und hält regelmäßig Manöver ab.

Aber auch Russland ist ein imperialistischer Staat: Putin propagiert den großrussischen Chauvinismus und will das Einflussgebiet Russlands ausweiten und sichert seinen Einfluss auch militärisch. Auch wenn Russlands Imperialismus nicht die Stärke der NATO-Staaten erreicht, lebt doch auch dort – wie in den westlichen imperialistischen Staaten – die herrschende Klasse Russlands von der Ausbeutung und Unterdrückung der arbeitenden Massen. Auch Russland sichert seine geostrategischen und wirtschaftlichen Interessen wie die NATO-Staaten militärisch ab.

Auf der Seite der Ausgebeuteten und Unterdrückten stehen wir

Diese Konfrontation zwischen zwei imperialistischen Mächten, zwischen verschiedenen herrschenden Klassen, ist eine Konfrontation, in der sich DIE LINKE auf keine der beiden Seiten stellen darf.  Wir stehen „unten“, auf der Seite der Ausgebeuteten und Unterdrückten, die keinen Krieg wollen. Das sind die Massen der Arbeiter*innen, der Männer, Frauen und Kinder in den NATO-Staaten, der Ukraine und in Russland.

Auch wenn wir die russische Politik kritisieren und nicht verteidigen, so muss die Orientierung der LINKEN Karl Liebknechts Aufruf bleiben „Der Hauptfeind steht im eigenen Land“. Wir sind verpflichtet der Kriegstreiberei des Landes bzw. des Lagers, in dem wir leben, zu bekämpfen. Heute heißt das: gegen die Militarisierung der Außenpolitik und gegen die sogenannte Abschreckung durch die Bundesregierung, die EU und die NATO.

Wir sollten deutlich sagen: Wir wollen nicht, dass die Menschen in Russland vom „liberalen“ Imperialismus NATO bedroht werden; wir wollen nicht dazu beitragen, dass sich die Menschen in Russland hinter der Putin-Regierung gegen die Bedrohung von außen zusammenschließen. Deshalb stellen wir uns gegen die Militarisierung der Politik durch „unsere“ Herrschenden, gegen die NATO und ihre Osterweiterung. Deswegen treten wir für einseitige Abrüstung ein.

Wir stehen an der Seite derer, die für Demokratie, gegen Ausbeutung und gegen Militarismus kämpfen – in Russland, der Ukraine, den USA und der EU. Solidarität muss von unten wachsen. Weder Washington noch Moskau, weder Berlin noch Brüssel.

 

 

Diesen Artikel habe ich zusammen mit Stefanie Haenisch am 22.2.2022 auf www.links-bewegt.de veröffentlicht

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Auch nach dem Katholikentag in Münster: Keine Bühne der AfD! https://christinebuchholz.de/2018/05/17/auch-nach-dem-katholikentag-in-muenster-keine-buehne-der-afd/ Thu, 17 May 2018 08:56:56 +0000 http://christinebuchholz.de/?p=6850 Als religionspolitische Sprecherin der Linksfraktion nahm ich an dem Parteien-Podium auf dem Katholikentag am 12. Mai 2018 teil und ziehe hier Bilanz: Die Erfahrung von Münster zeigt: Die AfD will keine Debatte, sondern nur eine Bühne.

Zum diesjährigen Katholikentag in Münster wurde mit Volker Münz erstmalig ein Vertreter der AfD eingeladen, um an einem Podium mit anderen im Bundestag vertreten Parteien teilzunehmen.
Im Vorfeld hagelte es Kritik an dieser Entscheidung. Die katholische Jugendorganisation BdKJ, 47 kritische Theologinnen und Theologen, die Katholische Arbeitnehmerbewegung, der DGB Münster: Sie alle kritisierten offen, dass die AfD auf diese Weise verharmlost werde, dass ihr der Anstrich einer gewöhnlichen demokratischen Partei neben allen anderen gegeben werde. Auch das lokale Bündnis „Kein Meter den Nazis“, das in den vergangenen Jahr immer wieder erfolgreich gegen die AfD mobilisiert hat, reihte sich in die Reihe der Kritiker ein. Sie alle argumentierten, es dürfe sich keine Normalisierung im Umgang mit einer Partei geben, die immer weiter nach rechts geht, Antisemiten in ihren Reihen duldet und gegen den Islam hetzt. Das Bündnis führte unter dem Motto „Keine Bühne für die AfD“ eine Demonstration vor der Veranstaltung durch, an der sich mehr als 1000 Personen beteiligten, darunter auch christliche Pfadfinderinnen und Pfadfinder, Gläubige und Friedensbewegte.
Die Leitung des Katholikentages hatte noch vor zwei Jahren entschieden, die AfD nicht zum damaligen Katholikentag in Leipzig einzuladen. Dieses Jahr behauptete sie, es gäbe dafür eine „demokratische Notwendigkeit“. Man müsse aktiv und persönlich mit denen streiten, die unsere Demokratie verhöhnen. Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Thomas Sternberg, argumentierte, die AfD dürfe keine Gelegenheit bekommen, sich als Märtyrer zu inszenieren.
Was ist nun die Bilanz?
Der Widerstand gegen die AfD-Einladung innerhalb der Kirche und in der Stadt Münster führte dazu, dass Unmut über die Entscheidung der Kirchenleitung  sichtbar geworden ist und der Katholikentag sich mehrfach klar und deutlich gegen Rassismus und Ausgrenzung positioniert hat.
Allerdings hätte man das auch ohne Einladung der AfD haben können. Dies hätte es ermöglicht, sich auf dem Podium über wichtige gesellschaftliche und politische Fragestellungen auszutauschen. Zum Beispiel darüber, wie man den rassistischen Vorstößen der AfD entgegentreten kann, wie das Staatskirchenrecht der religiösen und weltanschaulichem Pluralität besser Rechnung tragen kann, oder wie die Ablösung von Staatsleistungen zu regeln ist.
Das war nicht möglich, weil es dem AfD-Vertreter gar nicht darum ging, eine Debatte zu führen. Vielmehr missbrauchte er den Katholikentag als Bühne für seine Propaganda. Vor den rund 1.000 Besuchern dieser Podiumsdiskussion spulte er die gesamte Litanei der rassistischen Parolen seiner Partei herunter. Die Vertreterinnen und Vertreter der anderen Parteien wurden gezwungen sich zu entscheiden, ob sie ihre Redezeit zur Entgegnung auf die rassistischen Parolen nutzen, oder sich mit den anderen Podiumsteilnehmern über relevante Inhalte diskutieren.
Obwohl der Moderator sich redlich bemühte, den AfD-Politiker Münz einzuhegen, bekam dieser den größten Raum – auch in der medialen Widerspiegelung. Die Gründe, die für seine Einladung vorgebracht worden waren, erwiesen sich als haltlos. Die Tatsache, dass die AfD eingeladen wurde, änderte nichts daran, dass Münz sich als Märtyrer und Opfer inszenierte. Im Übrigen ließ er sich auch, wie zu erwarten, nicht auf die Argumente der anderen Diskussionsteilnehmer ein.
Diejenigen, die die Einladung der AfD kritisiert haben, haben Recht behalten. Die AfD ist kein Opfer, sondern macht andere zum Opfer. Es bleibt zu hoffen, dass die beiden großen Kirchen diese Erfahrung gründlich auswerten und die AfD als das behandeln, was sie ist: Eine faschistische Partei im Werden, die jede Einladung zu Veranstaltungen lediglich als Bühne zur Verbreitung ihrer menschenfeindlichen Haltungen auszunutzen gedenkt.

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Groko nährt Generalverdacht gegen Muslime – Der Islam und der Koalitionsvertrag https://christinebuchholz.de/2018/02/16/groko-naehrt-generalverdacht-gegen-muslime-der-islam-und-der-koalitionsvertrag/ Fri, 16 Feb 2018 10:15:46 +0000 http://christinebuchholz.de/?p=6759 Der Islam/Muslime kommen im Koalitionsvertrag fast ausschließlich im Kontext von Extremismusprävention und Sicherheit vor.
Insgesamt sieben Mal werden die Begriffe „Islamismus“, „islamistischer Extremismus“, „islamistischer Terrorismus“, „radikaler Islam“ benutzt, dabei fehlt jede Trennschärfe.

Auch die Fortführung der Islamkonferenz wird dieser Logik entsprechend im Kapitel „Prävention“ erwähnt.
Angesichts dieser Grundausrichtung wirkt der positive Bezug auf den Dialog mit Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften und die Ablehnung von „antiislamischen Stimmungen“ als Kosmetik. Praktische Konsequenzen in Bezug auf antimuslimischen Rassismus oder Maßnahmen zum Abbau von Diskriminierungen von muslimischen Religionsgemeinschaften fehlen.


Ein weiterer Absatz (S. 134) nährt den Generalverdacht gegen Muslime, ist rechtstaatlich problematisch und bedeutet eine Ungleichbehandlung von Muslimen.
„Wir werden den radikalen Islam in Deutschland zurückdrängen.“
Im Koalitionsvertrag wird nicht erklärt, was damit gemeint ist. Der rassistische Diskurs von CSU, AfD und Teilen der Medien, in dem der Islam als im Wesen „radikal“ und „nicht mit unseren Werten vereinbar“ ist, wird damit übernommen. ansieht.
„Wir erwarten, dass Imame aus dem Ausland Deutsch sprechen.“

Der Staat hat keine Vorschriften für Gottesdienste zu machen – ob in der Kirche, in der Moschee oder in der Synagoge. Viele Imame predigen auf Deutsch. Es gibt in Deutschland zum Beispiel christliche Predigten auf Französisch, Polnisch und Russisch; Synagogen, in denen englisch, hebräisch oder russisch gesprochen wird und genauso wie auch türkische, bosnisch- oder arabischsprachige Gottesdienste in Moscheen abgehalten werden.
„Radikalisierte Moscheen werden wir beobachten und gegebenenfalls schließen.“
In Kombination mit der Ausweitung der Befugnisse des Verfassungsschutzes im Bereich – auch bei Phänomenen „die zunächst keine Gewaltbezug aufweisen“ – ist diese Ansage rechtstaatlich höchst problematisch und nährt den Generalverdacht gegen Muslime.
Die Verstrickungen des Verfassungsschutzes in den NSU-Skandal, der übrigens nur in Bezug auf Opferschutz auftaucht, kommen genauso wenig vor wie in Bezug auf fatale Fehler und institutionellen Rassismus.

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Zum Antisemitismusbericht https://christinebuchholz.de/2017/12/18/zum-antisemitismusbericht/ Mon, 18 Dec 2017 08:00:28 +0000 http://christinebuchholz.de/?p=6690 Als Antwort auf meine Nennung im Antisemitismusbericht habe ich diesen Brief an den Unabhängigen Expertenkreis Antisemitismus, an Dr. Juliane Wetzel und Patrick Siegele, geschrieben.

