Religionskritik und Rassismus – der Fall Westergaard

24. September 2010  Gegen Rechts

Auf meine Presseerklärung zu Merkels Preisverleihung an Westergaard habe ich eine Reihe von Zuschriften bekommen. Hier meine Antwort:

Am 8.9.2010 verliehen die einflussreichsten 100 Chefredakteure Deutschlands in Potsdam den Preis für Meinungsfreiheit an Kurt Westergaard, der mit seinen Mohammed-Karrikaturen in die Schlagzeilen gekommen war. Angela Merkel und Joachim Gauck waren bei der Preisverleihung anwesend. Merkel würdigte als Hauptrednerin Westergaards Mut.

Der dänische Karikaturist Kurt Westergaard ist kein „harmloser Maler“. Westergaard hat mit seiner Karikatur des Mohammed mit gezündeter Bombe im Turban Muslime pauschal als Terroristen dargestellt. Die Zuschreibung negativer Stereotypen zu einer Gruppe ist Rassismus.

Denn Muslime sind nicht gewalttätiger als andere Gläubige oder Atheisten. Nach einer langjährigen Umfrage des amerikanischen Meinungsforschungsinstituts Gallup in 35 Ländern lehnen beispielsweise 93 Prozent der muslimischen Bevölkerung weltweit die Anschläge des 11. September ab.

Das European Network Against Rassism ENAR, dokumentierte die Heuchelei der dänischen Zeitung Jyllands-Posten, in der die Karikatur Westergaards erschien. Die hatte im Jahr 2003 Jesus-Karikaturen zu Ostern abgelehnt. Dies würde ihre Leserschaft „nicht amüsieren, sondern einen Eklat hervorrufen“. Zwei Jahre später bestellte die gleiche Zeitung zwölf Karikaturen über Mohammed. Hier wird mit zweierlei Maßstäben gemessen. Man muss sich nur mal überlegen, wie die Reaktionen ausgefallen wären, wenn Westergard eine antijüdische Karikatur gezeichnet hätte.

Jyllands Posten ist eine einflussreiche, rechte Zeitung in der Geschichte und in der Gegenwart. Als Mussolini 1922 in Italien an die Macht kam, schrieb die Zeitung: Mussolini (..) ist genau das, was das schlechtregierte italienische Volk braucht.“ 1933 sprach sich die Zeitung für eine Diktatur in Dänemark aus.

Bei den Wahlen von 2001 war die Unterstützung von Jyllands-Posten für den Wahlsieg der neoliberalen Venstre-Partei äußerst wichtig.

Jyllands-Posten unterstützte die Politik von Anders Fogh Rasmussen, der auch mit den Stimmen der rechten, fremdenfeindlichen Dänischen Volkspartei regierte. Die Partei hatte sich mit Rassismus gegen Migranten und Muslime im Laufe von zehn Jahren zur drittstärksten Kraft entwickelt. Die dänische Regierung unter Rasmussen war eine der rechtesten Regierungen Europas. Zudem beteiligte sie sich am Irakkrieg.

Westergaard hat mit seinen Karikaturen nicht die herrschende Religion oder Politik in Dänemark kritisiert, sondern die Religion einer diskriminierten Minderheit. Er hat nicht nach oben getreten, sondern nach unten. Muslime in Europa sind wachsendem Rassismus und Übergriffen im Alltag ausgesetzt, wie die aktuelle Studie der Europäischen Union zu Minderheiten in Europa EU-Midis zeigt.

Religionskritik in den Zeiten der Aufklärung war ein Kampf der Unterdrückten gegen die Ideologie der Herrschenden und den Reichtum der Kirche. Ich verteidige nicht die Privilegien der Kirche. Aber ich bin dagegen, dass unter dem Vorwand der Religionskritik Rassismus geschürt und die Religion als Ursache für bestimmte negative Verhaltensweisen ausgemacht wird.


Ausdruck vom: 27.06.2019, 00:02:39 Uhr
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© 2019 Christine Buchholz, MdB