Sehr geehrte Frau Dr. Wetzel,
sehr geehrter Herr Siegele,

im April dieses Jahres wurde dem Deutschen Bundestag durch die Bundesregierung der „Bericht des unabhängigen Expertenkreises Antisemitismus“ zugestellt (Bundestagsdrucksache 18/11970).
Ich habe den Bericht mit großem Interesse wahrgenommen und studiert. Ich stimme ihm in weiten Teilen zu. In Zeiten des stärker werdenden Rassismus müssen wir feststellen, dass auch der Antisemitismus neuen Nährboden findet. Ich teile die im Vorwort getroffene Feststellung, dass „Antisemitismus durch die seit Jahren aufgeheizte Debatte über Islam, Terrorismus und Zuwanderung / Flucht begünstigt“ wird, und dass rechtspopulistische und verschwörungstheoretische Bewegungen und Parteien „mit hetzerischen Parolen, einer nationalistisch-völkischen Ideologie … ein politisches Klima der Polarisierung geschaffen“ haben.
Ich begrüße es daher, dass der vorliegende Bericht detailliert und umfangreich antisemitische Tendenzen, Vorfälle und Straftaten analysiert, offenlegt und Handlungsempfehlungen formuliert.

Umso entsetzter war ich, dass Sie mich an zwei Stellen als Beleg anführen, dass innerhalb der Partei DIE LINKE „Antisemitismus mit Israelfeindlichkeit“ einhergehe. Auf Seite 155 führen Sie diesbezüglich an, ich hätte mich im Libanonkrieg 2006 „auf der Seite der Friedensbewegung, aber auch der Hisbollah“ positioniert. Auf Seite 156 führen Sie an, dass ich zusammen mit meinen Kolleginnen Sahra Wagenknecht und Sevim Dagdelen am Ende der Rede von Shimon Peres im Bundestag am 27. Januar 2010 anlässlich einer Gedenkstunde zum Gedenken an die Opfer des Holocausts demonstrativ sitzen geblieben sei.
Den Vorwurf, ich sei antisemitisch, ist haltlos. Ich weise ihn scharf zurück. Ich empfinde die Nennung meines Namens als vermeintlichen Beleg für Antisemitismus in der Partei DIE LINKE als ehrverletzend.

Seit Jahren setze ich mich in Wort und Tat aktiv gegen Antisemitismus und Islamfeindlichkeit ein. Als religionspolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE versuche ich einen Beitrag zu leisten, die Kontakte zwischen meiner Partei und jüdischen Gemeinden und Verbänden voranzubringen. Immer wieder habe ich mich für den Dialog zwischen den Religionen und Weltanschauungen stark gemacht und jede Form von Unterdrückung und Stigmatisierung kritisiert.
Dazu gehört unter anderem mein Engagement gegen das Verbot von Beschneidungen, das Juden und Muslime in ihrer Religionsfreiheit einschränkt. Ich bin in der entsprechenden Bundestagsdebatte für die Minderheit meiner Fraktion aufgetreten, die sich gegen das Verbot ausgesprochen hat. Darüber hinaus habe ich mich dafür eingesetzt, jüdische und muslimische Feiertage in Deutschland offiziell anzuerkennen – diese Position findet sich inzwischen im Wahlprogramm der LINKEN.
Auf meine zahlreichen Aktivitäten und Stellungnahmen gegen Antisemitismus, Islamfeindlichkeit und andere Formen des Rassismus findet sich im Bericht kein Hinweis. Stattdessen werden zwei einzelne, aus dem jeweiligen Kontext herausgerissene Beispiele genannt, die weit vor dem eigentlichen Untersuchungszeitraum lagen. Dies muss beim Leser zu einem völlig verzerrten Bild meiner politischen Überzeugungen führen. Dies überrascht angesichts einer Untersuchung, die ansonsten auf Wissenschaftlichkeit großen Wert legt.
Im Jahr 2006 war ich schockiert über den Krieg und die Vertreibungen der Bevölkerung aus dem Südlibanon. In dem angeführten Interview habe ich kritisiert, dass die USA während der Kampfhandlungen 100 bunkerbrechende Bomben an Israel lieferten, und dass die Bundesregierung während des Krieges auf einer Konferenz der EU-Außenminister eine Resolution für einen sofortigen Waffenstillstand verhindert hat. Zugleich habe ich mich in dem Interview von der Ideologie der Hisbollah sowie deren Raketenangriffe auf zivile Ziele distanziert.

Die in Ihrem Bericht angedeutete, inkriminierte Passage lautete: „Es handelt sich bei diesem Krieg um einen asymmetrischen Konflikt von internationaler Dimension. Auf der einen Seite steht die israelische Regierung, die viel internationale Rückendeckung hat […] Auf der anderen Seite stehen in diesem Konflikt die Hisbollah, die Friedensbewegung in Israel und die internationale Antikriegsbewegung. Das ist die Seite, auf der auch ich stehe.“
Man kann unterschiedlicher Meinung über diese Positionierung sein. Aber sie ist nicht antisemitisch – auch nicht, wenn man die im Bericht als Arbeitsdefinition genannte Grundlage heranzieht: „Der Antisemitismus ist eine bestimmte Wahrnehmung von Juden, die sich als Hass gegenüber Juden ausdrücken kann. Der Antisemitismus richtet sich in Wort oder Tat gegen jüdische oder nicht-jüdische Einzelpersonen und / oder deren Eigentum, sowie gegen jüdische Gemeindeinstitutionen oder religiöse Einrichtungen. kann auch der Staat Israel, der dabei als jüdisches Kollektiv verstanden wird, Ziel solcher Angriffe sein.“

Ich habe den Krieg abgelehnt, wie ich jeden Krieg ablehne. Die Wahrnehmung des Staates Israel „als jüdisches Kollektiv“, wie es in der Arbeitsdefinition heißt, spielte dabei keine Rolle. Ich habe mich in meiner Funktion als friedens- und verteidigungspolitische Sprecherin der Linken im Bundestag in den letzten acht Jahren genauso vehement gegen die Bombardierungen durch amerikanische Streitkräfte in Afghanistan, durch russische und westliche Streitkräfte in Syrien und Irak, sowie französische Streitkräfte in Mali gestellt. In allen Fällen stand und steht die Unterstützung der bombardierenden Mächte durch die Bundesregierung im Zentrum meiner Kritik.
In meinen Positionierungen differenziere ich grundsätzlich zwischen Regierungshandeln und der Gesellschaft, die regiert wird. Tatsächlich habe ich in dem angeführten Satz ausdrücklich die Solidarität mit der israelischen Friedensbewegung mit einbezogen.
Zum Vorwurf, ich sei nach der Rede von Shimon Peres im Januar 2010 demonstrativ sitzen geblieben, habe ich bereits im Jahr 2010 wie auch jüngst in einem Interview mit der Jüdischen Allgemeinen Stellung bezogen. Als Staatspräsident Peres zum Andenken an die Opfer des Holocausts das Kaddisch sprach und sich der Bundestag zum ersten Mal erhob, bin ich keineswegs sitzengeblieben, sondern habe mich selbstverständlich erhoben. Der Respekt gegenüber den Opfern des Holocausts gebot dies, und dies entspricht meiner tiefen Überzeugung.

Allerdings hat Shimon Peres im weiteren Verlauf seiner Rede – so meine Wahrnehmung damals – dem Iran mit Krieg gedroht. Das habe ich abgelehnt und es hat mich überdies mit großer Sorge erfüllt. Deshalb blieb ich sitzen, als sich der Bundestag zum zweiten Mal erhob.
Ich hoffe sehr, dass dieses Schreiben Sie dazu anregt, Ihre Position zu überdenken und mich künftig nicht mehr mit antisemitischen Haltungen in Verbindung zu bringen. Für Rückfragen und das persönliche Gespräch stehe ich gerne zur Verfügung.
Unabhängig von dem Anliegen dieses Briefes bin ich an einem Austausch über Antisemitismus in Deutschland mit Ihnen sehr interessiert.
Mit freundlichen Grüßen,
Christine Buchholz

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Nein zur Repression. Ja zu einer demokratischen und politischen Lösung https://christinebuchholz.de/2017/10/20/nein-zur-repression-ja-zu-einer-demokratischen-und-politischen-loesung/ Fri, 20 Oct 2017 10:55:47 +0000 http://christinebuchholz.de/?p=6634 Stellungnahme zum aktuellen Katalonien-Konflikt von Christine Buchholz, Andrej Hunko, Raul Zelik, Mitglieder im Parteivorstand DIE LINKE

Wir verurteilen die Drohungen der spanischen Regierung zur Entmachtung der katalanischen Regierung und die Gewalt, mit der die konservative Zentralregierung in Madrid versucht hat, die Volksabstimmung am 1. Oktober zu verhindern. Wir unterstützen die Forderung der Menschenrechtskommissare der UNO und des Europarates nach einer unabhängigen Untersuchung der Polizeigewalt. Die spanische Polizei verhaftete katalanische Politiker/innen, beschlagnahmte im Vorfeld der Wahl Wahlscheine, stürmte Wahllokale und verletzte mehrere hundert Wählerinnen und Wähler. Mehrere hunderttausend Stimmzettel sind durch den Polizeieinsatz abhandengekommen. Trotz der Gewalt beteiligten sich 2,3 Millionen der 5,3 Millionen Wahlberechtigten an der Abstimmung (43%). 90 Prozent von ihnen stimmten für die Unabhängigkeit.Die Bundesregierung und die EU dürfen der Regierung Rajoy keinen Blankoscheck für die gewaltsame Niederschlagung des von breiten Teilen der Bevölkerung getragenen Protests erteilen.

 

Der Konflikt um den Status Kataloniens hat vielfältige historische Wurzeln und die Bestrebungen nach einem unabhängigen Staat sind in den vergangenen Jahren insbesondere durch die Weigerung der spanischen Regierungen gegen Verfassungsreformen stark gewachsen. Er wird sich nur durch einen Dialog lösen lassen, wie ihn auch die sogenannte „Elder-Gruppe“ ehemaliger UNO-Generalsekretäre und anderer Führungspersönlichkeiten gefordert hat. In Anbetracht der jüngsten Eskalation zeigt sich die Notwendigkeit einer internationalen Vermittlung einmal mehr.Im Konflikt um Status Kataloniens geht es auch um demokratische Grundrechte. Eine große Mehrheit der Bevölkerung Kataloniens wünscht sich ein Referendum über den Status ihrer Region. Die Bewegung verbindet sich mit dem Wunsch breiter Teile der Bevölkerung nach mehr sozialer Gerechtigkeit und einem Ende der neoliberalen Politik, die die spanischen Regierungen in der Finanz- und Wirtschaftskrise durchgesetzt haben. Die katalanische Regierung hingegen hat unter dem Druck der Bevölkerung zahlreiche fortschrittliche Gesetze verabschiedet, die der spanische Zentralstaat wiederum kassiert hat: Gegen Zwangsräumungen und für Energielieferungen für arme Familien im Winter, für sozialen Wohnungsbau, gegen Fracking und für die Gleichstellung von Frauen am Arbeitsplatz. Im Februar demonstrierten in Barcelona 300.000 Menschen dafür, dass der spanische Staat mehr Geflüchtete aufnimmt.

 

Der Generalstreik am 3. Oktober, zu dem auch die wichtigsten katalanischen Gewerkschaften aufgerufen hatten, um gegen die Repression im Zuge des Referendums zu protestieren, hat verdeutlicht, dass die Bewegung für Unabhängigkeit und Demokratie auch von den Gewerkschaften getragen wird.Eine repressionsfreie Volksbefragung, wie sie auch von den spanischen Linksparteien Podemos und Izquierda Unida unterstützt wird, kann Teil einer demokratischen Lösung des Konflikts sein. Ein demokratisches Referendum, wie es 2014 in Schottland stattfand, muss auch in Katalonien möglich sein. Hierfür muss auch die spanische Regierung ihre Blockadehaltung aufgeben und zu Kompromissen bereit sein.

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Rassismus ist das Problem, nicht Geflüchtete https://christinebuchholz.de/2017/10/17/rassismus-ist-das-problem-nicht-gefluechtete/ Tue, 17 Oct 2017 10:42:55 +0000 http://christinebuchholz.de/?p=6631 Gastbeitrag in Neues Deutschland von Nicole Gohlke, Hubertus Zdebel und Christine Buchholz, 17.10.2017
Wir leben in einer Überflussgesellschaft, in der die Grenzen der Belastbarkeit von Wohnraum, Arbeit oder Bildung noch nicht annähernd erreicht sind

Was die AfD stark macht ist nicht die Forderung der LINKEN nach offenen Grenzen für Menschen in Not, sondern der grassierende Rassismus, vor allem gegen Muslime und Geflüchtete. Wir widersprechen einer von Oskar Lafontaine und anderen nahegelegten Annahme, dass Rassismus eine »natürliche« Reaktion von Einheimischen auf hohe Einwanderungsbewegungen in Krisenzeiten sei und die Haltung »Flüchtlinge willkommen« die Arbeiterklasse überfordere und von der LINKEN verprelle.

Lafontaine beklagt zu Recht, dass die LINKE unter den abhängig Beschäftigten an Anhängerschaft verloren habe. Es ist jedoch irreführend, dafür die Flüchtlingspolitik der LINKEN verantwortlich zu machen. Die größten Verluste unter der Berufsgruppe der Arbeiterinnen und Arbeiter gab es für die LINKE in der Zeit von 2009 bis 2013 (von 16% auf 12%) – lange vor der Flüchtlingskrise. Auch unter Erwerbslosen ging der Zuspruch stark zurück. Für viele hatte sich die Hoffnung auf stellvertretende Änderung der sozialen Verhältnisse durch ein Kreuz bei der LINKEN nicht materialisiert (»Links wirkt«). Trotz einer stärkeren LINKEN und eines Wirtschaftsaufschwungs ist damals der Umverteilungsprozess von unten nach oben weitergegangen.

Unsere Wahlparole von 2009 »Hartz IV muss weg« stand im Kontrast zur Tatsache, dass mit dem Kürzungspaket von Schwarz/Gelb (2010) die Hartz-Gesetze noch einmal verschärft wurden. Leiharbeit und prekäre Beschäftigung hatten explosionsartig zugenommen. Von 2013 auf 2017 gab es weiterhin Verluste unter der Berufsgruppe der »Arbeiter« (von 12% auf 10%); zugleich aber auch einen geringen Zuwachs bei den »Angestellten« (von 8% auf 9%, zwischen diesen Kategorien gibt es ohnehin keine klaren Trennlinien). Es stimmt, dass die LINKE bundesweit 400.000 Stimmen an die AfD abgeben musste. Hier wäre aber aufschlussreich genauer zu schauen, wer das wo und aus welcher Motivation getan hat. Das generelle Bild ist gezeichnet von Verlusten im Osten bei Zugewinnen im Westen. In München beispielsweise hat die AfD an DIE LINKE Stimmen verloren. Die Münchner LINKE hat sich mit großem Elan in der Flüchtlingssolidarität engagiert – stets unzweideutig gegen Seehofers »Obergrenze« und konnte ihr bestes Ergebnis einfahren. Auch in Berlin-Neukölln konnte DIE LINKE – trotz oder wegen? – einem klaren antirassistischen Profil ihren Stimmenanteil in einkommensschwachen Kiezen deutlich erhöhen und der AfD dort (im Vergleich zur Abgeordnetenhauswahl 2016) Verluste bescheren. Der Bezirksverband war sehr aktiv gegen rechts und hat zugleich auch soziale Proteste intensiv und mit antikapitalistischer Ausrichtung (»Menschen statt Profite«) begleitet.

Der Aufschwung der AfD ist keine »logische« Reaktion auf die kurzzeitige Öffnung der Grenzen für Geflüchtete im Jahr 2015. Es gibt keine Zwangsläufigkeit von sozialer Verunsicherung oder Verelendungstendenzen zur Ablehnung von Zuwanderung oder zur Zunahme von rassistischen Vorstellungen. Eine solche Deutung kann nicht erklären, warum es in einigen Ländern Europas Entwicklungen nach Links und in anderen eher nach Rechts gibt, trotz ähnlicher Krisenerfahrungen.

Beispiel Griechenland: die Krise und der soziale Abstieg waren hier am tiefsten und der Zustrom von Geflüchteten vergleichsweise hoch. Dennoch hat in Griechenland der Rassismus bisher keine annähernd so starke Wirkung gezeigt wie zum Beispiel in Österreich mit einem vergleichsweise intakten Sozialstaat und niedriger Arbeitslosigkeit. Die Krisen und damit einhergehende Existenzängste und tatsächliche Verarmung sind zwar ein Nährboden für den Aufbau der Rechten, seine Wurzel ist aber der Rassismus der bürgerlichen Mitte. In Griechenland hat eine starke Linke im Verbund mit Streik- und Protestbewegungen eine solidarische Perspektive für den Widerstand gegen Neoliberalismus greifbar gemacht und damit dem Ausgreifen rassistischer Sündenbockpolitik entgegenwirken können.

Welche politischen Schlussfolgerungen die Menschen aus Krisenerfahrungen ziehen, hängt davon ab, wie diese gedeutet, interpretiert werden. Nicht Wohnungsnot oder Arbeitslosigkeit oder andere Existenzängste führen zur Verbreitung rassistischer Einstellungen, sondern erst deren rassistische Deutung. Der Rassismus wird von oben geschürt: Von den Sarrazins, den Seehofers und den de Maizières. Sie setzen permanent Vorurteile gegen Muslime und Geflüchtete in die Welt, um von der eigenen Verantwortung für Fluchtursachen und soziale Spaltung abzulenken. Die Kampagne der AfD gegen Muslime ist deshalb so erfolgreich und brandgefährlich, weil der Islam seit den 90er Jahren von zahlreichen führenden Intellektuellen, PolitikerInnen und meinungsmachenden Medien zum Feindbild Nr. 1 der Außenpolitik (»Kampf der Kulturen«, Huntington 1997) und zum Sündenbock Nr.1 der Innenpolitik (»Deutschland schafft sich ab«, Sarrazin 2010) gemacht wurde. Dank dieser Vorarbeit konnte PEGIDA ihre größten Mobilisierungserfolge feiern lange bevor eine nennenswerte Anzahl von Geflüchteten in Dresden angekommen war. Auch mit dem Anti-Flüchtlingskurs konnte die AfD insbesondere dort punkten, wo die Unionsparteien selbst die rhetorische Steilvorlage lieferten (Sachsen und Bayern).

Oskar Lafontaines Aussage, sich gegen eine Begrenzung der Zuwanderung auszusprechen, »setze das Prinzip der sozialen Gerechtigkeit außer Kraft«, folgt einer falschen Logik. Der deutsche Staat ist einer der reichsten der Welt. Niemand müsste arbeitslos oder wohnungslos oder arm sein. Wir leben in einer Überflussgesellschaft, in der die Grenzen der Belastbarkeit von Wohnraum, Arbeit oder Bildung noch nicht annähernd erreicht sind. Politiker sprechen trotzdem von der angeblichen »Grenze der Aufnahmekapazität«, weil sie den existenten Reichtum nie für die Bedürfnisse aller eingesetzt haben, und es auch weiter nicht tun wollen. Wir müssen deutlich aussprechen, welches politische Spiel hier auf Kosten der Flüchtlinge gespielt wird, wenn von Rechts mal wieder versucht wird, die Ängste derjenigen zu mobilisieren, denen es ökonomisch schlecht geht und denen man nichts anzubieten hat, außer der Lüge, dass der Kuchen nicht für alle reicht.

Anstatt dem Märchen der Herrschenden von den vermeintlich bereits erreichten Kapazitätsgrenzen auf den Leim zu gehen, ist es die Aufgabe der LINKEN für eine gerechte Verteilung des Reichtums zu kämpfen. Wir fordern sozialen Wohnungsbau und ein Ende der Wohnungsspekulation. Wir kämpfen gegen Dumpinglöhne und für gleiche Rechte am Arbeitsmarkt. Nur durch Solidarität können wir hier Stärke entfalten. Ressentiments gegenüber Migrantinnen und Migranten, ein Diskurs »Deutsche zuerst«, sind dafür Gift. Insbesondere bei der Mobilisierung der arbeitenden Bevölkerung für soziale Gerechtigkeit treffen wir überall auf Belegschaften mit einem hohen Anteil von Kolleginnen und Kollegen mit Migrationshintergrund. Deshalb ist das Projekt soziale Gerechtigkeit, die es ohne außerparlamentarische soziale Kämpfe nicht geben wird, untrennbar mit dem Kampf gegen Rassismus verbunden.

Ein aktuelles Beispiel ist die Kampagne von ver.di gegen die Abschiebung des afghanischen Krankenpflegehelfers Anwar Khan Safi, der mit mehr als 400 Beschäftigten des Klinikums Augsburg im September für einen Tarifvertrag Entlastung gestreikt hat. Der engagierte Gewerkschafter ist von Abschiebung ins Bürgerkriegsland Afghanistan bedroht, obwohl er in wenigen Tagen eine Ausbildung zum Krankenpfleger beginnen soll. Die Kolleginnen und Kollegen seiner Station machten das beim Warnstreik zum Thema und skandierten: »Keine Klinik ohne Anwar!« Belegschaften aus vielen anderen Krankenhäusern schickten Solidaritätsadressen und ver.di startete eine Petition für das Bleiberecht. So geht Klassenpolitik von links!

Wenn wir die Menschen in prekären Arbeits- und Lebensverhältnissen verstärkt für DIE LINKE gewinnen wollen, müssen wir eine neue Perspektive gesellschaftlicher Gegenmacht entwickeln. Als Katalysator für gesellschaftliche Kämpfe mit Hilfestellungen beim Aufbau von Widerstand können wir Durchsetzungskraft entfalten. Genau diesen Gedanken hatten Katja Kipping und Bernd Riexinger in einem Strategiebeitrag aufgenommen: »Die Partei DIE LINKE sieht sich nicht als Stellvertreterpartei, sondern als Organisation, die den Menschen in ihren Kämpfen für höhere Löhne und soziale Rechte, mehr Demokratie und Klimagerechtigkeit nützlich ist«, schreiben sie. »Unser Ziel ist es, schrittweise zu einer kampagnenfähigen und aktiven Mitgliederpartei zu wachsen. Also nicht nur Menschen eine Stimme zu geben, sondern sie zu ermutigen, selbst die Stimme zu erheben.« Wollen wir die arbeitende Klasse gewinnen, gilt es entsprechend betriebliche und gewerkschaftliche Kämpfe noch viel stärker ins Zentrum zu stellen, praktische Solidarität zu organisieren und darüber unsere Verankerung in den Betrieben und Gewerkschaften zu verbessern. DIE LINKE sollte Protestpartei sein – aber nicht in dem Sinne, dass sie bloß passiv die bestehende Unzufriedenheit oder gar Ressentiments widerspiegelt, sondern in jenem, dass sie Organisatorin eines Protests wird, der kapitalistische Ungerechtigkeit ins Visier nimmt und die Solidarität organisiert. Auf dieser Grundlage kann es uns gelingen, die gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse zu verschieben und der grundsätzlichen sozialistischen Veränderung näher zu kommen.

Christine Buchholz, Nicole Gohlke und Hubertus Zdebel sind Mitglieder der Linksfraktion im Bundestag

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Wider die Normalisierung! https://christinebuchholz.de/2017/09/29/wider-die-normalisierung/ Fri, 29 Sep 2017 12:27:39 +0000 http://christinebuchholz.de/?p=6610 Für eine klare politische und organisatorische Abgrenzung zur AfD im Bundestag. Gastbeitrag für das Neue Deutschland:
Mit der AfD sind erstmals seit mehreren Jahrzehnten Nazis in den deutschen Bundestag eingezogen. Eine Debatte über den Umgang mit ihnen ist entbrannt. Der Parteivorstand der LINKEN hat auf seiner Sitzung am 25. September 2017 seinen Grundsatzbeschluss vom Februar 2016 bekräftigt. Darin macht Die LINKE klar, dass sie auf allen Ebenen einer »Normalisierung« der AfD entgegenwirkt:
»Wir betreiben eine klare politische und organisatorische Abgrenzung gegenüber der AfD. Wir werden z. B. in Parlamenten (…) keine gemeinsamen Anträge einreichen, wir werden konsequent gegen Anträge der AfD stimmen, keine gemeinsamen Erklärungen abgeben, keine Unterstützung in Personalangelegenheiten gewähren oder annehmen. Dort, wo jedoch der Kern parlamentarisch-demokratischer Arbeit durch eine strikte Abgrenzung zur AfD blockiert werden würde, sind zu begründende Ausnahmen denkbar, wenn sie a. zur Aufrechterhaltung der Arbeit des Parlamentes nötig und b. nicht zu einer Stärkung der AfD führen. Wir werden für einen Kurs der strikten Abgrenzung, der im Idealfall in einer politischen Isolierung der AfD endet, bei anderen Fraktionen, Parteien, Stiftungen, Organisationen und in der Öffentlichkeit werben.«
Die AfD hat im Wahlkampf auf Wahlplakaten und in Reden Nazi-Parolen verbreitet. Sie hat mit NPD, Pegida-Ablegern und Neonazis Wahlkampfauftritte von Angela Merkel genutzt, um am Rand hasserfüllte, rassistisch motivierte Gegenkundgebungen zu organisieren. Sie hat damit an eine Reihe gemeinsamer Mobilisierungen mit Pegida angeknüpft. Die AfD ermutigt mit ihrer Hetze rechte Gewalt. Sie vergiftet das gesellschaftliche Klima. Sie lehnt die im Grundgesetz verankerte Religionsfreiheit für Muslime ab. Sie ist völkisch-national, rassistisch, frauenfeindlich, homophob, unsozial und undemokratisch. Ihr Spitzenkandidat Alexander Gauland bekannte sich im Wahlkampf dazu, »stolz zu sein auf Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen«. Er drohte damit, die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung Aydan Özogus »in Anatolien zu entsorgen«.
AfD-Vizepräsidenten verhindern
Innerhalb der AfD ist seit der faktischen Entmachtung von Frauke Petry im April 2017 der Neonazi-Flügel um Björn Höcke und André Poggenburg immer stärker geworden. Dieser Flügel setzt auf Straßenmobilisierungen und offene Zusammenarbeit mit Pegida, NPD und Identitäre. Er kann sich auf die Unterstützung von Alexander Gauland und Jörg Meuthen verlassen.
Viele Medien verharmlosen die Partei als national-konservativ. Doch angesichts des Einzugs von Nazis in den Bundestag darf es kein »Business as usual« geben. Was wir brauchen, ist ein starkes antifaschistisches Zeichen an die Gesellschaft, das Menschen ermutigt, gegen die AfD zu argumentieren und zu protestieren. Denn nur eine breite Massenbewegung kann die AfD stoppen.
Wenn die AfD einen Vizepräsident im Bundestag stellen kann, dann wird sie das als Erfolg darstellen. Ihr wird damit bescheinigt, dass sie eine vermeintlich normale Partei ist. Dies trägt zu einer gefährlichen Gewöhnung an diese Partei bei. Deshalb ist es richtig, wenn die Abgeordneten der Partei Die LINKE »Nein« zu einem Vizepräsidenten der AfD im Bundestag sagen. Wir fordern die anderen Parteien auf, gemeinsam mit uns einen Vizepräsidenten der AfD zu verhindern. Das gilt sowohl für Albrecht Glaser, der dem Islam abspricht, kompatibel mit dem Grundgesetz zu sein und Religionsfreiheit für Muslime einschränken will, wie auch für alle anderen Mitglieder der AfD-Fraktion.
Auch Personalvorschläge der AfD zur Besetzung anderer hervorgehobener Positionen im Bundestag lehnen wir ab. Wir begründen diese prinzipielle Haltung damit, dass es sich bei der AfD nicht um eine demokratische Partei wie alle anderen handelt, sondern um eine rassistische, undemokratische Partei, deren Bundestagsfraktion von Neofaschisten dominiert wird. Eine grundsätzliche Ablehnung macht es möglich, öffentlichkeitswirksam über den Charakter der AfD aufzuklären.
Historische Vorbilder
Die LINKE befindet sich damit in der Tradition der Sozialdemokratie von August Bebel und Wilhelm Liebknecht. In den 1880er Jahren hat die SPD alle Angebote der konservativ-antisemitischen Christlichen Sozialen Partei des Hofpredigers Stöcker auf eine Zusammenarbeit im Reichstag standhaft abgelehnt, selbst wenn es um die Durchsetzung von Sozialreformen ging. Grundlage war ein offener Brief von August Bebel und Wilhelm Liebknecht, in dem es hieß: »Wir lehnen es ab, mit Parteien gemeinsame Sache zu machen, die in ihren Bestrebungen reaktionär und deshalb arbeiterfeindlich sind.«
Die konsequente Abweisung der Stöcker-Partei war nicht immer einfach, aber sie hat wesentlich dazu beigetragen, dass die sozialdemokratische Wählerschaft nicht den Antisemiten auf den Leim ging. Der Stöcker-Partei gelang es nicht, wesentliche Teile der Arbeiterklasse auf ihre Seite zu ziehen.
Gegen eine solche eindeutige Haltung werden verschiedene Gegenargumente vorgebracht.

Gegenargument 1: »Die AfD ist demokratisch gewählt, also hat sie auch Rechte.«

Die Abgeordneten der AfD wurden gewählt. Dies ändert nichts daran, dass sie eine Gefahr für die Demokratie darstellen und ihrerseits die demokratischen Rechte von Minderheiten bedrohen. Insofern ist es legitim, die AfD-Kandidaten im Bundestag nicht in Ämter zu wählen. Niemand kann die demokratisch gesinnten Abgeordneten des Bundestags zwingen, die antidemokratischen Kandidatinnen oder Kandidaten der AfD zu unterstützen.
Die Gefahr, die von ihr ausgeht, ist nicht zu unterschätzen: Das Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung hat vor der Wahl eine Untersuchung über alle 235 Kandidaten der AfD zum Bundestag veröffentlicht. Sie rechnete 40 zu den Unterstützern von Frauke Petry und 97 zu den »Unauffälligen«. 98 Kandidaten ordnet sie dem Höcke-Flügel zu. Im Bericht heißt es: »Allerdings finden sich vor allem auf den aussichtsreichen vorderen Listenplätzen viele Anhänger Höckes und Personen mit Verbindungen in die extreme Rechte. (..) . Damit wären die Rechtsaußen in der AfD-Fraktion in der Mehrheit.« Es ist ihre politische Unterlegenheit, die Frauke Petry zu ihrer Ankündigung trieb, nicht in die AfD-Fraktion im Bundestag ein- und aus der AfD auszutreten. Sie kapituliert vor der Stärke des Nazi-Flügels.
Vertreterinnen und Vertreter des nationalkonservativen Flügels wie Alice Weidel und Beatrix von Storch sind selbst völkisch und rassistisch. Alice Weidel hetzt gegen Geflüchtete und Muslime. Von ihr wurde eine Hassmail im »Reichsbürger«-Jargon bekannt. Beatrix von Storch forderte den Schießbefehl gegen Geflüchtete an der Grenze und bezeichnete den Islam als »Fremdkörper«. Auch diese AfD-Vertreterinnen sind nicht wählbar. Enthaltung ist keine Alternative, da es uns als mutlos erscheinen lassen würde.

Gegenargument 2: »Die Grünen und die LINKE sind doch auch mal ausgegrenzt worden, warum wollt ihr jetzt die ausgrenzen?«

Die Grünen wurden in den 1980er Jahren ausgegrenzt. Erst seit 1994 darf jede Fraktion einen Vizepräsidenten vorschlagen, der von den anderen in der Regel gewählt wird und nicht abwählbar ist. Im Jahr 2005 wurde zum ersten und letzten Mal ein Vorschlag einer Fraktion nicht gewählt: Lothar Bisky, Fraktion die LINKE. Die Ausgrenzung der Grünen und später der LINKEN war falsch, denn beide sind demokratische Parteien.
Anders verhält es sich mit der AfD. Es wäre naiv, zu glauben, wenn die anderen Fraktionen »fair« mit den Abgeordneten der AfD umgehen würden, würde die AfD ihrerseits einen »fairen« Umgang mit uns pflegen. Sie kündigt das Gegenteil offen an: Der AfD-Bundestagsabgeordnete Markus Frohnmaier, einst Mitglied der rechten, gewalttätigen »German-Defense-League«, später Pressesprecher von Frauke Petry und nun von Alice Weidel, rief in Erfurt 4.000 AfD-Anhängern zu: »Ich sage diesen linken Gesinnungsterroristen, diesem Parteienfilz ganz klar: Wenn wir kommen, dann wird aufgeräumt, dann wird ausgemistet, dann wird wieder Politik für das Volk und nur für das Volk gemacht.«

Gegenargument 3: »So stilisiert man die AfD zum Opfer der etablierten Parteien«

Die AfD stilisiert sich stets zum Opfer. Tatsächlich macht sie andere zum Opfer. Sie hetzen gegen Geflüchtete, Muslime und Andersdenkende. Sie hat direkte Verbindungen in die gewaltbereite Nazi-Szene. So kam unlängst heraus, dass Maximilian T. – dem vorgeworfen wird, neben Franco A. Teil der in diesem Jahr aufgeflogenen Terrorzelle in der Bundeswehr zu sein – AfD-Mitglied ist. Sie stehen unter Verdacht, eine Todesliste erstellt, 1000 Schuss Munition beiseite geschafft und Anschläge gegen politische Gegner vorbereitet zu haben, die sie Flüchtlingen in die Schuhe schieben wollten.
Wenn die Fraktionen im Bundestag sich von der AfD abgrenzen und keinen AfD-Politiker zum Vizepräsidenten wählen, machen sie die AfD nicht zum Opfer, sondern schwächen sie. Für die harten AfD-Anhänger mag das eine Bestätigung ihrer Selbstwahrnehmung als Opfer sein, für ein weiteres Ausgreifen in die Bevölkerung ist die öffentliche Ächtung als Nazi-Partei oder Halb-Nazi-Partei für die AfD ein großes Problem.
Vorbild ist das Landesparlament in Schleswig-Holstein. Dort wird gegenüber der AfD der »Schweriner Weg« verfolgt. Dabei handelt sich um das Modell, das im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern von allen demokratischen Parteien jahrelang gegenüber der NPD-Fraktion Anwendung fand. Diese Linie ging in Schleswig-Holstein in diesem Jahr einher mit zahlreichen außerparlamentarischen Aktivitäten gegen die AfD im Landes- und Bundestagswahlkampf, getragen von Gewerkschaften und dem Bündnis »Aufstehen gegen Rassismus«. Diese Ausgrenzung hat der AfD nicht genutzt. Im Gegenteil: Schleswig-Holstein ist das Bundesland, wo die AfD bei der Bundestagswahl mit 8,2 Prozent das schlechteste Ergebnis in einem Flächenland geholt hat.

Soziale Kämpfe und Proteste gegen Rechts aufbauen

Die LINKE muss neben der Isolierung der AfD im Parlament klare Kante gegen den Rassismus der AfD zeigen. Sie sollte außerparlamentarische Mobilisierungen gegen die AfD weiterhin aktiv unterstützen, mit dem Ziel eine antifaschistische und antirassistische Massenbewegung aufzubauen. So kann das Klima in der Gesellschaft nach links verschoben, über den Charakter der AfD aufgeklärt und im Bündnis mit den von Rassismus und Sexismus betroffenen Menschen die Ausdehnung der AfD als »Bewegungspartei« verhindert werden.
Es ist die Geschichte, die uns lehrt, wie wichtig diese entschlossene Gegenmobilisierung ist. Auf dem Parteitag der NSDAP 1933 sagte Hitler über den Aufstieg der Nazis: »Allmählich entstand im Staat der Demokratie der Staat der Autorität, […] ein Kern fanatischer Hingebung und rücksichtsloser Entschlossenheit. Eine einzige Gefahr konnte es gegen dies Entwicklung geben: Wenn der Gegner […] mit letzter Brutalität am ersten Tag den ersten Keime der neuen Sammlung vernichtete.«
Der Geschichtslehrer Höcke knüpft bewusst an die Tradition faschistischer Bewegungen in den 20er und 30er Jahren an. Er steht als exponiertester Vertreter in der AfD für einen Aufbau über regelmäßige Massenkundgebungen und Mobilisierungen. Die AfD bezeichnete Höcke als »letzte friedliche Chance für unser Vaterland« – eine implizite Androhung von Gewalt und Bürgerkrieg, sollte sie nicht über das Parlament an die Macht gelangen.
Höcke kann durch Gegendruck gestoppt, und die inneren Widersprüche innerhalb der AfD verstärkt werden. Dies zeigen erfolgreichen Aufklärungs- und Protestkampagne wie zum Beispiel in Berlin-Neukölln. Dort hat ein breites Bündnis systematisch gegen den neofaschistischen AfD-Kandidaten zum Bundestag, Andreas Wild, mobilisiert. Zunächst reagierte der Neuköllner Stadtrat der AfD auf den Druck und trat mit Hinweis auf Andreas Wild aus der Partei aus. Wild wurde in der Folge zu einer so großen Belastung für die AfD-Neukölln, dass sie ihn in letzter Sekunde als Kandidaten zurückzog. Schließlich wurde er sogar aus der Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus ausgeschlossen. Die AfD ging in Neukölln zerstritten in den Wahlkampf und verlor im Vergleich zur Abgeordnetenhauswahl 2016 mehr als 1600 Stimmen und 2,7 Prozent.
In Münster, wo 10.000 Menschen gegen den Auftritt von Frauke Petry und Pretzell demonstriert hatten, landete die AfD bei den Landtags- und Bundestagswahlen ebenfalls unter der 5 Prozent-Marke. In Köln schnitt die AfD bei den Landtags- und Bundestagswahlen unterdurchschnittlich ab, nachdem in der Stadt im April 30.000 gegen den Bundesparteitag der AfD demonstrierten. In Münster und Köln haben neben der LINKEN auch Gewerkschaften, Sportvereine, antirassistische Initiativen, SPD und Grüne zum Protest gegen die AfD aufgerufen.
Neben der Mobilisierung auf der Straße braucht die LINKE eine klare Oppositionspolitik zu einer möglichen Jamaika-Koalition. Sie muss die Auseinandersetzung mit CDU/CSU, SPD, FDP und Grünen führen, die mit ihrer Verschärfung der Asylpolitik, aber auch mit ihrem Neoliberalismus die Entsolidarisierung der Gesellschaft und die Verunsicherung von breiten Bevölkerungsschichten maßgeblich verstärkt haben.
Die LINKE kann zurzeit kaum verhindern, dass die AfD im Kleinbürgertum mit rassistischen Parolen Anhänger gewinnt. Aber sie kann in der Arbeiterklasse weiter Fuß fassen: Als antikapitalistische Protestpartei, die die sozialen Kämpfe, wie beispielsweise Mieter- und Umweltproteste oder Streiks unterstützt, etwa bei Amazon oder in Krankenhäusern. So können die, die sich Sorgen um ihre Zukunft machen, wieder Hoffnung auf Veränderung schöpfen. Erfahrbare Klassensolidarität ist eine wichtige, zentrale Voraussetzung, um das Eindringen der AfD in die Arbeiterklasse zu verhindern. Dies wäre ein wichtiger Beitrag, um den weiteren Aufstieg der AfD zu stoppen und sie wieder gesellschaftlich zu isolieren.
Text im neuen Deutschland

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Rassismus führt zu Massenmord – Solidarität mit den Rohingya in Myanmar https://christinebuchholz.de/2017/09/21/rassismus-fuehrt-zu-massenmord-solidaritaet-mit-den-rohingya-in-myanmar/ Thu, 21 Sep 2017 12:27:57 +0000 http://christinebuchholz.de/?p=6613 Rund 410.000 Rohingya – eine muslimische Minderheit in Myanmar, dem ehemaligen Burma – wurden von der Armee mit Gewalt in die Flucht getrieben. Hunderte sind gestorben, die anderen haben alles verloren.
Ganze Ortschaften wurden durch das burmesische Militär zerstört, Menschen willkürlich hingerichtet. Die Berichte über das Elend und die Brutalität der Militärs sind erschütternd. Said Raad al-Hussein, UN-Hochkommissar für Menschenrechte, nannte die Verfolgung der Rohingya ein „Paradebeispiel für ethnische Säuberungen“.
Die Vorgänge kommen nicht völlig überraschend. Bereits seit Jahrzehnten werden die Rohingya ethnisch diskriminiert. Die Militärdiktatur, die das Land seit 1962 beherrscht, hat ihnen 1982 die Staatsbürgerschaft entzogen. Die Rohingya wurden Opfer einer klassischen rassistischen Sündenbockkampagne. Um Unzufriedenheit in der mehrheitlich buddhistischen Bevölkerung umzulenken, wurden die muslimischen Rohingya zu Eindringlingen erklärt, die in Myanmar nichts zu suchen hätten. Ihre Kultur und ihre Religion wurden als Brutstätte von Terror dargestellt, selbst der Name Rohingya nicht anerkannt. Offiziell wurden sie „Bengalis“ genannt. Das sollte signalisieren: Die gehören nicht hier her, die müssen raus aus dem Land, nach Bangladesch.
Hetze gegen Muslime
Diese Logik ist uns in Europa und auch Deutschland nur allzu bekannt. AfD-Spitzenkandidat Gauland ist mit den burmesischen Militärs im Geiste verbunden, als er öffentlich drohte, die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung sei in Anatolien zu „entsorgen“. Öffentlich plakatiert die AfD gegen eine angebliche „Islamisierung“ Deutschlands, und bekommt dafür im öffentlich-rechtlichen Fernsehen im Wahlkampf immer wieder eine Plattform. Myanmar zeigt, wohin dieser Hetze gegen Muslime im Extremfall führen kann.
Auf die Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi ist im Kampf gegen den Rassismus kein Verlass. Suu Kyi ist Vorsitzende der Nationalen Liga für Demokratie, eine an der internationalen Sozialdemokratie orientierte Partei. Seit 2015 ist sie Regierungschefin und Außenministerin Myanmars. Zu den Übergriffen der Armee hat sie wochenlang geschwiegen. Ebenso zur Behauptung der Militärs, die Rohingyas hätten ihre Dörfer selbst angezündet. San Suu Kyi behauptete dann, „Terroristen“ würden einen „Eisberg an Desinformation“ verbreiten. Hier zeigt sich, wie wenig tiefgreifend der sogenannte Reformprozess in Myanmar war. Er hat das Image des Landes aufpoliert, ohne die tatsächliche Macht des Militärs je gebrochen zu haben.
Bundesregierung gibt schwaches Bild ab
Es ist wichtig, dass das Leid der Rohingya internationale Aufmerksamkeit erlangt. Nur so kann Druck ausgeübt werden, um den Übergriffen Einhalt zu gebieten. Es war dieser Druck, der dazu geführt, dass die britische Regierung einen Monat nach Beginn der jüngsten Gewaltwelle endlich angekündigt hat, die militärische Unterstützung für das Regime in Myanmar einzustellen. Großbritannien hat als ehemalige Kolonialmacht das System des Teile-und-Herrsche eingeführt, dem die Rohingya nun zum Opfer fallen.
Die Bundesregierung gibt ein schwaches Bild ab. Regierungssprecher Steffen Seibert bezeichnete die humanitäre Notlage der Rohingya als „himmelschreiend“. Wir warten aber immer noch auf ein Wort von Kanzlerin Merkel.
Gleichstellung der Rohingya ist notwendig
Diese Ignoranz gegenüber dem Leiden eines mehrheitlich muslimisch geprägten Volkes hat System. Das Interesse der Regierungsfraktionen an den Rohingya ging lange Zeit gegen Null. Im Mai 2015 kam es im Bundestag zur Abstimmung über einen Antrag unter dem Titel „Verfolgt, vertrieben, vergessen – Völkermord an den Rohingya verhindern“. Grüne und LINKE stimmte dafür, die Große Koalition dagegen. Einen alternativen Antrag haben CDU/CSU und SPD nicht eingebracht. Auf offizielle Anfrage der Linken konnte die Bundesregierung im Januar 2017 keinen einzigen konkreten Schritt nennen, den sie selbst gegenüber der burmesischen Regierung unternommen hat, um auf ein Ende der systematischen Diskriminierung der Rohingya hinzuwirken.
Dabei sind die elementarsten Forderungen sehr einfach zu formulieren. Die burmesische Armee muss sich aus der umkämpften Provinz Rakhine zurückziehen, die Flüchtlinge müssen die burmesische Staatsbürgerschaft erhalten und in ihre Orte zurückkehren dürfen. Die Gleichstellung der Rohingya mit den anderen ethischen und religiösen Gruppen in Myanmar ist die Voraussetzung für die Zurückdrängung des Rassismus, der die burmesische Gesellschaft vergiftet und die Herrschaft des Militärs zementiert.
Text auf Linksfraktion.de

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Will Trump Krieg? https://christinebuchholz.de/2017/09/12/will-trump-krieg/ Tue, 12 Sep 2017 10:36:22 +0000 http://christinebuchholz.de/?p=6601 Vortrag auf Einladung der LINKEN, Kreisverband Kassel am 18. August 2017
 
US-Präsident Donald Trump droht Nordkorea mit Krieg. Das beunruhigt viele Menschen – völlig zu Recht.
Bevor ich jedoch auf die gefährliche Eskalation im Pazifik eingehe, vorab ein paar Worte zur US-Innenpolitik, genauer: zu den Vorgängen in Charlottesville und Trumps Reaktionen darauf.
 
Charlottesville
Vor einer Woche haben in Charlottesville, Virginia, Nazis des KKK gegen die Entfernung einer Statue des Konföderierten-Generals Lee demonstriert. Lee kämpfte im amerikanischen Bürgerkrieg des 19.°Jahrhunderts für die Südstaaten und die Beibehaltung der Sklaverei.
Die Gegendemonstration war wütend. Ein Nazi fuhr daraufhin in die Menge, tötete eine Frau und verletzte 19 andere. Als in Nizza, Berlin oder Barcelona Menschen vorsätzlich totgefahren worden sind, da war das ein – Terroranschlag.
Doch was sagt US-Präsident Trump? Er sagt, die Gewalt war auf „vielen“ Seiten. Er nannte noch nicht einmal den Rassismus des Nazis beim Namen. Unter Druck schob er eine solche Erklärung zwei Tage hinterher, nur um sie weitere 24 Stunden später zurückzunehmen. Er behauptete schließlich, es gebe auch vernünftige Leute unter den KKK-Anhängern, und attackierte erneut die Opfer der Nazi-Gewalt.
Dies zeigt: Es gibt einen direkten Zusammenhang zwischen Rassismus von oben und Rassismus von unten. Trumps Rassismus stärkt und legitimiert rassistische Gewalt.
 
Trump verstehen
Wie können wir Trump verstehen? Trump ist ein rassistischer Neurotiker und unberechenbar. Doch das heißt nicht, dass er nicht erklärbar wäre.
Betrachten wir zunächst seine bevorzugte Kommunikationsmethode an: Ansagen per Tweet.
Twitter bietet Trump einen Kommunikationskanal an den traditionellen Kanälen der Politikkommunikation vorbei. Das ist nicht nur eine technische Frage, sondern Ausdruck einer sozioökonomischen Entwicklung. Der Neoliberalismus hat im Laufe der letzten dreißig Jahre Superreiche geschaffen, die so viel Geld haben, dass sie einen komplett eigenen Apparat mitsamt Hauptquartier (TrumpTowers), Privatjets etc. auf eigene Rechnung an etablierten Parteimaschinen vorbeiarbeiten können.
Trump ist eine Art Berlusconi im US-Format: ein Multi-Milliardär mit ganz eigenen globalen Investmentinteressen und Verflechtungen. Er vertritt vor allem seine eigenen Interessen. Deshalb nutzt er den Kommunikationskanal, mit dem er direkt an seine Anhänger appellieren kann.
Das hat seit Wochen zu Spannungen an der Spitze der Gesellschaft geführt. Die herrschende Klasse der USA fühlt sich von Trump nur sehr schlecht repräsentiert. Nun scheint der Bruch mit den meisten bedeutenden Firmenchefs komplett. Nach den ersten Rücktritten aus dem Industrierat, einem Beratergremium des Präsidenten, erklärte Trump noch am Morgen des 16. August: „Für jeden Vorstandschef, der den Industrierat verlässt, habe ich viele, die gerne seinen Platz einnehmen werden.“ Doch je länger der Mittwoch dauerte, desto mehr Vorstandschefs und Verbandspräsidenten kündigten ihren Rückzug aus dem Industrierat an. Die noch bedeutendere Beraterkommission, das sogenannte Strategie- und Politikforum, diskutierte in einer eilig einberufenen Telefonkonferenz sogar über seine Selbstauflösung.
Am Mittag kündigte Trump per Twitter die Abschaffung beider Gremien an. Ein beispielloser Vorgang.
Trump polarisiert, auch innerhalb seiner Klasse. Viele halten ihn für das, was er ist: ein unzurechnungsfähiger Vollidiot. Er repräsentiert nicht das Gesamtinteresse des Kapitals. Mitten im Wahlkampf bereits hatte sich die Spitze der republikanischen Fraktion im Kongress gegen Trump gestellt.
Warum wurde er dennoch gewählt? Nicht, weil Arbeiter ihm in Massen zugeströmt wären: er hat gegenüber früheren republikanischen Präsidentschaftskandidaten nicht an Stimmen dazugewonnen.
Trump hat gewonnen, weil die Demokraten unter Hillary Clinton Millionen an Stimmen verloren haben. Clinton gab ein erbärmliches Bild ab und stand als die Kandidatin der Wall-Street da, die den Arbeitern und Armen nichts anzubieten hatte. In Kombination mit dem anachronistischen und unfairen Wahlsystem konnte Trump so Präsident werden.
Die ideologische Basis von Trumps Kampagne und Politik ist Rassismus. Er hetzte seine Anhänger bei Kundgebungen auf, die mit ihm gegen Mexikaner skandierten: „Build that Wall!“ Er hetzt gegen Moslems. Das verschafft ihn einen Resonanzboden unter einer aufgepeitschten, rassistischen Minderheit. Deshalb kann und will er den Nazis des Ku Klux Klan nicht in den Rücken fallen: Er teilt viele Auffassungen und würde anderenfalls seine Anhänger verlieren.
Das führt zu einer enormen Polarisierung, wie wir sie nun in Charlottesville gesehen haben. Nazis können Gegendemonstranten verletzen und töten, doch der Präsident relativiert das. Alle verstehen: Trump ist der Mann des KKK im Weißen Haus.
Doch nicht alles ist düster. Die Spaltung an der Spitze der Gesellschaft gibt zugleich dem Widerstand gegen diese Politik einen enormen Schub. Nie war ein Präsident so unpopulär. Viele Millionen sind bereits zu mehreren Gelegenheiten gegen Trump auf die Straße gegangen, obgleich er erst wenige Monate im Amt ist.
Allein am letzten Wochenende gab es in Folge von Charlottesville Proteste gegen den weißen Rassismus und Trump in 790 Städten der USA. Ihr Slogan war: „No Trump – No KKK – No fascist USA!“
 
Will Trump Krieg?
Die Demokraten versuchen Trump aus dem Amt zu kippen. Doch nicht Trumps Rassismus ist das Thema, mit dem sie ihn kriegen wollen. Der Punkt, an dem Trump mit dem Rest der herrschenden Klasse kollidiert, ist sein Verhältnis zu Russland.
Das hat zum Teil objektive Gründe: Offenbar macht Trump persönlich gute Geschäfte mit den russischen Oligarchen, während die meisten US-Kapitalisten Russland eher als Konkurrenten oder Feind ansehen.
Trumps Kurs gegenüber Russland hat am Anfang seiner Präsidentschaft auch bei der deutschen Bundesregierung für Empörung gesorgt. Die größte Aufregung, die Trump beim deutschen „Establishment“ erzeugte, war schließlich seine Aussage im Interview mit der Bild-Zeitung, die Nato sei „obsolete“, also „überholt“. Überhaupt solle die USA nicht mehr so viel Geld in die Nato hineinstecken, stattdessen sollen die anderen NATO-Partner mehr zahlen.
Doch der Bundesregierung kam das gar nicht so ungelegen, wie häufig dargestellt. CDU/CSU drängen seit Beginn der Großen Koalition vor vier Jahren auf die Steigerung der Militärausgaben, und haben den Etat in vier Jahren entsprechend überproportional gesteigert. Zum Haushaltsjahr 2017 wurde der größte Militärhaushalt seit dem Zweiten Weltkrieg verabschiedet.
Trump mag nicht gerade beliebt in Berlin sein. Doch weder CDU/CSU, noch die SPD, stellen die enge Zusammenarbeit mit der US-Regierung in Frage. Die Tatsache, dass mit Trump Weltfrieden bedrohter denn je seit Ende des Kalten Krieges ist, hat daran nichts geändert.
Dabei gebe es allen Grund zu einer Überdenkung des Verhältnisses. Ein Beispiel: In einem Interview vom 30. März fragte Trump rhetorisch auf die Aussage, niemand in der Welt wolle einen amerikanischen Präsidenten haben, der über den Einsatz von Atomwaffen redet: „Warum stellen wie sonst her?“
Nun hat er letzte Woche indirekt, aber recht unverhohlen mit einem nuklearen Angriff auf Nordkorea gedroht.
Zitat: North Korea “will be met with fire and fury like the world has never seen if it makes more threats to the United States.”
Und just an diesem Punkt steht Trump keineswegs isoliert da. US-Verteidigungsminister Mattis, der von Ursula von der Leyen als die Stimme der Vernunft gepriesen wurde, sagte diese Woche, „a direct attack on [the US controlled pacific island of] Guam would risk war. Mattis weiter: “I think if they fire at the United States it could escalate very quickly — that’s called war.”
Der ranghöchste Militär Trumps, der amerikanische Generalstabschef Joseph Dunford, sagte gestern nach Gesprächen in Peking: China muss den Druck auf das nordkoreanische Regime verstärken. Sollten die diplomatischen und wirtschaftlichen Optionen scheitern, seien die USA anderenfalls entschlossen, „ihre militärischen Fähigkeiten im ganzen Ausmaß einzusetzen, um unsere Verbündeten in Südkorea und Japan wie auch die US-Heimat zu verteidigen“.
Nun muss man das richtig verstehen. „Fähigkeiten im ganzen Ausmaß“ heißt: Unter Anwendung von Nuklearwaffen.
Kriegsdrohungen und Säbelrasseln entfalten nicht selten eine eigene Dynamik, die leicht außer Kontrolle geraten kann. Schauen wir uns den Kontext an: China liegt mit Japan im Streit um ein paar Inseln. Wenn Japan da mithineingezogen wird, dann wird China seine eigenen Probleme mit dem Regime in Nordkorea hinten anstellen. Überdies würde ein Krieg sofort die Frage auf die Tagesordnung stellen, wer nach dem Sturz des nordkoreanischen Regimes dort das Sagen hat. China wird nicht hinnehmen wollen, dass US-Truppen direkt vor der eigenen Haustür stehen.
Ein militärischer Konflikt zwischen USA und Nordkorea würde schnell die Frage nach dem militärischen Konflikt zwischen die Großmächte USA und China auf die Tagesordnung stellen.
Das ist sehr, sehr beunruhigend.
Verschiedene Kommentatoren in den deutschen Zeitungen wollen das nicht wahrhaben. Wir konnten in verschiedenen Presseorganen in den letzten Tagen lesen, sinngemäß: eines sei beruhigend – niemand hat ein Interesse an einem Krieg.
Das ist richtig und falsch zugleich.
Richtig ist: Alle bevorzugen es, auch Trump, ihre Interessen ohne Krieg durchzusetzen. Doch die Frage stellt sich ganz anders: Kann eine Situation entstehen, in der aus Sicht der Herrschenden zur Durchsetzung der eigenen Interessen keine Alternative zu militärischen Mitteln gibt? Oder, dass eine Dynamik entsteht, die nicht zu bremsen ist? Das kann sehr schnell der Fall sein.
Tatsache ist: in Trumps Streit mit der Mehrheit der kapitalistischen Klasse kommt es zu einem dauernden Austausch von führenden Positionen. Unter dem Strich führt das dazu, dass Militärs eine immer bedeutendere Stellung bekommen. Mittlerweile sind drei der vier höchsten Positionen in der US-Regierung mit ehemaligen Generälen besetzt. Trump könnte sehr schnell auf die Idee kommen, dass ein Krieg gegen einen gefährlichen, vermeintlich kommunistischen Diktator ihm helfen könnte, Widerstände im Innern zu überwinden.
 
Grundsätzlich gefragt: Wie hat sich die Außenpolitik unter Trump verändert?
Fakt: Die US-Außenpolitik wird nicht vom Präsidenten allein gemacht. Und Trump hat auch keineswegs alles verändert. Bereits Obama hat den Pazifik zum Hauptaufmarschgebiet erklärt. Er nannte das den „Pacific turn“. Dies entspricht dem Interesse der Mehrheit des US-Kapitals. Denn die US-Unternehmen sehen sich der Konkurrenz des rasant aufsteigenden Chinas gegenüber. Sie haben ein Interesse daran, die Ausbreitung des chinesischen Einflusses einzudämmen.
Folge war die Umorientierung der US-Streitkräfte auf den Pazifik. Als wahrscheinlichste und bedeutsamste Region für eine militärische Konfrontation sehen US-Strategen das Südchinesische Meer, das Peking vollständig für sich beansprucht – was die Spannungen mit anderen Staaten der Region wie Vietnam oder Japan massiv verschärft hat und zum Einrücken von US-Kriegsschiffe geführt hat. Die Nordkorea-Krise verschärft eine seit langem schwelende Instabilität zwischen den Mächten in der Region weiter.
Es ist falsch, den Urheber der neuen Krise allein in Pjöngjang auszumachen. Es war die Regierung Trump, die die jüngste Eskalation in Gang setzte. US-Vizepräsident Mike Pence warnte im Frühjahr: Die Ära der „strategischen Geduld“ mit den Nukleartests Nordkorea sei vorbei. Er reiste demonstrativ in die demilitarisierte Zone zwischen Nord- und Südkorea. Gemeinsam übten USA und Südkorea das historisch größte gemeinsame Militärmanöver im April nahe der nordkoreanischen Grenze mit mehr als 17.000 amerikanischen und 300.000 südkoreanischen Soldaten – in einer „Blitzübung“ unter Einbeziehung Japans.
Trump befahl eine Flotte amerikanischer Flugzeugträger vor die koreanische Küste. Diktator Kim Jong-un versprach in Vergeltung einen “Vernichtungsschlag”, was die Spannungen weiter hochschraubte.
Schließlich installierten die USA in den vergangenen Jahren das hochreichende Raketenabwehrsystem THAAD in Südkorea, dass die bestehende Kräfteverteilung in der Region in Frage stellt und von China als Bedrohung angesehen wird.
Ist Trumps Politik eine Wiederholung derjenigen von George W. Bush, der 2011 Afghanistan und 2003 Irak angreifen ließ?
Ein Unterschied liegt darin, dass Bushs Vorstöße von weiten Teil des US-Kapitals getragen wurden. Ähnlichkeiten bestehen im Unilateralismus – der Bereitschaft, im Zweifel auch allein einen großen Krieg zu beginnen – mit einem Angriff wie auf den Irak 2003 Fakten zu schaffen.
Die Folgen einer solchen Politik sehen wir heute im Mittleren Osten und Zentralasien: Mit der Zerstörung von Gesellschaften, hunderttausenden Toten, der Massenflucht von Millionen – und als Ergebnis das Entstehen von Terrorgruppen, die sich aus der Verzweiflung von Menschen ohne Perspektive und ohne Hoffnung speisen.
 
Was ist mit dem nordkoreanischen Regime?
Das Regime in Pjöngjang ist eine bizarre Diktatur. Dessen Nuklearwaffen sind zu verurteilen – so wie alle anderen Nuklearwaffen.
In einem Brief an den Auswärtigen Ausschuss hat der Außenausschuss des nordkoreanischen „Volkskongresses“ vor zwei Wochen betont: Nordkorea hat die „Fähigkeit und den Willen bewiesen, die USA nuklear anzugreifen“. Selbst wenn diese Aussage in Zweifel zu ziehen ist: Sie ist nicht gerade geeignet, um das Problem kleiner zu machen.
Aber warum ist es so, dass in den deutschen Medien mehr über die Entwicklung von Raketen am anderen Ende der Welt zu hören ist, als von den 15 bis 20 im rheinland-pfälzischen Büchel lagernden Nuklearwaffen? Hier wird alles so geheim gehalten, nicht einmal die deutschen Parlamentarier wissen, wie viele amerikanische Atombomben hier genau lagern. Geschweige denn, was die Einsatzpläne sind.
Es ist grotesk, angesichts der nuklearen Übermacht der USA und anderer Mächte ausschließlich Nordkorea für sein Atomprogramm zu kritisieren. Im Übrigen lässt dies die Frage offen, wie es überhaupt zu dessen Entwicklung kam.
Der erste nordkoreanische Raketentest fand 2006 statt – nachdem US-Präsident George W. Bush Junior Nordkorea als Teil der „Achse des Bösen“ erklärt hat. Das Regime in Nordkorea musste ernsthaft ein Schicksal wie jenes des Iraks befürchten, der 2003 angegriffen, zerstört und besetzt wurde.
Aus Sicht der Machthaber in Pjöngjang stellt die Entwicklung einer eigenen Atombombe ein Präventionsprogramm gegen eine US-Invasion dar – und ein mögliches Verhandlungstrumpf, so wie der Iran es vorgemacht hat.
 
Mit Trump könnte sich das gefährliche Kalkül als falsch erweisen. Trump wird nicht zögern, hunderttausende Nordkoreaner zu verbrennen, wenn er seine Macht herausgefordert sieht.
 
Widerstand von unten
Die Antwort muss sein: allseitige Deeskalation, umfassende Abrüstung, nuklearwaffenfreie Zonen in Ostasien – und anderswo.
Es ist eine einfache Rechnung: In einem Atomkrieg gibt es nur Verlierer.
Aber Achtung: Wer glaubt, dass die Herrschenden jemals dieser simplen Logik folgen könnten, im wohlverstandenen Eigeninteresse, der begeht einen fatalen Irrtum. Die Konkurrenz der imperialistischen Staaten untereinander, die Abkopplung der Herrschenden von den Interessen der normalen Bevölkerung und der rasende Nationalismus von Machthabern wie Trump schließen echte Abrüstung und dauerhaften Frieden auf dem Weg der Überzeugung aus.
Massenbewegungen und öffentlicher Protest von unten sind der einzige Weg. Denn nur so können wir unsere politische Unabhängigkeit bewahren. Und nur so können wir an die einfachen Menschen in den anderen Ländern appellieren. Die Lösung auf der koreanischen Halbinsel kann nur erreicht werden, wenn Massen auf beiden Seiten der Grenze für eine friedliche Lösung auf die Straßen gehen und Widerstand ausüben – gegen ihre eigenen Herrscher.
Das ist der Grund, warum die Bewegung gegen Trump in den USA nicht nur für die USA wichtig ist, sondern eine globale Bedeutung hat. Denn sie inspiriert die Unterdrückten in anderen Ländern und zeigt, dass Millionen US-Amerikaner Trump nicht folgen.
 
Stärkung der EU und Aufrüstung sind die falschen Antworten
Es gibt ein großes Vorbild in der Geschichte: 1968. Damals verband sich die Bewegung  gegen den Krieg der USA in Vietnam mit der Bürgerrechtsbewegung, die für die gleichen Rechte der Schwarzen in den USA eintraten. Ausgehend von den USA beendete die Bewegung nicht nur den Vietnam-Krieg, sondern zog das politische Klima weltweit nach links.
Die Bewegung heute gegen Trump ist eine Massenbewegung gegen Rassismus. Sie entzündete sich zunächst an dem „Muslim Ban“: Also der Anweisung, ohne Ansehen der Person grundsätzlich alle Staatsbürger aus sieben, dann sechs mehrheitlich muslimisch geprägten Staaten nicht einreisen zu lassen.
In allen diesen Staaten führen die USA offen oder verdeckt Krieg: Syrien, Irak, Jemen zum Beispiel.
Dies verdeutlicht den Zusammenhang zwischen Rassismus und Krieg auch heute. Die Massenbewegung gegen Rassismus hat das Potenzial, die US-Kriege in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu rücken. Deshalb muss für die Linke in Deutschland in ihrer Ablehnung gegen Trump der innere Widerstand in den USA, die amerikanische Anti-Trump-Bewegung, der Bezugspunkt sein.
 
Das ist wichtig. Denn die Bundesregierung, die SPD und auch manche Medien versuchen uns einen anderen Bezugspunkt zu verkaufen: die EU. In den Worten von Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen: „Die USA werden immer unser wichtigster und engster Partner sein, aber wir Europäer dürfen uns nicht länger ableiten von der Stärke Amerikas, von seinem Willen oder Unwillen, in der Welt Präsenz zu zeigen.“
Im Wahlkampf hat nun SPD-Außenminister Gabriel erklärt, das Festhalten der Union am 2-Prozent-Ziel Militärhaushalt am Bruttosozialprodukt der Nato sei eine Unterwerfung unter den Willen Trumps.
Beide Aussagen sind ein Vertuschungsversuch. Von der Leyen will schon seit je her aufrüsten. Und sucht dafür verstärkt bilaterale Allianzen in Europa. Im März 2016, also lange vor Trump, definierte sie für die Bundeswehr 1600 Aufrüstungs- und Modernisierungsmaßnahmen im Wert von 130 Milliarden Euro. Sie schloss militärische Projekte und Abkommen mit Frankreich, Norwegen, Polen, Niederlande und Israel ab. Gemeinsam mit Frankreich und Italien soll eine europäische Kampfdrohne entwickelt werden, die 2025 einsatzbereit ist. Viele andere europäische Rüstungsprojekte könnten genannt werden. Deutschland will zur größten Militärmacht in Europa aufsteigen – und nutzt dafür das Potenzial anderer europäischer Mächte.
Von der Leyen verfolgt ganz eigene imperiale Ambitionen. Das ist keine Alternative zu Trump.
Und was die SPD angeht: Die hat noch jeder Aufrüstungsmaßnahme der vergangenen vier Jahre mitgetragen – vor und nach Trumps Regierungsantritt. Die SPD hat alle Erhöhungen des Militärhaushalts mitgetragen. Allein auf einer Sitzung im vergangenen Juni hat die SPD zusammen mit der CDU/CSU im Verteidigungsausschuss über 20 Aufrüstungsprojekte im Wert von über 11 Milliarden durchgestimmt.
 
Fazit
Mit Trumps Kriegsdrohungen gegen Nordkorea – und da haben wir noch nicht über Venezuela, seine Rolle im Nahen und Mittleren Osten, Afghanistan etc. gesprochen nimmt – erhöht die Kriegsgefahr.
Unser Bezugspunkt sind Gegenkräfte sowohl in den USA, als auch auf der koreanischen Halbinsel.
Wir brauchen eine politische Alternative: Was ist das für ein System, das Leute wie Trump und immer neue Kriege hervorbringt?
Für uns hier in Deutschland bedeutet es, für Abrüstung, gegen Krieg, Nationalismus und Rassismus zu kämpfen.
Da kann jeder und jede einen Beitrag zu leisten: Bei den Demonstrationen am Anti-Kriegstag und am 24. September bei der Wahl. Denn für diese Politik steht DIE LINKE.
 
Ich danke Euch für die Aufmerksamkeit.

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„Ist DIE LINKE jetzt gegen die Trennung von Staat und Kirche?“ https://christinebuchholz.de/2017/07/17/ist-die-linke-jetzt-gegen-die-trennung-von-staat-und-kirche/ Mon, 17 Jul 2017 13:03:12 +0000 http://christinebuchholz.de/?p=6558 Antworten auf Fragen infolge des Parteitagsbeschlusses von Hannover zu Staatsverträgen
Von Christine Buchholz
Auf dem Hannoveraner Parteitag kam es zu Irritationen um einen von der Stadtteilgruppe Barmbek aus dem Bezirksverband Hamburg-Nord eingebrachten Antrag zur Aufkündigung der „Staatsverträge mit den Kirchen“[1]
Dieser Antrag wurde am 10. Juni zu später Stunde von einer knappen Mehrheit des Parteitages angenommen. Am 11. Juni meldeten sich mehrere Personen mit persönlichen Erklärungen zu Wort, darunter die Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau, der Berliner Kultursenator Klaus Lederer, Benjamin Hoff, Chef der Thüringer Staatskanzlei, Claudia Haydt, Mitglied im Vorstand der LINKEN und der Europäischen Linken, mehrere Aktive aus Basisstrukturen der LINKEN sowie ich als Vorstandsmitglied und religionspolitische Sprecherin der Linksfraktion im Bundestag.[2] Alle waren sich einig, dass auch wenn diese Forderung keine praktische Konsequenz gehabt hätte, eine solche Positionierung eine fatale politische Wirkung hätte.
Nach einer begrenzten Debatte beschloss der Parteitag, den am Vortag herbeigeführten Beschluss zu revidieren und lehnte den Antrag aus Hamburg-Barmbek mit einer deutlichen Mehrheit ab.
Ich möchte nun dazu auf ein paar Fragen eingehen:
Frage 1: Sind wir nicht mehr für die Ablösung von Staatsleistungen

Bei den „Staatsverträgen“ geht es nicht um „Staatsleistungen“. Wir sind selbstverständlich für die Ablösung von Staatsleistungen. Das haben wir im Programm auch beschlossen. Im Bundestag haben wir bereits einen Gesetzentwurf zu dem Thema eingebracht und den Antrag auf Einsetzung einer Kommission zur Evaluierung und Ablösung der Staatsleistungen seit dem Jahr 1803, die Wege ausloten soll, diesen Prozess zu organisieren. Alle Anträge wurden von SPD und CDU bisher abgelehnt. Wir werden uns weiter für die Ablösung von Staatsleistungen einsetzen.
Frage 2: Sind wir nicht mehr für die Trennung von Staat und Kirche?
Selbstverständlich sind wir weiterhin für die Trennung von Staat und Kirche. Staatsverträge sind eine Konsequenz aus der Trennung von Staat und Kirche. Sie regeln Angelegenheiten dort, wo es praktisch sinnvoll oder politisch gewollt ist. Von daher ist es unsinnig, die Verträge pauschal in Frage zu stellen. Die Forderung nach Kündigung ist insofern auch folgenlos, weil die Verträge nicht einseitig gekündigt werden können.
Wir kritisieren die Staatsverträge, die wir in der Sache falsch finden und machen gesellschaftlichen Druck für eine Änderung. So beispielsweise den über den Bund und die Kirchen über Militärseelsorge bei der Bundeswehr. Dagegen stellen wir eine Forderung nach einem Vertrag, der eine religiöse Betreuung durch alle Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften und eine freie Religionsausübung der Angehörigen der Bundeswehr garantiert.
Frage 3: Haben die Staatskirchenverträge etwas mit jüdischen und muslimischen Gemeinden und Weltanschauungsgemeinschaften zu tun?
Auch die Rechte von anderen Religionen und Weltanschauungen können über Staatsverträge gesichert werden. Der Zentralrat der Juden und die jüdischen Gemeinden in den Ländern haben Staatsverträge geschlossen, die ihre Arbeit absichern. Auch der humanistische Verband fordert den Abschluss von Staatsverträgen mit allen relevanten Weltanschauungsgemeinden, ebenso muslimische Verbände. Der Humanistische Verband betreibt genauso wie die Kirchen und die jüdischen und muslimischen Vereine Kitas und Schulen. All diese Organisationen leisten ihren Beitrag für die ganze Gesellschaft, auch wenn sie für sich zunächst verschiedene Gruppen ansprechen.
Die Forderung nach Kündigung der Staatsverträge wird von Minderheitenreligionen als Problem empfunden, weil sich für die Gleichberechtigung mit den Kirchen einsetzen.
Deshalb ergänzen wir unsere Grundsatzforderung nach einem Ethikunterricht, in dem auch das Wissen über Religionen vermittelt wird, mit der folgenden Forderung: „Soweit bekenntnisorientierter Religionsunterricht an Schulen als Wahlfach angeboten wird, sollten sich alle Religionsgemeinschaften beteiligen können.“ Auch der Humanistische Verband als der größte Verband areligiöser Menschen spricht sich für Religionsunterricht als Wahl- und einen Ethikunterricht als Pflichtfach aus.
Der Antrag aus Hamburg-Barmbek hätte bedeutet, dass wir uns für die ersatzlose Streichung der Seelsorge in Krankenhäusern und Gefängnissen einsetzen. Das träfe die, die am meisten darauf angewiesen sind, und kann nicht ernsthaft eine linke Position sein.
Religionspolitische Forderungen weiter entwickeln
Das Wahlprogramm 2017, das DIE LINKE im Juni 2017 auf ihrem Parteitag in Hannover beschlossen hat, entwickelt religionspolitische Forderungen weiter.[3] Während das Bundestagswahlprogramm 2009 noch keine religionspolitischen Forderungen enthielt und das Bundestagswahlprogramm 2013 Forderungen nach der Trennung von Kirche/Religion und Staat in den Vordergrund gestellt hat, sind in dem aktuellen Wahlprogramm sowohl Trennung von Staat und Kirche, als auch die Fragen der Religionsfreiheit gleichermaßen ausgearbeitet.
So wird in dem Programm erstmalig gegen Bekleidungs- und Bauverbote Stellung bezogen. Erstmalig werden gleiche Rechte für alle Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften bei Seelsorge oder bekenntnisorientiertem Religionsunterricht gefordert. Zudem gibt es einen stärkeren Bezug auf innerkirchliche Auseinandersetzungen und Reformprozesse, indem die Forderung von militärkritischen Initiativen bei der Militärseelsorge aufgegriffen werden und zu gewerkschaftlichen Auseinandersetzungen innerhalb der Kirchen genauso Stellung bezogen wird, wie zu dem gemeinsame Einsatz von Kirchen, Gewerkschaften u.a. für den erwerbsarbeitsfreien Sonntag.
Zehn Jahre nach ihrer Gründung im Jahr 2007 diskutiert DIE LINKE intensiver als je zuvor über ihr Verhältnis zu Religion und Religionsgemeinschaften und kommt damit ihrem selbstgesteckten Ziel, sich sowohl für umfassende Religionsfreiheit einzusetzen, als auch für die Trennung von Staat und Kirchen, einen wichtigen Schritt näher.
Mit der vom Parteivorstand beschlossenen Kommission Religionen, Weltanschauungen, Staat und Kirche werden wir die Positionen weiter entwickeln.



[2] Persönliche Erklärung zum Beschluss über die Aufkündigung von Staatsleistungen auf dem Hannoveraner Parteitag http://christinebuchholz.de/2017/06/11/persoenliche-erklaerung/ (14.06.2017)
[3] Wahlprogramm der Linken 2017 https://die-linke.de/wahlen/wahlprogramm/ (19.06.2017) Die religionspolitischen Forderungen stehen im Kapitel XVII. Für eine Demokratie, in der es etwas zu entscheiden gibt.
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